Forschung und Praxis, 25.10.2004

Unter- und Übertherapie bei Vorhofflimmern

Die Behandlung von Patienten mit Vorhofflimmern in Europa läßt zu wünschen übrig. Nach Ergebnissen einer neuen Erhebung in 35 Ländern (Euro Heart Survey on Atrial Fibrillation) wird bei Patienten mit hohem Schlaganfall-Risiko häufig zu wenig therapiert, bei niedrigem Risiko dagegen oft zuviel des Guten getan.

Anhand der Daten von 5334 erfaßten Patienten mit Vorhofflimmern wollte eine Arbeitsgruppe der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie Aufschluß darüber gewinnen, wie es um die Behandlung von Patienten mit Vorhofflimmern in Wirklichkeit bestellt ist. Ergebnisse präsentierte Professor Harry Crijns aus Maastricht.

Nicht neu ist die Klage, daß zu wenig Patienten mit hohem Risiko zum wirksamen Schutz vor Schlaganfällen eine Antikoagulation mit einem Cumarin-Derivat erhalten. Von dieser Kritik sind nach den aktuellen Survey-Ergebnissen offenbar auch im Jahre 2004 keine Abstriche zu machen: Denn von 4279 Patienten mit Vorhofflimmern, bei denen etwa aufgrund einer Hypertonie, eines Diabetes oder zerebrovaskulärer Ereignisse in der Anamnese ein hohes Schlaganfall-Risiko bestand, erhielten 34 Prozent keine entsprechende Prophylaxe.

Doch auch der umgekehrte Fall - nämlich Übertherapie - scheint keine Seltenheit zu sein. Bei 559 erfaßten Patienten bestand aufgrund fehlender Risikofaktoren nur ein geringer Gefährdungsgrad. Bei ihnen wird heute die Prophylaxe mit dem Thrombozytenfunktionshemmer ASS als ausreichend erachtet. Dennoch erhielten 55 Prozent die bekanntlich nicht risikolose Behandlung mit einem Antikoagulans, berichtete Crijns.

Auch bei 858 Patienten mit asymptomatischem und nur im EKG dokumentierten Vorhofflimmern zogen die Ärzte häufig zu viele Register. Trotz fehlender Beschwerden strebten sie bei fast 40 Prozent dieser Patienten mit Elektrokardioversion und Antiarrhythmika die Wiederherstellung und Stabilisierung des Sinusrhythmus an. Mehr als eine kosmetische Verbesserung im EKG-Bild sei damit nicht erreichbar, konstatierte Crijns. Möglicherweise setzt man diese Patienten sogar unnötigen Risiken aus. (ob)

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