Ärzte Zeitung, 01.03.2005

Lateinamerikas Jugend hat Aids den Kampf angesagt

Mit deutscher Unterstützung werden Gleichaltrige angesprochen, aufgeklärt und mit Kondomen versorgt

Jonathan Sanchez (links) hat die Lacher auf seiner Seite, als er erläutert, daß ein Kondom nicht über den Kopf gezogen werden sollte. Foto: dpa

Von Bernd Kubisch

Die Jugend in Lateinamerika und in der Karibik hat den Kampf gegen Aids aufgenommen. Länder-übergreifend ist ein Projekt entstanden, das Pilotfunktion hat und welches von Deutschland unterstützt wird.

Anlaufstelle ist ein Büro der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Hier arbeiten junge Menschen aus 35 Spanisch, Englisch und Französisch sprechenden Nationen.

Auf Tischen liegen hunderte Präservative, die meisten in Gold schimmernder Hülle. Auf einigen Verpackungen kleben Mozartkugeln. Andere sind auf Info-Flyern befestigt. Darauf steht auf Spanisch: "Verfall Oktober 2007 - Es gibt Zeit für alles - Es ist Deine Wahl".

"Damit wollen wir Kindern und Jugendlichen klar machen, daß sie viel Zeit haben und nicht zu früh anfangen mit Geschlechtsverkehr, und wenn doch, dann nur mit Kondom", sagt Jonathan Sanchez. Der 22jährige Dominikaner ist einer der Initiatoren der "Condom Crew".

In der Dominikanischen Republik, auf Haiti, in Venezuela oder in Brasilien - HIV- und Aids-Zahlen sowie die verbreitete Unwissenheit sind alarmierend. Aber immer mehr junge Leute mit guten Ideen engagieren sich bei der Aids-Beratung, der sozialen Begleitung Erkrankter sowie der Aufklärung in Slums, Schulen und Discos. Das "Jugend und Aids"-Projekt der GTZ hilft als Multiplikator und verbreitet länder-übergreifend lokale Projekte und Initiativen.

"Junge Menschen kannst du mit witzigen Ideen eher erreichen als mit erhobenem Zeigefinger", sagt Jonathan. An diesem Abend will die Gruppe in Discos in Santo Domingo junge Menschen zum Thema Schutz vor Aids ansprechen und gratis Präservative verteilen.

Zwischen Acapulco Lima und Sao Paulo kämpfen junge Leute gegen Aids, Bildungsnot, Armut sowie für gesundheitliche Aufklärung und Prävention. Auch Kanada und die USA, UN-Organisationen und Nicht- Regierungsorganisationen arbeiten mit oder haben Hilfe zugesagt.

Das GTZ-Büro ist ein wichtiges Forum für die Vernetzung der Projekte sowie die Verknüpfungen von Webseiten mit Beispielen jugendlicher Aktivitäten auf dem ganzen Kontinent. Videos mit Rollen- und Theaterspiel zum Thema Aids sowie Fachliteratur gehören ebenso zur Einrichtung wie Seminare, Workshops und Treffs mit Jugendlichen. Von der Arbeit der "Condom Crew" profitieren so auch andere.

Eine Erfahrung hätten viele Gruppen gemacht, so Jonathan: "Leute mit jugendlichem Outfit und Sprache werden von Gleichaltrigen in Discos und Jugendclubs ernster genommen als mahnende Politiker und sozial engagierte Damen und Herren der Gesellschaft." Andere bestätigen: Junge Menschen haben nicht nur Interesse an Gratis-Kondomen, sondern auch an Diskussionen, Hilfsangeboten und Rat.

Viele wollen wissen, wer bei einer ungewollten Schwangerschaft helfen kann oder wie man mit einem Aids-kranken Freund umgeht. Nach Schätzungen des UN-Programms Unaids ist in Lateinamerika und in der Karibik jeder zweite Neu-Infizierte zwischen 14 und 24 Jahre alt.

Annegret Spelleken leitet das Projektbüro in Santo Domingo. "Das Interesse an unserem Multi-Länderprogramm ist groß." Die finanzielle Förderung sei gesichert. "Die Jugend in allen beteiligten Ländern hat so viele gute Ideen. Unser Projekt hilft bei der Umsetzung."

Immer mehr Disco-Besitzer suchen den Kontakt zu ihrem Team. Besonders gefragt sind Künstler und Kleinkunstgruppen, die sich mit dem Thema Aids beschäftigen und bei Jugendtreffs auftreten.

Erschreckend sei die Unwissenheit über Verhütung und Infektionen, berichten Mitarbeiter des Projekts. Am Beispiel Managua wird deutlich, wie eng Aids und Armut zusammen hängen. In der Hauptstadt Nicaraguas gehen 13- und 14jährige Mädchen auf den Strich, steigen in Autos von Freiern, die Sex ohne Kondom wollen.

Den Streetworkern sagen die Mädchen: "Wir sind auf der Straße, weil wir und unsere Familien in Not sind." In einem der großen sozialen Problemviertel Lateinamerikas mit bitterer Armut, unzureichender Hygiene und Jugendgewalt versuchen die Streetworker, Aids-Beratung zu verstärken und heimatlosen Kindern Unterkünfte zu geben.

In Peru sind über 15 Prozent der 12- bis 17jährigen Mädchen Mütter oder schwanger. Die Aids-Zahlen - auch bei Müttern und Babys - sind gestiegen. Linda war mit knapp 17 Jahren schwanger. Sie ist nicht HIV-positiv, kennt aber den sexuellen Druck, den viele Männer ausüben. Sie sagt: "Mein Freund bestand auf Sex ohne Kondom, meinte, das habe meist keine Folgen. Die Mädchen bei uns im Viertel wissen viel zu wenig über Verhütung und Aids-Gefahren."

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