Ärzte Zeitung, 14.04.2016

Lieferengpässe

Das Impfstoff-Dilemma

15 Impfstoffe sind derzeit in Deutschland über Wochen bis Monate nicht lieferbar, berichtet das Paul-Ehrlich-Institut. Hinzu kommen elf Grippe-Impfstoffe, die vergriffen sind. Es gibt vielerlei Gründe, warum Vakzine oft knapp werden.

Ein Leitartikel von Wolfgang Geissel

Das Impfstoff-Dilemma

Eine Impfung: Die Herstellung eines modernen Kombinationsimpfstoffs dauert in der Regel ein bis zwei Jahre.

© sharryfoto / fotolia.com

LANGEN. Seit Jahren kommt es in Deutschland immer wieder zu Lieferengpässen von Impfstoffen: 15 Präparate sind zur Zeit nach einer Liste des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen für Wochen und Monate nicht erhältlich.

Für Ärzte und Patienten können solche Wartezeiten ein großes Ärgernis sein. Denn nicht immer lässt sich auf einen alternativen Impfstoff ausweichen.

Die schwierige Versorgung hat mehrere Gründe: Immer weniger Impfstoffhersteller gibt es weltweit, und sie stellen immer komplexere Präparate her, die auf den Punkt produziert werden.

Die Nachfrage steigt: Vor allem viele Schwellenländer haben in den vergangenen Jahren ihre Impfkalender ausgeweitet. Auch gilt es, flexibel auf Ereignisse wie etwa die Masernepidemie im vergangenen Jahr zu reagieren.

Abgesehen von einigen wenigen Firmen etwa in Schwellenländern wie Indien und China, die vor allem einfache Produkte für lokale Märkte produzieren, teilen sich im wesentlichen vier große Unternehmen in Europa und Nordamerika über 95 Prozent des Impfstoff-Weltmarkts: GlaxoSmithKline (GSK), Sanofi, Pfizer und Merck (in Europa Sanofi Pasteur MSD).

Als weitere große Firma hatte Novartis im vergangenen Jahr den größten Teil seines Impfstoffgeschäfts aufgegeben. Dass in naher Zukunft weitere große Pharmahersteller hinzukommen, ist nicht zu erwarten.

Auch hat sich bisher noch kein Generika-Hersteller an die Vakzine-Produktion herangewagt.

Enorme Investitionen und ein langer Atem nötig

Wie groß das Gewicht einzelner Impfstoffhersteller mittlerweile ist, zeigt das Beispiel GSK. Das Unternehmen hat weltweit 17 Produktionsstandorte für Impfstoffe in Singapur, Indien, China, USA und Europa sowie drei Forschungszentren.

40 Prozent der Kinder auf der Welt werden mittlerweile mit mindestens einem GSK-Präparat geimpft.

Die Zentrale der Impfstoffsparte liegt in Wavre bei Brüssel, wo GSK zusammen mit den Produktionsstätten im benachbarten Rixensart und in Gembloux das größte Impfstoffwerk der Welt betreibt.

Gut 5800 Menschen arbeiten hier, wobei 1300 allein für die Qualitätskontrolle der Impfstoffe zuständig sind.

Weil Vakzinen in der Regel völlig gesunden Menschen verabreicht werden, sind die Ansprüche an die Sicherheit und die Verträglichkeit deutlich höher als bei anderen Medikamenten.

Um dies zu belegen, sind besonders große Studien nötig. Für neue Impfstoffe sind zudem enorme Investitionen und ein langer Atem erforderlich: Vier Jahre dauert nach Angaben von GSK der Bau einer Produktionsstätte, ein weiteres Jahr, bis die nötigen Herstellungsprozesse validiert sind.

Die Produktionshallen sind hermetisch von der Außenwelt abgeschottet und erfüllen die Anforderungen mikrobiologischer Sicherheitslabors. Riesige Filter säubern die Luft von Bakterien, Schmutzpartikeln und Feuchtigkeit, um Kontaminationen zu vermeiden.

Nach dem Bau und der Validierung dieser Fabrikanlagen folgen bis zu drei weitere Jahre, bis die Zulassungsbehörden der Abnehmerländer die Herstellung genehmigt haben. Als Kosten sind insgesamt 250 bis 300 Millionen britische Pfund (310 bis 370 Millionen Euro) zu veranschlagen.

Ist ein solches Werk erst einmal in Betrieb, dann steht die Produktion zudem immer unter den Argusaugen der internationalen Zulassungsbehörden. In Wavre sind Inspekteure dieser Institutionen an 250 Tagen im Jahr präsent.

Produktionszeit von über zwei Jahren

Die Herstellung eines modernen Kombinationsimpfstoffs dauert zudem in der Regel ein bis zwei Jahre. Für den Sechsfach-Impfstoff (Infanrix hexa®) für Säuglinge von GSK sind sogar 26 Monate nötig. Besonders viel Erfahrung ist dabei für die Anzucht und Vermehrung der dazu nötigen lebenden Organismen nötig.

Die Mikroorganismen können selbst auf minimale Änderungen des Herstellungsprozesses sensibel reagieren, und ihre Potenz zur Immunisierung von Menschen wird abgeschwächt oder ist dahin.

Bei der Sechsfachvakzine kommen die Komponenten aus Deutschland (Diphtherie, Tetanus), Belgien (azelluläre Pertussis, Hepatitits B, inaktivierte Polio) und Singapur (Hib). Mit solchen Kombinationsvakzinen haben sich in den vergangenen Jahren die Impfraten stark verbessern lassen.

Jede Impfstoffkomponente und jede Charge muss einen langwierigen Prozess mit hunderten von Tests durchmachen, bevor sie von der Zulassungsbehörde freigegeben wird. Auch dies kann zu Lieferengpässen führen. Denn bei Nichtbestehen der Tests müssen einzelne Impfstoffchargen vernichtet werden.

Erst wenn die nachfolgende Charge wieder produziert ist, kann nachgeliefert werden. Und: Weil die Anforderungen einzelner nationaler Zulassungsbehörden voneinander abweichen, kann eine für ein Land abgefüllte Impfstoffcharge nicht ohne Weiteres an ein anderes Land geliefert werden.

"Die Herstellung eines herkömmlichen Arzneimittels ist ähnlich schwierig wie ein Auto zu bauen, die Herstellung eines Biological ähnelt vom Schwierigkeitsgrad her der Produktion eines A380. Die Produktion eines Kombinationsimpfstoffs ist aber so komplex wie der Bau eines Space Shuttle", hat kürzlich John McGrath, Senior Vice President von Global Industrial Operations Vaccines von GSK, bei einer Veranstaltung seines Unternehmens gesagt.

Die großen Anforderungen an die Präparate werden daher auch in Zukunft für Lieferengpässe sorgen.

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