Ärzte Zeitung online, 29.11.2017
 

Prä-Expositions-Prophylaxe

HIV-Ärzte fordern PrEP-Erstattung

Ein Apotheker hat mit Hexal günstige Preise für die Wirkstoffe zur Prä-Expositions-Prophylaxe vereinbart. Um die Vorsorge-Chancen noch weiter zu erhöhen, sollten Beratungs- und Laborleistungen in den GKV-Katalog aufgenommen werden, fordern HIV-Ärzte.

Von Christoph Winnat

HIV-Ärzte fordern Erstattung

Homosexuelle Männer gehören zur bevorzugten Zielgruppe der präexpositionellen HIV-Prophylaxe.

© Michael Reichel / dpa

KÖLN/BERLIN. Mitte September landete der Kölner Apotheker Erik Tenberken einen Paukenschlag mit der Nachricht, die HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) radikal verbilligt anbieten zu können. Mit dem Generikahersteller Hexal hat Tenberken über sein Blisterzentrum Kölsche Blister GmbH hohe Rabatte für die zur Prophylaxe geeignete antivirale Wirkstoff-Kombi Emtricitabin + Tenofovir ausgehandelt. Danach kann Tenberken die PrEP radikal verbilligt anbieten: für 50 Euro im Monat. Das entspricht einem Zehntel des Originalanbieterpreises. Damit wird die von Patienten aus eigener Tasche zu zahlende PrEP erstmals für viele aus seriöser Quelle erschwinglich. Vordem, heißt es, hätten viele Patienten aus Kostengründen im Internet Präparate aus Thailand, Indien oder Südafrika bestellt, teils auch ohne Rezept.

Zum Auftakt des privaten Versorgungsprojekts nahmen bundesweit erst acht Apotheken daran teil. Inzwischen hat sein Blisterzentrum, wie Tenberken auf Anfrage versichert, Verträge mit nahezu 60 Apotheken geschlossen, die den patientenindividuell abgepackten Monatsbedarf der PrEP-Kombi zu Sonderkonditionen beziehen (eine Übersicht aller Vertrags-Apotheken findet sich auf der Website www.koelsche-blister.de). 1349 Monatsblister seien seit Beginn der Aktion vor zwei Monaten abgerufen worden, so Tenberken. Offiziell dauert die Kooperation mit Hexal bis Ende kommenden Jahres. Doch habe das zu Novartis gehörende Unternehmen bereits signalisiert, die Rabattaktion über den Tag hinaus weiterlaufen zu lassen.

Dennoch hofft Tenberken, dass sich weitere Generikahersteller anschließen. Das Problem: Nur wenige haben die Zulassungserweiterung für die PrEP. Ursprünglich war Emtricitabin + Tenofovir nur zur Behandlung einer HIV-Infektion zugelassen. Die PrEP-Zulassung für das Original (Truvada®) kam erst im Sommer 2016 und damit nur ein Jahr vor Markteintritt generischer Konkurrenzprodukte. Viele Generikahersteller hätten sich da nicht mehr die Mühe gemacht, noch die Indikation PrEP zu beantragen, so Apotheker Tenberken.

Außer den Medikamenten sind bei der PrEP aber auch ärztliche Beratungsleistungen und Labor-Kontrollen privat zu begleichen. "Da können schnell weitere Kosten von mehr als 400 Euro im Quartal zusammenkommen", berichtet Dr. Knud Schewe, Vorstand der Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (dagnä).

Unter anderem muss vor Verordnung und danach in regelmäßigen Abständen ein negativer HIV-Status bestätigt werden. Auch die Nierenfunktion ist regelmäßig zu kontrollieren, da unter Tenofovir Nierenschäden berichtet wurden. "Für die notwendige, beratungsintensive Betreuung durch HIV-Spezialisten" fordert Schewe jetzt "eine GKV-Lösung". Vorbild könne die "Pille danach" sein, bei der die Medikamente privat zu zahlen sind, aber die vertragsärztliche Beratung nach EBM honoriert wird. Schewe: "Dies wäre ein sinnvoller Schritt, um das Präventionspotenzial der PrEP zu nutzen".

Rückenwind für ihre Erstattungsforderung erhofft sich die Arbeitsgemeinschaft von einer von ihr beauftragten Studie der Universitäten Rotterdam und Duisburg-Essen zur Kosteneffektivität der Vorsorge. Danach könnten unter Annahme eines 85-prozentigen Wirkungsgrades binnen 12 Jahren (zwei Jahre Verbreitung, zehn Jahre vollständige Implementierung) 8900 HIV-Neuinfektionen mittels PrEP verhindert werden. Über 40 Jahre ließen sich die Versorgungskosten für HIV-Infizierte bereits ab einer 30-prozentigen Preissenkung der Originalpräparatekosten mindern, heißt es.

Und auch die temporäre Prä-Expositions-Prophylaxe ("PrEP on demand"), bei der nur rund die Hälfte der zur permanenten Vorsorge benötigten Tabletten erforderlich ist, bewirke bereits eine Einsparung der Gesamtkosten der medizinischen HIV-Versorgung. Allerdings seien Einspareffekte nur langfristig zu erzielen, kurzfristig jedoch "hohe Investitionen notwendig". Das, so dagnä-Vorstand Schewe, erfordere, "politischen Mut und Investitionsbereitschaft".

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Im Gespräch: "An der PrEP wollen wir nicht viel verdienen"

Weitere Beiträge zur Serie:
"Welt-Aids-Tag 2017"

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