Ärzte Zeitung, 12.05.2004

HINTERGRUND

Was der Leber bei einer Metastasenresektion passiert, das kann man schon vor der Op im 3D-Simulator sehen

Von Philipp Grätzel von Grätz

Chirurgen mögen die Leber. Es ist das einzige große, hochdifferenzierte Organ, das nachwächst, wenn Teile davon weggeschnitten werden. Trotzdem hat auch ein Leberchirurg Sorgen: "Wenn wir in der Leber zum Beispiel eine Metastase resezieren, dann wissen wir nicht immer genau, welche Areale des Organs wir in Mitleidenschaft ziehen", sagt Professor Peter Neuhaus von der Charité, Campus Virchowklinikum in Berlin.

Der Grund: Wer eine Metastase reseziert, muß gesundes Gewebe mit entfernen, um möglichst keine Tumorzellen im Körper zurückzulassen. In einem stark durchbluteten Organ wie der Leber bedeutet das aber, daß in jedem Fall auch Blutgefäße verschlossen werden, die nichts mit dem Tumor zu tun haben. Die Folge ist eine Minderdurchblutung gesunden Lebergewebes, in dem es zu Abszessen oder Fisteln kommen kann.

Mit dem 3D-Simulator sind gefährdete Areale erkennbar

Genau hier setzt das 3D-Simulations-Programm MeVis (Medizinische Diagnosesysteme und Visualisierung) an, das von immer mehr Leberchirurgen genutzt wird. Sie schätzen so bereits vor der Operation ab, welche Areale der Leber durch einen Eingriff besonders gefährdet werden.

MeVis erzeugt aus hochauflösenden Kontrastmittel-Computertomographien dreidimensionale Modelle der Leber, in denen Arterien, Venen und Gallengänge dargestellt werden. Plant ein Chirurg die Entfernung einer Metastase, kann er mit dem Modell unterschiedliche Sicherheitsabstände simulieren und sehen, wie sich das auf die Blutversorgung im Rest der Leber auswirken würde.

Hinter diesen Simulationen stecken komplizierte, mathematische Algorithmen, die bei der komplexen Gefäßstruktur der Leber mitunter zu echten Überraschungen führen können: "Je nach Lage des Tumors kann das durchblutungsgestörte Gebiet einen relativ kleinen Teil der Leber von 100 Millilitern oder aber bis zur Hälfte der gesamten Organs ausmachen", so Neuhaus in Berlin. Das könne eine Frage von wenigen Zentimetern sein.

Und hier wird die Sache für Leberchirurgen interessant und auch praktisch bedeutsam: Soll sich die Leber nach einer ausgedehnteren Tumorresektion wieder von selbst erholen, dann darf das Risikogebiet, in dem wegen einer eingeschränkten Blutversorgung mit Nekrosen zu rechnen ist, nicht zu groß sein.

Gezielte Gefäßembolisation vor Op regt Leber-Regeneration an

Was aber tun, wenn sich trotz aller Simulation die Schnittführung nicht so legen läßt, daß eine Restitutio ad integrum wahrscheinlich bleibt? Neuhaus: "Eine Möglichkeit besteht darin, im Bereich des Risikogewebes einzelne Blutgefäße vor der Operation gezielt zu embolisieren." Dadurch komme es zu einer kompensatorischen Vergrößerung der nicht-bedrohten Areale. Das könne nach einigen Wochen unter Umständen ausreichen, einen Tumor ohne Gefährdung der ganzen Leber zu resezieren.

Professor Heinz-Otto Peitgen, der MeVis an der Universität Bremen federführend entwickelt hat, ist stolz darauf, daß die Chirurgen MeVis zu schätzen wissen: "Partnerkliniken aus alle Welt schicken CT-Bilder nach Bremen und lassen Risikoplanungen erstellen, die via Internet rasch zurück übermittelt werden", berichtete er in Berlin. Simulationsprogramme sollen auch für Lungen, Nieren und Gehirn entwickelt werden.

FAZIT

Leberchirurgie ist eine delikate Angelegenheit: Einerseits müssen etwa Tumoren mit ausreichendem Sicherheitssaum reseziert werden, damit es nicht zu Rezidiven kommt. Andererseits können dadurch gesunde Leberareale gefährdet werden. Denn bei der Operation werden auch Gefäße verschlossen, die gesundes Lebergewebe versorgen.

Mit dem 3D-Simulator kann vor der Operation simuliert werden, welche Folgen eine Tumorresektion für die übrige Leber hat. Chirurgen können dann etwa vor geplanter Operation durch gezielte Embolisation die Leber zu Regenerationswachstum anregen. So haben Patienten genügend funktionsfähiges Gewebe, wenn es zur Resektion kommt. (gwa)

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