Ärzte Zeitung, 23.01.2017
 

Koronarsyndrom bei Jüngeren

Brustschmerz als Vorbote selten

Bevor sie ein akutes Koronarsyndrom entwickeln, treten bei Frauen häufiger Prodromalsymptome auf als bei Männern. Sie gehen auch öfter damit zum Arzt. Risikomindernde Therapien werden aber bei beiden Geschlechtern nur selten genutzt.

Von Robert Bublak

Koronarsyndrom bei Jüngeren

Bei Männern treten die Vorboten eines Koronarsyndroms seltern auf als bei Frauen.

© ArTo / Fotolia

VANCOUVER. Welche Beschwerden in den Wochen vor Entwicklung eines akuten Koronarsyndroms (ACS) auftreten, ist bisher – zumindest was Frauen betrifft – vor allem für höhere Altersgruppen untersucht worden. Jedoch sind rund ein Fünftel der Patienten mit ACS Frauen und Männer unter 55 Jahren. Nicht zuletzt aufgrund ihrer geringeren Zahl an Lebensjahren tragen sie das höchste Risiko, dass ACS-Symptome bei ihnen übersehen und sie erst mit Verzögerung behandelt werden.

Kanadische Forscher um Nadia Khan von der University of British Columbia in Vancouver haben untersucht, welche Vorzeichen bei jüngeren Patienten ein ACS ankündigen und ob es Unterschiede dabei mit Blick auf das Geschlecht der Betroffenen gibt. 1145 Patienten, die wegen eines ACS stationär aufgenommen wurden, waren an der prospektiven Querschnittsstudie beteiligt, davon 368 Frauen. Anhand eines Fragebogens gaben die Patienten Auskunft darüber, welche Beschwerden sie in den drei Monaten vor dem Ereignis gehabt hatten, ob sie medizinische Hilfe gesucht hatten und wie sie behandelt worden waren.

Im Median waren die Studienteilnehmer 49 Jahre alt. Die meisten, nämlich 85 Prozent der Frauen und 72 Prozent der Männer, berichteten über Prodromalsymptome (Heart 2016, online 13. Dezember). Die Geschlechterdifferenz war statistisch signifikant, Frauen hatten mit im Mittel sechs auch mehr Symptome als Männer mit im Mittel vier. Die Art der Beschwerden unterschied sich aber nicht. Unspezifische Beschwerden überwogen, am häufigsten waren ungewöhnliche Müdigkeit (60 Prozent der Frauen, 42 Prozent der Männer), aber auch Schlafstörungen, Beklemmungen und Armschwäche sowie Armschmerzen. Brustschmerzen traten in beiden Geschlechtern nur bei 24 Prozent der Patienten vor dem ACS auf.

Ärztliche Hilfe gegen die Prodromi suchten Frauen öfter als Männer (49 versus 42 Prozent), und wenn, entschieden sie sich häufiger dafür, einen Krankenwagen zu rufen (52 versus 39 Prozent). Relativ selten erhielten die Patienten vor dem ACS eine risikomindernde Pharmakotherapie. Die Raten für die einzelnen Arzneigruppen lagen zwischen 6 Prozent für Angiotensin-Rezeptorblocker und 37 Prozent für Acetylsalicylsäure (ASS). Tendenziell war die Verordnungshäufigkeit bei Patienten, die den Arzt konsultiert hatten, höher. Doch statistisch relevante Unterschiede gab es bei Frauen nur für die Verordnung von ASS. Bei Männern fielen signifikante Unterschiede bei Plättchenhemmern, Statinen und Betablockern auf.

Die geringen Verordnungsquoten standen in einem gewissen Kontrast zum Risikoprofil der Betroffenen: Rund die Hälfte der Patienten mit Beschwerden vor dem ACS hatten eine Hypertonie, fast 60 Prozent eine Dyslipidämie. Und über 40 Prozent waren Raucher – Nikotinentwöhnung wurde aber keinem einzigen angeboten. "Hier klafft vermutlich eine Versorgungslücke", konstatieren Khan und Kollegen. Die Möglichkeit, während eines potenziell kritischen Zeitraums eine präventive Behandlung einzuleiten, werde nicht genutzt.

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