Ärzte Zeitung, 17.11.2005

Viele Tausende haben eine Virushepatitis, ohne es zu wissen

Infektionen mit Hepatitis B und C werden häufig immer erst spät erkannt / In der Therapie gibt es große Fortschritte

Nur bei wenigen chronischen Krankheiten hat es in den letzten Jahren so erfreuliche Therapie-Fortschritte gegeben wie bei der Virushepatitis, vor allem bei der Hepatitis C. Noch vor wenigen Jahren gab es für die meisten Patienten keine wirksame Therapie, inzwischen können wohl viele geheilt werden.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Dennoch: Infektionen der Leber bleiben eine medizinische Herausforderung, denn nicht alle Hepatitisviren sind mit den modernen Arzneimitteln in Schach zu halten. Und viel zu häufig werden chronische Leberinfektionen nicht oder viel zu spät erkannt. Virushepatitis ist daher heute ein Thema eines Symposiums. auf der Medica.

"Auch bei Ärzten haben Lebererkrankungen leider immer noch ein Schmuddelimage", sagt Privatdozent Thomas Berg von der Charité in Berlin, der über Hepatitis C berichten will. Lebererkrankungen gelten als Problem von Alkoholikern und Fixern. Das stimmt auch, sagt der Arzt. Es ist aber nur ein Teil der Wahrheit.

Drogen, Blut und Sex bereiten den Viren den Weg

Virusinfektionen der Leber sind mindestens genauso sehr ein Problem medizinischer Einrichtungen: Unhygienisches Arbeiten, unvorsichtiger Umgang mit Blutprodukten, mit Nadeln oder mit Operationsbesteck, schließlich infizierte Blutprodukte selbst, all das können medizinische Ursachen einer Leberinfektion sein.

    Bei Hepatitis C ist wahrscheinlich eine Heilung möglich.
   

Darüber hinaus wird vor allem die Hepatitis B auch in der Bevölkerung durch Geschlechtsverkehr weitergegeben. Die Viren landen so bei Menschen, die nie etwas mit Drogen, Blutprodukten oder medizinischen Eingriffen zu tun hatten.

"Etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung ist mit Hepatitis-B- oder C-Viren infiziert. Beide Formen sind etwa gleich häufig", sagt Privatdozent Dr. Christoph Sarrazin, Leberexperte vom Klinikum in Homburg an der Saar. "Etwa zwei Drittel der Hepatitis-C-Infektionen verlaufen chronisch. Bei der Hepatitis B sind es etwa zehn Prozent", so Sarrazin, der über Hepatitis B berichten will.

Jede zweite Infektion mit Hepatitis C bleibt unerkannt

Das Problem bei chronischen Leberentzündungen sind nicht so sehr die Beschwerden: Häufig bemerken die Betroffenen die Infektion jahrelang nicht. Zu einem lebensbedrohlichen Problem wird chronische Virushepatitis, wenn sie zum chronischen Leberversagen führt, der Leberzirrhose. Die läßt sich durch eine gezielte Therapie bei vielen Betroffenen verhindern.

Vor allem deswegen ist es so wichtig, daß Ärzte diese Infektionen auch erkennen. Doch daran hapert es gewaltig: "Genaue Zahlen gibt es nicht, aber wir schätzen, daß etwa die Hälfte der Hepatitis-C-Infektionen unerkannt bleibt", sagt Berg. "Aufklären, aufklären, aufklären", heißt deswegen seine Devise.

Ist die korrekte Diagnose einmal gestellt, dann gibt es zumindest bei der chronischen Hepatitis C hohe Erfolgschancen, wenn eine Kombinationstherapie eingesetzt wird. Sie enthält pegyliertes Interferon und Ribavirin. Beides sind Substanzen, die die Viren zurückdrängen können.

Bei den Hepatitis-C-Virus-Subtypen 2 und 3 können sie bei etwa 80 Prozent der Patienten die Viruskonzentration im Körper anhaltend unter die Nachweisgrenze drücken. Schwierig ist die Therapie weiterhin beim Hepatitis-C-Subtyp 1, mit dem in Deutschland etwa zwei Drittel der Betroffenen infiziert sind.

Hier gelingt bisher nur bei etwa der Hälfte der Patienten eine erfolgreiche Unterdrückung der Viruskonzentration. Werde diese Konzentration dauerhaft unterdrückt, sei das bei der Hepatitis C meist gleichbedeutend mit Heilung, wie Berg betont. Mit anderen Worten: Die Infektion kommt nicht wieder.

Bei der chronisch-aktiven Hepatitis B sieht es nicht ganz so günstig aus. Deshalb ist auch die Impfung so wichtig, die heute allen Kindern und Jugendlichen sowie Menschen aus Risikogruppen empfohlen wird. Behandelt wird bei Hepatitis B meist mit einer Monotherapie aus Interferon oder aber mit einem Hemmstoff der Virusvermehrung wie Lamivudin oder dem aus der HIV-Medizin bekannten Adefovir.

"Eine Heilung, wie sie bei Hepatitis C wahrscheinlich möglich ist, erreichen wir bei der chronisch-aktiven Hepatitis B nicht", so Sarrazin. Bei konsequenter Therapie können die Patienten aber ein hohes Alter erreichen, wenn die Viren im Körper bleiben. Dem Problem der Resistenz, die bei antiviralen Medikamenten auftreten kann wie bei einem Antibiotikum, wollen Forscher mit neuen Therapiestrategien begegnen.

Auch für die Behandlung von Patienten, bei denen die problematischen Subtypen Hepatitis C Typ 1 oder Hepatitis B Typ B vorliegen, werden bessere Behandlungen gesucht. Bei der Hepatitis C scheint sich die Wirksamkeit des Interferon alfa zu erhöhen, wenn es an Albumin gekoppelt wird. Das Riesenmolekül hat in Studien bei 65 bis 70 Prozent der mit dem Hepatitis C Typ 1 Virus infizierten Patienten ein dauerhaftes virologisches Ansprechen bewirkt.

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