Ärzte Zeitung, 12.05.2006

Machen Kortikosteroide Zellen gegen Zytostatika resistent?

Hinweise aus In-vitro-Versuchen / Möglicherweise wird Metastasierung gefördert / Resistenzen auch gegen Bestrahlung beobachtet

HEIDELBERG (bd). Erneut gibt es Hinweise auf die kontraproduktive Wirkung von Kortisonpräparaten in der begleitenden Therapie bei Patienten mit soliden Tumoren. Das haben Heidelberger Krebsforscher zum Anlaß genommen, die Überprüfung dieser Ergebnisse aus Zellkulturen und Tiermodellen in klinischen Studien zu fordern.

Die Wissenschaftler um Professor Ingrid Herr vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg haben zusammen mit Ärzten aus der dortigen Universitätsklinik frühere Ergebnisse bestätigt: Danach führen Glukokortikoide in vitro bei Zellen aus soliden Tumoren häufiger zu einer Resistenz gegen Chemo- oder Strahlentherapie.

Zudem scheine die Neigung eines Tumors zu metastasieren durch die Wirkung von Glukokortikoiden erhöht zu sein, so die Heidelberger Wissenschaftler in ihrer jüngsten Veröffentlichung in der Zeitschrift "Lancet Oncology" (7, 2006, 425).

Die Forscher haben Zellen aus gut einem Dutzend Krebstumoren, etwa der Lunge, Brust, Prostata, des Darms, der Bauchspeicheldrüse und des Nervengewebes untersucht und die schon früher beobachteten Resistenzen unter Glukokortikoiden bestätigen können.

    Die Krebsforscher testeten Zellen von fast einem Dutzend Tumorarten.
   

In mehr als 150 Gewebeproben der untersuchten Krebsarten wurde anhand von Zellinien, frisch isolierten Zellen aus Tumorgewebe und anhand von Tumortransplantaten, die Mäusen eingepflanzt wurden, tatsächlich gefunden, daß 85 Prozent der untersuchten Tumoren eine Resistenz gegen verschiedene Chemotherapien und Strahlentherapie entwickelten. Dies geschah unabhängig von den getesteten unterschiedlichen Kortisonpräparaten und bereits bei niedriger Dosierung.

In ihrem Beitrag in "Lancet Oncology" verweist die Forscherin auch auf frühere Berichte über verstärkte Metastasenbildungen etwa bei Patienten mit Brustkrebs und anderen Tumoren, wenn begleitend eine Kortisontherapie erfolgte. Sie vermutet, daß außer der Apoptosehemmung bei soliden Tumoren auch die Immunsuppression durch Kortikoide daran ursächlich beteiligt sein könnte.

Die Forscher warnen allerdings davor, aus diesen Ergebnissen im Labor und Tiermodell schon jetzt Konsequenzen in der Krebstherapie zu ziehen. "Auf keinen Fall weglassen", rät auch Dr. Johann W. Schmier vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg.

Die Ergebnisse seien zwar sehr interessant, jedoch nur Hinweise und sehr begrenzt auf Menschen übertragbar. Er gab zu bedenken, daß Dank des anti-emetischen Effekts der Glukokortikoide hochwirksame Chemotherapien möglich sind, die sonst viele Patienten nicht tolerieren würden. Bei jugendlichen Sarkompatienten jedoch lasse man Steroide inzwischen weg, um mögliche schädigende Effekte auszuschließen, so Schmier.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Viele Gesundheitspolitiker verteidigen ihr Mandat

Die Großwetterlage hat sich verändert. Doch viele Fachpolitiker schaffen den Wiedereinzug ins Parlament. mehr »

Das Trauma nach der Loveparade

Das tödliche Gedränge bei der Loveparade im Sommer 2010 in Duisburg: Im ARD-Film "Das Leben danach" geht es um die Auswirkungen auf die traumatisierten Überlebenden. mehr »