Ärzte Zeitung, 15.07.2010
 

Brücke nach Osteuropa: Welt-Aidskonferenz

Welt-Aidskonferenz: Brücke nach Osteuropa

Das HI-Virus hält sich nicht an Grenzen. Es kann nur in weltweiter Zusammenarbeit gestoppt werden. Die WeltAidskonferenz mit 25 000 Teilnehmern, die am Sonntag in Wien beginnt, will unter anderem die Politik stärker in die Pflicht nehmen.

WIEN (dpa). Die HIV-Epidemie breitet sich in Osteuropa und Zentralasien ungebremst aus. Jeden Tag stecken sich dort rund 300 Menschen neu mit dem Erreger HIV an. Damit hat die Region eine der höchsten Zuwachsraten. In den Jahren 2001 bis 2008 ist die Zahl der Infizierten um zwei Drittel gestiegen.

Brücke nach Osteuropa: Welt-Aidskonferenz

"No Aids" mahnt das Gesicht eines jungen Mädchens bei einer Aids-Aufklärungsveranstaltung des bulgarischen Rotes Kreuzes in Sofia.

© dpa

Osteuropa ist der Schwerpunkt der 18. Weltaidskonferenz in Wien. Unter dem Motto "Rechte hier und jetzt" will die Konferenz Brücken schlagen zwischen Forschung, Politik, Wirtschaft, Hilfsorganisationen und vor allem den Betroffenen. Außer vielen wissenschaftlichen Foren bietet die Tagung vom 18. bis 23. Juli mit rund 25 000 Teilnehmern aber auch ein buntes Rahmenprogramm mit viel Pomp und Prominenz.

Den Auftakt macht am Samstag der glamouröse 18. Life Ball zugunsten von Aidskranken mit Veranstaltungen im Parlament, dem Burgtheater und dem Rathaus.

Auch im Laufe der Konferenz sollen Aktionen wie ein Menschenrechtsmarsch mit Sängerin Annie Lennox oder die Initiative "Free Hugs 4 Aids" mit kostenlosen Umarmungen in der ganzen Stadt für Schlagzeilen sorgen. Im traditionellen "Global Village" präsentieren sich Hilfsorganisationen und Betroffene aus der ganzen Welt, viele Konzerte und kulturelle Veranstaltungen sollen dort Besucher und Konferenzteilnehmer zum Austausch anregen.

"Es ist aber nach wie vor hauptsächlich ein wissenschaftlicher Kongress", sagt die Wiener Aids-Expertin und Co-Präsidentin der Konferenz, Brigitte Schmied. Beim Thema Aids könne man die Wissenschaft aber nie von der Politik trennen, da sich ohne deren Unterstützung nichts ändere. Dies hätten vergangene Treffen bewiesen: Bei der Welt-Aidskonferenz 1996 im kanadischen Vancouver wurden neue Wirkstoffkombinationen als Durchbruch in der Therapie vorgestellt und deutlich schneller als andere Medikamente zugelassen. "Diese Zusammenarbeit hat vielen Menschen das Leben gerettet", sagt Schmied.

Die Konferenz 2000 im südafrikanischen Durban brachte laut Schmied den Anstoß zu einem veränderten Umgang mit der Krankheit in den Entwicklungsländern. Darauf hoffen die Organisatoren nun auch in Osteuropa: Fast 70 Prozent der weltweit mit HIV infizierten Menschen leben zwar in Afrika, doch in Osteuropa und Zentralasien breitet sich die Krankheit ungebremst aus. Zwischen 2001 und 2008 erhöhte sich dort die Zahl der HIV-Infizierten um 66 Prozent auf 1,5 Millionen Menschen. Hauptbetroffene sind junge Heterosexuelle, die sich durch Sex, aber vor allem beim Drogengebrauch über infizierte Spritzen anstecken.

Fehlende Drogenprogramme wie Spritzentausch oder Ersatztherapie verschlimmern das Problem in der Region. Dazu kommen soziale Ausgrenzung und Diskriminierung von gesellschaftlicher oder politischer Seite. "Wir versuchen, möglichst viele Ärzte und Verantwortliche aus Osteuropa nach Wien zu holen", sagt Schmied.

Eine absolute Zahl kann sie nicht nennen, man arbeite weiterhin daran, möglichst viele Politiker zu erreichen. Dafür stellen viele westliche Teilnehmer wie Microsoft-Gründer Bill Gates oder die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit ihre Prominenz in den Dienst der Sache.

In der offiziellen Erklärung zur Konferenz, der "Wiener Deklaration", fordern die Teilnehmer eine sinnvolle Drogenpolitik auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse statt einer harten Hand gegen Süchtige. Der Forderungskatalog liegt während der Veranstaltung zur Unterschrift bereit, eine der ersten Unterzeichnerinnen war die Mit-Entdeckerin des HI-Virus, Professor Francoise Barre-Sinoussi.

Die Bemühungen um ein Umdenken dürften nicht mit dem Kongress enden, sagt Schmied: "Entscheidend ist die Nachhaltigkeit."

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