Ärzte Zeitung online, 28.09.2018

Starke Ausbreitung in Europa

Bluspenden auf West-Nil-Virus testen?

In Deutschland breiten sich das West-Nil-Virus und das Usutu-Virus aus. Übertragen werden die Erreger von heimischen Mücken, Infektionen bleiben aber oft unerkannt. Ein Tropenmediziner spricht sich für eine Diskussion über die Sicherheit von Blutspenden aus.

Von Anja Sokolow

189a0301_8133536-A.jpg

Blutkonserven-Vorrat: Sollte diese künftig konsequent auch auf Erreger wie das West-Nil-Virus utersucht werden? © Friso Gentsch / dpa

© Friso Gentsch / dpa

HAMBURG. Angesichts der Ausbreitung des West-Nil-Virus und verwandter Erreger in Deutschland spricht sich ein Tropenmediziner für eine neue Diskussion zur Sicherheit von Blutkonserven aus.

"Blutspendedienste müssen sich damit in Zukunft stärker auseinandersetzen", sagte Professor Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburger der Nachrichtenagentur "dpa".

Bis Mittwoch registrierten Forscher den Erreger des West-Nil-Fiebers bundesweit bei insgesamt sieben Vögeln und einem Pferd, wie das Robert Koch-Institut (RKI) mitgeteilt hat.

Nachgewiesen wurde der Erreger bisher bei drei in Gefangenschaft gehaltenen Eulen, bei drei Greifvögeln sowie kürzlich bei einer Amsel nahe Rostock und bei einem Pferd im südlichen Brandenburg.

Alle infizierten Tiere wurden demnach innerhalb eines 160 Kilometer breiten Streifens etwa zwischen München und Rostock gefunden.

Autochthone Infektionen von Menschen wurden in Deutschland zwar bislang nicht bekannt, aber das RKI bringt fünf Infektionen mit Reisen nach Italien, Serbien und Rumänien in Zusammenhang.

In Europa sind in diesem Jahr mehr Fälle von West-Nil-Fieber gemeldet worden als in den vergangenen fünf Jahren zusammen, berichtet die Seuchenbehörde ECDC in Stockholm. Registriert wurden nach dem Bericht 1505 Erkrankungen und 115 Todesfälle, die meisten davon in Italien, Griechenland, Serbien und Rumänien (siehe nachfolgende Grafik).

Blutspende-Ausschluss bei Reisen

Bisher testeten nur einige Dienste Blutkonserven standardmäßig auf das West-Nil-Virus und das eng verwandte Usutu-Virus, sagte Schmidt-Chanasit.

Nach einer Anordnung des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts müssen bislang die Dienste, die nicht testen, Reisende bis 28 Tage nach Rückkehr aus Endemieregionen mit West-Nil-Fieber zurückstellen.

"Man sollte überlegen, ob das noch sinnvoll ist", so der Tropenmediziner. Für das eng verwandte Usutu-Virus gibt es demnach noch keine Regelung.

"Usutu- und West-Nil-Viren haben beide die gleiche humanmedizinische Relevanz", betonte Schmidt-Chanasit. "Mittlerweile weiß man, dass sich in den Regionen, wo beide Viren gleichzeitig zirkulieren, mehr Menschen mit dem Usutu-Virus infizieren als mit dem West-Nil-Virus. Das West-Nil-Virus war wegen eines großen Ausbruchs in den USA nur wesentlich präsenter in den Medien."

Vögel gelten als wichtigster Wirt des West-Nil-Virus, das durch Mückenstiche auch auf Pferde oder Menschen übertragen werden kann.

Eine Infektion kann zu Fieber, Kopfschmerzen und Hautausschlägen führen. In seltenen Fällen kann das Virus die Blut-Hirn-Schranke überwinden und zu Meningitis, Enzephalitis und Lähmungen führen.

Infektionen mit den Viren bei Menschen, die in Laboren festgestellt werden, sind seit 2016 in Deutschland meldepflichtig, betont das RKI.

In etwa 80 Prozent der Fälle bleibe eine Infektion aber unbemerkt, da sie ohne Symptome verläuft, sagte Schmidt-Chanasit. Selbst im Falle von Symptomen bleibe die Infektion oft unerkannt. "Oft gehen Ärzte von einer Sommergrippe aus", so der Experte.

"Viren verschwinden nicht mehr"

"Viele Hausärzte kennen diese neuen, exotischen Viren noch gar nicht. Man kann davon ausgehen, dass schwere Fälle auftreten müssen, die dann an Uni-Kliniken behandelt werden. Dort besteht dann die Möglichkeit, dass die Erkrankung diagnostiziert wird", so Schmidt-Chanasit.

Wildvögel fungieren als Hauptwirte für die Viren. Immer wieder gibt es größere Ausbrüche, bei denen viele Vögel sterben.

"In diesem Jahr konnten sich die Viren aufgrund der Hitze besonders gut vermehren. Wir hatten so viele positiv getestete Vögel wie in den Jahren 2010-2016 zusammen", so Schmidt-Chanasit mit Blick auf das UsutuVirus.

Bürger schicken regelmäßig verendete Vögel an sein Institut, das die Tiere dann untersucht. Das Usutu-Virus konnte sich laut Schmidt-Chanasit schon flächendeckend in Deutschland ausbreiten.

"Beim West-Nil passiert das sicher auch", so der Arzt. "Die Viren verschwinden nicht mehr." (dpa, Mitarbeit: eis)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Vom Chefarzt zum Hausarzt-Assistenten

Selten dürfte es sein, wenn nicht einmalig: Dr. Roger Kuhn hat seinen Chefarztposten im Krankenhaus aufgegeben, um in einer Hausarztpraxis zu arbeiten – als Assistent. mehr »

Keine Notdienstpflicht für ermächtigte Krankenhausärzte

Muss ein ermächtigter Klinikarzt auch KV-Notdienst leisten? Nein, hat das Bundessozialgericht jetzt entschieden. mehr »

Wenn die Depressions-App zweimal klingelt

Smartphone-Apps könnten helfen, eine beginnende Depression oder ein hohes Suizidrisiko aufzuspüren. Lernfähige Algorithmen könnten ein verändertes Nutzerverhalten erkennen – und notfalls Alarm schlagen. mehr »