Ärzte Zeitung online, 11.05.2019

Prävention im Alter

Lebensrettende Impfungen

Pneumokokken- und Influenza-Infektionen können gerade für ältere Menschen gefährlich sein. Doch die Impfprävention wird bei diesen Erkrankungen noch zu selten genutzt.

Von Peter Stiefelhagen

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Experten erinnern: Mit keiner anderen Impfung lassen sich in Deutschland mehr Leben retten als mit der Influenza-Vakzine.

© JPC-PROD / stock.adobe.com

WIESBADEN. „Es gibt Impfstoffe mit hoher und solche mit mäßiger Effektivität“, erinnerte Professor Thomas Weinke, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie und Infektiologie am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. Zu ersteren gehören die Impfungen gegen Hepatitis A und B, Polio, MMR, Tetanus, HPV, Diphtherie, Gelbfieber, Rotaviren und Varizella-Zoster.

Doch gegen Pneumokokken, Influenza, Pertussis, Typhus und Cholera stehen nur Impfstoffe mit mäßiger Effektivität zur Verfügung. Impfstoffe mit mäßiger Effektivität garantieren keinen absoluten Schutz, der Geimpfte kann also trotz Impfung erkranken.

Influenza-Vakzine schützt das Herz

„Mit keiner anderen Impfung lassen sich hierzulande mehr Leben retten als mit der Influenza-Impfung“, so Weinke beim Internistenkongress in Wiesbaden. Mit der Impfung werde nicht nur die Influenza und die sekundäre bakterielle Pneumonie verhindert, sondern auch die kardiovaskuläre Morbidität reduziert, da die systemische Inflammation einen wichtigen Risikofaktor für ein kardiovaskuläres Ereignis darstellt.

So ist in den ersten sieben Tagen nach einer Influenza-Infektion das Infarktrisiko um den Faktor 7 erhöht. „Die Influenza-Impfung ist genau so effektiv im Rahmen der kardiovaskulären Prävention wie Statine, Rauchstopp oder Antihypertensiva“, so Weinke.

Besonders gefürchtet ist ja die sekundäre Pneumokokken-Pneumonie, die nicht selten zum Tod führt. Es besteht eine viral-bakterielle Synergie, das Influenza-Virus erhöht die bakterielle Adhärenz und verändert die Immunantwort im Sinne einer vermehrten Entzündungsreaktion.

Insgesamt ist die Influenza-Mortalität mit der Komorbidität assoziiert: Bei einer chronischen Herzerkrankung steigt sie um das 5-Fache, bei einer chronischen Lungenerkrankung um das 12-Fache, wenn beides vorliegt, sogar um das 20-Fache.

Geimpft werden sollten grundsätzlich alle Schwangeren ab dem 2. Trimenon, bei einer erhöhten gesundheitlichen Gefährdung infolge eines Grundleidens schon ab dem 1. Trimenon. Das gleiche gilt für alle Personen mit einem erhöhten Risiko.

Diese Personen profitieren besonders von einem Grippe-Schutz:

  • mit chronischen Erkrankungen der Atmungsorgane wie Asthma oder COPD,
  • mit chronischen Herz-Kreislauf-, Leber- und Nierenkrankheiten,
  • mit Diabetes und anderen Stoffwechselerkrankungen,
  • mit chronischen neurologischen Erkrankungen wie MS,
  • mit HIV-Infektion,
  • Personen mit angeborener oder erworbener Immundefizienz oder Immunsuppression,
  • Bewohner von Alten- oder Pflegeheimen.

Neu: Herpes zoster-Impfung

Der Herpes zoster entsteht ja durch eine Reaktivierung latenter Varizella-Zoster-Viren (VZV), die in den Ganglien „schlummern“. Mehr als 95 Prozent der Erwachsenen sind gesunde Träger von latenten VZV. Der Impfstoff gegen Herpes zoster ist ein latenter Virus-Blocker, er verhindert die Reaktivierung latenter VZV und somit die Manifestation eines Herpes zoster, aber auch die Replikation latenter VZV und mildert so die Schwere der Erkrankung.

„Eine solche Reaktivierung tritt dann ein, wenn die zellvermittelte Immunität unter einen kritischen Stellenwert sinkt“, so Weinke.

Der Impfstoff boostert die zellvermittelte Immunität. Mit dem adjuvantierten Totimpfstoff wird eine Effektivität von über 90 Prozent erreicht, auch das Risiko einer Post-Zoster-Neuralgie wird günstig beeinflusst. Doch das Adjuvanz bei diesem Impfstoff verursacht nicht selten lokale (Schmerz, Rötung, Schwellung) und systemische (Myalgie, Kopfschmerz, Fieber) Komplikationen.

Die Standardimpfung, die jetzt auch eine Kassenleistung ist, umfasst die zweimalige Impfung im Abstand von zwei bis maximal sechs Monaten. Geimpft werden sollten alle Personen ab 60 Jahre, solche mit einer erhöhten gesundheitlichen Gefährdung für das Auftreten eines Herpes zoster ab 50 Jahren.

Patienten mit diesen Erkrankungen haben ein erhöhtes Herpes-zoster-Risiko:

  • Angeborene oder erworbene Immundefizienz beziehungsweise Immunsuppression,
  • HIV-Infektion,
  • Rheumatoide Arthritis,
  • systemischer Lupus erythematodes,
  • CED,
  • COPD oder Asthma,
  • chronische Niereninsuffizienz,
  • Diabetes.

„Die Impfung ist hocheffektiv, es müssen nur 15 Personen geimpft werden, um eine Herpes zoster Erkrankung zu verhindern“, so Weinke. Auch bei Patienten, die bereits einen Herpes zoster durchgemacht hätten, sei die Impfung sinnvoll.

Die Pneumonie ist eine Volkskrankheit mit hohem „Medical Need“, so Professor Norbert Suttorp von der Medizinischen Universitätsklinik der Charité in Berlin. Die Krankenhausletalität liegt bei zehn Prozent und es sterben siebenmal mehr Menschen an der Pneumonie als durch Verkehrsunfälle. Und auch die Krankenhausletalität ist höher als beim Herzinfarkt. Dazu kommt eine hohe Spätletalität nach Entlassung,

Für die Pneumokokkenimpfung stehen zwei Impfstoffe zur Verfügung, ein Konjugat- und ein Polysaccharid-Impfstoff. Der Konjugat-Impfstoff erfasst 13, die Polysaccharid-Vakzine 23 Serotypen. Der Polysaccharid-Impfstoff verhindert vorrangig die invasiven Verläufe, der Konjugat-Impfstoff die lokale Invasion.

Wichtig ist, dass durch die Impfung ein Herdenschutz erreicht wird. „Das geimpfte Enkelkind schützt Opa und Oma“, so Suttorp.

Nach der generellen Einführung der Impfung mit dem Konjugat-Impfstoff bei Kindern hat sich die Pneumokokken-Kolonisation in der Gesamt-Bevölkerung entscheidend verändert, das heißt, es kam innerhalb von zehn Jahren zu einer etwa 90-prozentigen Reduktion von Infektionen mit den 13-Impfserotypen.

Aus diesen Überlegungen leiten sich die aktuellen STIKO-Empfehlungen ab. Als Standard-Impfung bei Personen über 60 Jahre wird der 23-valente Polysaccharid-Impfstoff empfohlen, wobei eine Wiederholungsimpfung mit demselben Impfstoff in einem Abstand von mindestens sechs Jahren nach individueller Indikationsstellung erwogen werden sollte.

Personen mit einem erhöhten Pneumokokken-Risiko (angeborene oder erworbene Immundefekte beziehungsweise Immunsuppression, Liquorfistel, Cochlea-Implantat) sollten zunächst mit dem 13-valenten Konjugat-Impfstoff und anschließend mit dem 23-valenten Polysaccharid-Impfstoff geimpft werden.

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