Ärzte Zeitung, 24.06.2015

Herzschrittmacher-Träger

Handy nicht aufs Herz!

Wer kardiale Implantate wie Herzschrittmacher trägt, sollte sein Smartphone besser nicht in der Brusttasche aufbewahren: Die elektromagnetischen Signale können zur Gefahr werden.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Hand(y) nicht aufs Herz!

So besser nicht: Das gilt zumindest für Patienten, die Herzschrittmacher oder andere kardiale Implantate tragen.

© blackday/fotolia.com

MAILAND. Schon länger wird Trägern von Schrittmachern und ICD-Geräten empfohlen, einen Mindestabstand zwischen dem Implantat und mobilen Kommunikationsgeräten einzuhalten. Üblicherweise werden 15 bis 20 Zentimeter angegeben.

Doch die Daten, die dem zugrunde liegen, sind zehn Jahre alt. Es gibt längst neue Implantate; und auch Handys funken immer seltener in den alten GSM-Netzen.

Dr. Carsten Lennerz vom Deutschen Herzzentrum in München (DHM) hat sich in einer Studie des Themas noch einmal angenommen. Die Ergebnisse hat er bei der gemeinsam von der European Heart Rhythm Association (EHRA) und CARDIOSTIM ausgerichteten Tagung EHRA EUROPACE - CARDIOSTIM 2015 in Mailand vorgestellt.

Bei 308 Patienten mit Schrittmachern, ICD-Geräten und CRT-Geräten wurden drei gängige Smartphones direkt auf die Haut oberhalb des Implantats aufgesetzt.

Nicht am linken Ohr telefonieren!

Konkret handelte es sich um das Samsung Galaxy 3, das Nokia Lumia und das HTC One XL. Für die Studie wurden Anrufe mithilfe standardisierter Tests simuliert. Durchgespielt wurden jeweils der Aufbau der Verbindung, das Klingeln, das Sprechen und der Abbruch der Verbindung.

"Wir wissen aus älteren Untersuchungen, dass das Klingeln und der Verbindungsaufbau die heikelsten Phasen sind, deswegen war es wichtig, sie separat zu untersuchen", so Lennerz.

Insgesamt haben die Forscher über 3400 elektromagnetische Interferenztests durchgeführt. Bei einem der 308 Patienten kam es zu Störungen: Der MRT-kompatible ICD dieses Patienten missinterpretierte elektromagnetische Signale des Nokia-Smartphones und des HTC-Smartphones als intrakardiale Signale.

Insgesamt sei das Risiko von Interferenzen damit zwar als gering anzusehen, so Lennerz. Weil sie aber nach wie vor auftreten können, seien die Empfehlungen, die Telefone nicht in Implantatnähe zu halten, weiterhin sinnvoll.

Konkret empfiehlt Senior-Autor Professor Christof Kolb, Leiter der Elektrophysiologie am DHM, dass Handys nicht in der Hemdtasche getragen werden sollten.

Und: Beim Telefonieren sollten sie bevorzugt an das Ohr gehalten werden, das auf der dem Implantat abgewandten Seite liegt, üblicherweise also an das rechte.

Risiko Hochspannungsleitungen

Mit elektromagnetischen Interferenzen beschäftigte sich auch Dr. Katia Dyrda vom Montreal Heart Institute in Kanada. Sie stellte in Mailand eine Untersuchung zu Interferenzen zwischen kardialen Implantaten und Hochspannungsquellen vor.

Der Untersuchung waren Diskussionen um die Sicherheit von Fahrradwegen vorausgegangen, die Hochspannungstrassen kreuzen. Auch die Frage, ob Device-Träger gefahrlos in Umspannwerken und Trafostationen arbeiten können, stand im Raum.

Hintergrund ist, dass Schrittmacher und ICD internationalen Empfehlungen zufolge Feldstärken von bis zu 5,4 kV/m aushalten müssen. Unter Hochspannungsleitungen werden aber teilweise 8,5 kV/m gemessen, und in Trafostationen bis zu 15 kV/m.

Dyrda konnte bei 40 Schrittmachern und ICD zeigen, dass auch hier das Interferenzrisiko gering ist. Schrittmacher mit nominalen (werkseitigen) Einstellungen und bipolarer Stimulation sind demnach gegenüber Feldstärken von bis zu 8,6 kV/m völlig immun.

Wenn die Geräte aber in Richtung höherer Empfindlichkeit oder auch in den unipolaren Modus umprogrammiert wurden, sank die Grenze, bis zu der keine Interferenzen nachweisbar waren, teilweise auf 1,5 kV/m. Bei ICD in Normaleinstellungen gab es bis zu Feldstärken von 2,9 kV/m keine Interferenzen. Keine Unterschiede gab es zwischen links- und rechtsseitigen Systemen.

Insgesamt gebe es keinen Grund für Träger von kardialen Implantaten, Hochspannungsleitungen nicht zu unterschreiten oder zu unterfahren, so Dyrda. Patienten mit ICD oder mit umprogrammierten Schrittmachern sollten allerdings zumindest nicht unter ihnen rasten.

 Ängstliche Naturen können das Risiko senken, wenn sie die Trassen in der Nähe der Masten kreuzen, weil dort die Entfernung zur Stromleitung größer ist. Im Arbeitsumfeld kann es dagegen sehr wohl an manchen Arbeitsplätzen Probleme geben. Hier führt an einer individuellen Risikoanalyse kein Weg vorbei.

Mehr Infos zur Kardiologie unter www.kardiologie.org

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