Ärzte Zeitung, 07.03.2007

Botulinumtoxin wirkt bei spastischem Spitzfuß

Pilotstudie belegt Nutzen bei Schlaganfall-Patienten / Toxin-Injektionen mit Gehtraining kombiniert

HANNOVER (grue). Pilotstudien haben ergeben, dass das Proteinkomplex-freie Botulinumtoxin Xeomin® auch Patienten mit spastischem Spitzfuß oder Hypersalivation hilft. Das Botulinumtoxin ist bereits zur Behandlung von Patienten mit Blepharospasmus oder mit zervikaler Dystonie zugelassen.

Bei reinem Botulinumtoxin Typ A ist das Risiko geringer, dass Patienten Antikörper dagegen bilden, als bei nativen Toxinpräparaten. Darauf hat Professor Stefan Hesse von der Berliner Charité hingewiesen. Das reine Toxin eigne sich deshalb besonders gut zur Langzeittherapie von Patienten mit spastischem Spitzfuß.

Wie der Neurologe auf einem Symposium vom Unternehmen Merz in Hannover berichtet hat, brauchen solche Patienten regelmäßig hohe Toxindosen, damit sich ihre Gehfähigkeit verbessert. "Außerdem müssen sie intensiv trainieren, sonst bringt die Injektionsbehandlung nichts."

In Berlin wurde deshalb bei einer Pilotstudie der Effekt einer kombinierten Therapie geprüft: Sechs Schlaganfallpatienten mit schwerem spastischem Spitzfuß bekamen unter Elektromyografie-Kontrolle eine intramuskuläre Injektion mit 300 Einheiten des hoch gereinigten Toxins. Anschließend wurden die Muskeln für drei Tage elektrostimuliert, um die Toxinaufnahme zu verstärken. Danach absolvierten die Patienten zehn Trainingseinheiten auf dem Gangtrainer oder dem Laufband.

Das Ergebnis: Die Patienten konnten schneller und besser gehen, außerdem verlängerte sich ihre Gehstrecke von im Mittel 107 auf 165 Meter. "Die guten Effekte auf das Gangbild und die Ausdauerleistung sollten nun in einer kontrollierten Studie geprüft werden", so Hesse.

Erste Erfahrungen mit reinem Botulinumtoxin bei Hypersalivation hat Privatdozent Dr. Martin Hecht aus Kaufbeuren gesammelt. Ursache für übermäßigen Speichelfluss sind meist Schluckstörungen, wie sie bei Patienten mit Parkinson-Krankheit oder amyotropher Lateralsklerose vorkommen. Dagegen helfen Botulinumtoxin-Injektionen in die cholinerg innervierten Speicheldrüsen, sagte Hecht. Das Toxin hemmt die Freisetzung von Acetylcholin und verringert so die Speichelproduktion. Dies gelte auch für das gereinigte Toxin, mit dem er bereits zwei Patienten erfolgreich behandelt habe, sagte Hecht.

STICHWORT

Botulinumtoxin

Das anaerobe Bakterium Clostridium botulinum bildet ein Toxin, das selektiv und reversibel die quer gestreifte Muskulatur lähmt. Es ist hauptsächlich bei Spasmen, Dystonien und Hyperhidrosis indiziert. Von den sieben bekannten Serotypen des Botulinumtoxins werden lediglich zwei (Typ A und Typ B) klinisch angewendet. Die derzeit auf dem Markt befindlichen Botulinumtoxin-Präparate haben unterschiedliche pharmakologische Profile. Deshalb sind weder die Dosierungen vergleichbar noch kann die Wirksamkeit bei verschiedenen Indikationen von einem Präparat auf ein anderes Präparat übertragen werden. (ner)

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