Ärzte Zeitung online, 03.05.2017

Ungeimpfte Ärzte

Gefahr für Patienten, Risiko für Kliniken

Ungeimpfte Ärzte und Pflegekräfte sind in Deutschland ein großes Problem. Das wurde bei einer Podiumsdiskussion beim Internistenkongress deutlich. Beispielhaft ist ein Masern- Ausbruch an einer Klinik.

Von Wolfgang Geissel

Gefahr für Patienten, Risiko für Kliniken

Impfschutz sollte in Kliniken selbstverständlich sein.

© arcyto / fotolia.com

MANNHEIM. Menschen in medizinischen Berufen sind häufig nicht geimpft und gefährden damit ihre Patienten. So waren in einer aktuellen Umfrage unter 1200 medizinisch Beschäftigten in der Grippesaison nur 56 Prozent der Ärzte und 35 Prozent der Pflegekräfte gegen Influenza geimpft, wie der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Professor Lothar Wieler, bei einer Podiumsdiskussion des "Deutschen Ärzteverlags" beim DGIM-Kongress berichtet hat. Viele Gründe für fehlenden Schutz wurden genannt, außer "vergessen" und "Zweifel an der Wirksamkeit" aber auch die völlig unbegründete Furcht, "die Impfung könne Grippe auslösen", sagte Wieler.

Fehlender Impfschutz bei medizinischem Personal kann sich dabei auch fatal auf eine Klinik auswirken. Das haben die Lahn-Dill-Kliniken in Wetzlar Anfang des Jahres erfahren. Dort waren Mitte Februar Masern bei einem Arzt festgestellt worden, der sich wahrscheinlich bei einem Patienten angesteckt hatte. Der Mediziner hatte in den zwei Tagen vor Diagnose Kontakt zu 130 Patienten gehabt, berichtete Dr. Norbert Köneke, Medizinischer Direktor der Klinik, bei der Veranstaltung. In Folge wurden die Impfdokumente der 1680 Beschäftigten überprüft und Mitarbeiter ohne sicheren Masernschutz vorübergehend nach Hause geschickt. "Den Klinikbetrieb in dieser Zeit aufrecht zu erhalten, war die größte Herausforderung", betonte Köneke in Mannheim.

Das Fazit: Es gab neun Mitarbeiter mit Masern, zum Glück aber nur einen Patienten mit Hinweisen auf nosokomiale Masern. Bei Laborkontrollen fanden sich 64 Mitarbeiter ohne schützende Antikörpertiter, 62 hätten sich inzwischen impfen lassen, bei zweien war die Lebendimpfung kontraindiziert. "Wir mussten hier nicht viel Überzeugungsarbeit leisten", betonte Köneke.

Außer dem schwierigen Ausbruchs-Management könnten Kliniken künftig auch rechtliche Auseinandersetzungen bei Masern drohen, die nachweislich von ungeimpften Mitarbeitern verbreitet wurden, warnte die Fachanwältin für Medizinrecht, Dr. Maike-Tjada Müller aus Mannheim bei der Veranstaltung. Arbeitgeber seien zudem in der Pflicht, medizinischem Personal die von der STIKO empfohlenen Impfungen anzubieten, ergänzte die Arbeitsmedizinerin Professor Sabine Wicker vom Uniklinikum Frankfurt am Main. Bei Untätigkeit könne im Schadensfall Organisationsverschulden vorgeworfen werden.

Generell sollte stärker vermittelt werden, dass die Impfung medizinischen Personals auch Patienten schützt. Der Begriff Herdenimmunität sei hierzu schlecht geeignet, betonte RKI-Chef Wieler. Besser sollte man von Gemeinschaftsschutz sprechen, und zwar auch, wenn man zum Beispiel vermitteln will, dass die Pertussis-Impfung des Großvaters vor allem auch das Baby in der Familie schützt. Wieler führt Impflücken generell vor allem auf mangelhafte Kommunikation zurück: "Ich finde es bedenklich, dass mich noch nie ein Arzt auf meinen Impfschutz angesprochen hat, und ich bin 56."

[03.05.2017, 15:37:52]
Thomas Georg Schätzler 
Wenn Ärztinnen und Ärzte sich schon nicht impfen lassen wollen, ...
sollten Sie wenigstens ihre Antikörper-Spiegel im Auge behalten. Das gilt übrigens auch grundsätzlich für empirisch-experimentelle Studien über Impfstoffe, Impfverhalten, Impfversagen und Immunstatus-Befunde bei allen Professionen in Klinik und Praxis. Denn die verhaltene Impf-Bereitschaft bzw. -Müdigkeit bei allen Beschäftigten in der ambulanten bzw. stationären  Sicherstellung von Krankenversorgung oder Bekämpfung übertragbarer Erkrankungen ist m. E. etwas grundlegend anderes als eine fundamentalistisch-ideologisiert begründete Impfgegnerschaft. Wobei sich geradezu absurd-esoterische Ablehnungen mit den fadenscheinigsten, pseudowissenschaftlichen Begründungen auch und gerade i n n e r h a l b der Ärzteschaft finden lassen.

Wenn sich bei Laborkontrollen im konkreten Fall 64 Mitarbeiter ohne schützende Antikörpertiter gegen Masern fanden, spricht das zunächst einmal für eine völlig unzureichende Wirksamkeit der Masern-Impfung selbst! Bevor man auf nachlässige, unzuverlässige und verantwortungslose MitarbeiterInnen eindrischt, sollte man überlegen, welche Studien denn einen lebenslangen Impfschutz bei zweimaliger MMR-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln in der frühesten Kindheit bis zum Seniorenalter belegen? Um die Ergebnisse vorwegzunehmen, derartige infektions-epidemiologischen Studien gibt es weder vom zuständigen Robert-Koch-Institut (RKI) noch hinreichend in der internationalen Literatur.

Da wäre es doch für das RKI an der Zeit, wenigstens diese Hausaufgaben zu erledigen! Denn wenn der konkrete Antikörper-Status und die -Titer nicht bekannt sind, nützt eine vom Präsidenten des RKI, Professor Dr. med. Lothar Wieler, vorgestellte aktuelle Umfrage unter 1200 medizinisch Beschäftigten, dass in der Grippesaison nur 56 Prozent der Ärzte und 35 Prozent der Pflegekräfte gegen Influenza geimpft waren, herzlich wenig.

Wie inhaltlich naiv und unbedarft manche infektions-epidemiologische Diskussionen laufen, erkennt man an dem Satz: "Ich finde es bedenklich, dass mich noch nie ein Arzt auf meinen Impfschutz angesprochen hat, und ich bin 56." Welcher Kollege würde denn z.B. einen Spezialisten für Dermatologie und Venerologie nach seinen eigenen, einschlägigen Erfahrungen auf diesem seinen Fachgebiet fragen?

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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