Ärzte Zeitung, 31.10.2013

Schilddrüsen-Ca

Bei Älteren öfter Zufallsbefunde

Ob ein Schilddrüsen-Ca aufgrund von Beschwerden oder tastbaren Knoten oder aber rein zufällig bei einer bildgebenden Untersuchung diagnostiziert wird, korreliert offenbar nicht mit den Tumoreigenschaften.

Von Beate Schumacher

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Schilddrüsenkarzinome werden häufig bei der Ultraschalluntersuchung entdeckt.

© Bork / shutterstock.com

HERSHEY. Mindestens 11 bis 15 Prozent aller bösartigen Schilddrüsentumoren werden heutzutage zufällig entdeckt. "Zufällig" heißt: bei einer bildgebenden Untersuchung oder - seltener - bei einer Operation, die eigentlich einem anderen Problem gilt.

US-Chirurgen haben nun untersucht, wie sich diese Inzidentalome von Karzinomen unterscheiden, die bei einer gezielten Abklärung diagnostiziert werden.

Dazu werteten sie die Krankenakten von 238 Patienten aus, die innerhalb eines Jahres an der Universitätsklinik von Hershey in Pennsylvania wegen Schilddrüsenkrebs behandelt worden waren (JAMA Otolaryngol Head Neck Surg 2013, online 10. Oktober)

Bei 31 Patienten war der Krebs zufällig diagnostiziert worden. Der Zufallsbefund war zu 55 Prozent bei CT-Untersuchungen, mehrheitlich wegen anderer Malignome oder wegen unklarer Knoten in der Lunge, erhoben worden. 19 Prozent der Inzidentalome waren beim Ultraschall, 16 Prozent im PET und 7 Prozent in der MRT aufgefallen.

Die Patienten mit zufällig entdecktem Schilddrüsenkrebs waren bei der Diagnosestellung schon deutlich älter, nämlich 56 im Vergleich zu 42 Jahre. Außerdem handelte es sich zu 55 Prozent um Männer, in der Gruppe mit symptomatischen oder getasteten Tumoren hatten Männer nur einen Anteil von 13,5 Prozent.

Der Altersunterschied hängt vermutlich damit zusammen, dass im Alter die Inanspruchnahme bildgebender Untersuchungen zunimmt und damit Zufallsbefunde wahrscheinlicher werden. Der hohe Anteil von Männern könnte dadurch zustande kommen, dass Frauen schon in jungen Jahren regelmäßiger medizinische Routineuntersuchungen wahrnehmen, vermuten die Studienautoren um Frederick Yoo.

Mischung aus mehr Diagnostik und steigender Inzidenz

Keine signifikanten Unterschiede bestanden dagegen im Hinblick auf Eigenschaften und Verhalten der Tumoren: In den meisten Fällen handelte es sich um papilläre Karzinome (84 Prozent der Zufallsbefunde vs. 88 Prozent der gezielt erhobenen Befunde).

Der mittlere Tumordurchmesser (2,15 vs. 2,1 cm) und das Größenspektrum der Tumoren (0,5 bis 9 cm vs. 0,1 bis 8,7 cm) stimmten überein. Der Anteil multifokaler Karzinome war ebenfalls ähnlich (32 vs. 44 Prozent).

Auch in Bezug auf lokale Invasivität (22 vs. 29 Prozent), Lymphknotenbefall (23 vs. 21 Prozent) und Fernmetastasen (0 vs. 0,5 Prozent) gab es keine relevanten Differenzen.

Lediglich beim TNM-Staging waren die Patienten mit Inzidentalomen schlechter dran: Nur 48 Prozent von ihnen hatten einen Schilddrüsenkrebs im Stadium 1, in der Kontrollgruppe waren es 77 Prozent. Diesen Unterschied führen die Forscher um Yoo aber vor allem auf das höhere Alter der Zufallsgruppe zurück - ein prognostisch ungünstiger Faktor, der in die TNM-Klassifizierung eingeht.

Die US-Ärzte ziehen aus ihren Studienergebnissen noch weiter reichende Schlüsse: Seit mehreren Jahrzehnten steigt die Häufigkeit von Schilddrüsenkrebs, ohne dass man weiß warum.

Wäre die Zunahme nur durch eine intensivere Diagnostik verursacht, würde man bei den Zufallsbefunden mehr frühe Krankheitsstadien erwarten als bei den gezielt diagnostizierten Karzinomen. Das ist nach der vorliegenden Studie nicht der Fall.

Andererseits nimmt der Einsatz von bildgebenden Verfahren seit vielen Jahren kontinuierlich zu. Yoo und Kollegen halten es daher für "wahrscheinlich, dass eine Kombination aus einer realen Zunahme der Erkrankungsrate und einer Eskalation diagnostischer Maßnahmen für die beobachtete Inzidenzsteigerung verantwortlich ist".

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Glücklicher Zufall?

[31.10.2013, 18:42:10]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Retrospektive Charakteristika" reichen nicht für weitreichende Schlussfolgerungen!
Die hier zitierte und besprochene Publikation "Characteristics of Incidentally Discovered Thyroid Cancer" von Yoo, F. et al. stammt aus der US-Pennsylvania State University ["The Milton S. Hershey Medical Center"] von der HNO-, Kopf- und Hals-Chirurgie ["Division of Otolaryngology-Head and Neck Surgery, Department of Surgery"]. Sie ist eine rein r e t r o s p e k t i v e Untersuchung von Krankenakten (!) und taugt überhaupt nicht für die darin dargelegten Schlussfolgerungen ["DESIGN, SETTING, AND PARTICIPANTS Retrospective medical record review..."].

Der Vergleich von rein zufällig (ID) detektiertem mit n i c h t zufälligem (NID) Schildrüsenkarzinom ["To compare incidentally discovered (ID) thyroid cancer via non-thyroid-related imaging with nonincidentally discovered (NID) thyroid cancer"] hilft doch gar nicht bei der Erhellung der zunehmenden Inzidenz dieser Indexerkrankung ["may help elucidate the increasing incidence of this disease"]. Dafür sind p r o s p e k t i v e Untersuchungen zu Prävalenz und Inzidenz erforderlich.

Es wurden gerade mal 31 ID- und 207 NID-Schilddrüsen-Karzinome in einem gerade mal 12-monatigen Zeitraum erfasst ["Retrospective medical record review at an academic tertiary care medical center of 31 patients with ID thyroid cancer and 207 patients with NID thyroid cancer evaluated at our institution during a 12-month period"].

Was die Autoren dann unter "CONCLUSIONS AND RELEVANCE" anführen, sind bei den Zufallsbefunden der ID-Gruppe eher fortgeschrittene Tumorstadien bei überwiegend männlichen, älteren Patienten im Vergleich zu NID-Patienten ["Patients with ID thyroid cancer tend to be older at presentation, have higher stage disease, and are more likely to be male compared with patients with NID thyroid cancer"].

Eine Randnotiz noch. Der hierzu gehörende Kommentar: "Glücklicher Zufall?" bezieht sich n i c h t auf die hier referierte Studie aus Pennsylvania State University, sondern auf eine Publikation aus der MAYO-Clinic in Rochester, Minnesota, USA.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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