Ärzte Zeitung online, 05.12.2018

Aktionsplan zur Elimination

Kaum Fortschritte bei Masern und Röteln

Um nach zwei Fehlschlägen die Masern und Röteln in Deutschland bis 2020 zu eliminieren, hatten Experten im Umfeld der Gesundheitsministerkonferenz 2015 einen Aktionsplan aufgestellt. Enttäuschend wenig wurde davon umgesetzt.

Leitartikel von Wolfgang Geissel

Kaum Fortschritte beim Aktionsplan zur Elimination von Masern und Röteln

Ein Ziel: Der Anteil in der Bevölkerung, der die MMR-Impfung für Kinder befürwortet, soll auf über 95 Prozent steigen – es wurde bislang verfehlt.

© stock.adobe.com / Astrid Gast

Die Nationale Verifizierungskommission Masern/Röteln (NAVKO) hat die Aufgabe, den Eliminationsprozess der Masern und Röteln in Deutschland zu begleiten und nach den WHO-Kriterien zu bewerten. Das Gremium kritisiert in seinem aktuellen Bericht, dass die Maßnahmen dazu auch im dritten Anlauf nicht vorankommen.

Das Eliminations-Ziel war 2015 zum zweiten Mal verfehlt und auf 2020 verschoben worden. Vor drei Jahren hatten aber Experten aus der Ärzteschaft, dem Öffentlichen Gesundheitsdienst, der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik in Bund und Ländern erstmals einen „Nationalen Aktionsplan“ mit sechs verbindlichen und messbaren Zielen aufgestellt.

Diese Kernziele sollen die Elimination vorantreiben. Sie reichen von einer Image-Verbesserung der MMR-Impfung, über Mindest-Impfquoten bei Klein- und Schulkindern sowie ausreichender Immunität bei Erwachsenen bis hin zur Steigerung des Anteils laborbestätigter Fälle und einer Verbesserung des Ausbruchsmanagements.

Bisher sei allerdings keines der gesteckten Ziele (voll) erreicht worden und bei den meisten Punkten habe es kaum Fortschritte gegeben, so die NAVKO in ihrem „Bericht zum „Sachstand der Elimination“.

WHO-Kriterien für die Elimination verfehlt

Die NAVKO räumt ein, dass Deutschland durch die zentrale Lage in Europa und Ausbrüche in Nachbarländern besonders vulnerabel für die Einschleppung von Erregern und längere Transmissionsketten ist, vor allem in Ballungsräumen wie Berlin oder dem Ruhrgebiet. Es sei daher schwierig, die WHO-Kriterien für die Elimination zu erreichen. Dazu gehört eine Inzidenz von weniger als einem Fall pro einer Million Einwohner und die Unterbrechung der Transmission eingeschleppter Virusvarianten binnen zwölf Monaten.

Deutschland gehört (seit 2017 wieder) zu den letzten zehn der 53 Staaten in der europäischen WHO-Region, in denen beide Ziele verfehlt werden. Die WHO hat die Bundesrepublik daher als „high priority country“ bei der Masern- und Röteln-Elimination eingestuft, was der mangelhaften Umsetzung des Aktionsplans weitere Brisanz verleiht.

Die NAVKO sieht dabei folgende Versäumnisse:

» Ziel 1: Bis 2018 soll der Anteil der Bevölkerung, die die MMR-Impfung für Kinder befürworten, auf ≥95 Prozent und die die Erwachsenen-Impfung befürworten auf >80 Prozent gesteigert werden.

Ergebnis: Das Ziel wurde nur zum Teil erreicht. Nach einem BZgA-Survey von 2016 befürworten zwar 95 Prozent der Eltern die Masern-Kinderimpfung; die Erwachsenenimpfung befürworten aber nur 77 Prozent der Zielgruppe (nach 1970 Geborene). Und: 2016 kannten nur 25 Prozent der Erwachsenen dieser Altersgruppe überhaupt die Impfempfehlung und damit weniger als bei einer Umfrage zwei Jahre davor (26 Prozent). Die NAVKO kritisiert, dass bundesweite Aufklärungskampagnen hierzu bisher fehlen, wenn man von der vielfach kritisierten BZgA-Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ absieht.

» Ziel 2: Mindestens 95 Prozent der Kinder im Alter bis 15 Monate sollen einmal geimpft worden sein (bis Ende 2016 bundesweit, bis 2017 in allen Bundesländern und bis 2018 in allen Kreisen).

Ergebnis: Das Ziel wurde nicht erreicht. Nach KV-Abrechnungsdaten waren nur knapp 90 Prozent der Kinder des Jahrgangs 2014 in diesem Alter bundesweit einmal gegen Masern geimpft. In den alten Bundesländern waren es 89,9 Prozent und in den neuen 87,5 Prozent. Auf Kreisebene schwankten die Werte von 72,4 bis 97,5 Prozent.

» Ziel 3: Von den Schulanfängern sollen 95 Prozent zweimal (komplett) geimpft sein (2016 bundesweit, 2017 landesweit, 2018 in neun von zehn Kreisen). Ergebnis: Ziel nicht erreicht, bundesweit waren 2016 92,9 Prozent der Schulanfänger komplett geimpft, kaum mehr als 2015 (92,8 Prozent). Landesweit waren es 90 bis 96 Prozent der Schulanfänger.

» Ziel 4: Eine Bevölkerungsimmunität, die eine Transmission von Masern und Röteln verhindert (<1 Erkrankung pro Million Einwohner und eine Seroepidemiologie >90 Prozent).

Ergebnis: Ziel wurde für Masern nicht erreicht. 2017 gab des bundesweit 10,5 Fälle/1 Million Einwohner. Bei Röteln wurde das Ziel 2017 mit 0,9 Fällen/1 Million erstmals erreicht.

Nach Daten aus der DEGS-Studie wird eine Seroepidemiologie von 90 Prozent bei den nach 1970 Geborenen für Masern und Röteln nicht erreicht.

» Ziel 5: Der Anteil laborbestätigter Masern- und Rötelnfälle nach WHO-Definition soll auf über 80 Prozent gesteigert werden. Das Ziel wurde für Masern erreicht, für Röteln aber noch nicht.

» Ziel 6: Ausbruchmanagement auf lokaler Ebene soll gestärkt werden – über 80 Prozent der Ausbrüche enthalten die notwendigen Angaben.

Das Ziel wurde nicht erreicht: Von den 19 Ausbrüchen mit mindestens fünf Fällen im Jahr 2017 wurde nur über 13 (70 Prozent) ausreichend berichtet.

Die NAVKO bietet jetzt allen am Impfwesen Beteiligten einen Dialog an. Ähnlich dem Vorgehen bei einer externen Qualitätssicherung in Krankenhäusern und in Abstimmung mit dem Bundesgesundheitsministerium könnten dabei künftig konkrete Strategien zur Elimination der Erkrankungen und zur Überwachung des Fortschritts auf den Weg gebracht werden.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Dieses Training hält jung

Forscher haben in einer Studie Trainingsformen identifiziert, die die Zellalterung verlangsamen: Wer sein Leben verlängern will, sollte wohl eher aufs Laufband als in die Muckibude. mehr »

Mehr Ausgaben zur Gesundheitsförderung

Die gesetzlichen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr 8,1 Millionen Menschen mit gesundheitsfördernden und präventiven Maßnahmen erreicht – so viele wie nie zuvor. Doch es gibt auch Lücken. mehr »

Zahl der Abtreibungen zurückgegangen

2018 wird es wohl weniger Schwangerschaftsabbrüche geben als im Jahr zuvor, so eine Statistik. mehr »