Ärzte Zeitung, 29.11.2012
 

Die Zukunft der Onkologie

Engpässe und Hemmnisse

Die Onkologie steckt voller Herausforderungen - allerdings nicht nur medizinischen. Ein drängendes Problem in naher Zukunft ist die Kluft zwischen mehr Krebspatienten und weniger Onkologen.

Von Friederike Klein

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Stilisierte Krebszelle: Der Onkologie stehen einige Herausforderungen bevor.

© Springer Verlag

STUTTGART. Drei Punkte hätten sich im ablaufenden Jahr als wesentlich für die künftige Versorgung von Krebspatienten herausgestellt, resümierte der geschäftsführende Direktor der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) Professor Dr. Gerhard Ehninger während der Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie in Stuttgart.

Die Kluft zwischen mehr Krebspatienten und weniger Onkologen, der Sicherstellung der Verfügbarkeit von Zytostatika und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für klinische Forschung.

Gesetze gegen Arznei-Engpässe

Ehningers Rezept gegen die nachlassende Attraktivität des Berufs des Onkologen ist Nachwuchsarbeit. So bot der DGHO-Kongress in diesem Jahr für Studenten einen speziellen Orientierungstag, um dem potenziellen Nachwuchs den Beruf vorzustellen.

Dazu wurden auf dem Kongress Nachwuchspreise verliehen, und Ehninger kündigte einen Ausbau des wissenschaftlichen Austausches innerhalb von Europa an. Dazu gehört auch die Harmonisierung der Weiterbildungsinhalte, wie es in einer Pressemitteilung der DGHO zum Kongress hieß.

Die deutsche und die österreichische Fachgesellschaft sind daher eine Kooperation mit der European Society for Medical Oncology (ESMO) eingegangen.

Die DGHO-Weiterbildungskommission überarbeitet nun die deutsche Weiterbildungsordnung auf Grundlage internationaler Curricula, die österreichische Fachgesellschaft ÖGHO hat diesen Prozess bereits beendet.

Versorgungsengpässe bei Zytostatika erfordern laut Ehninger entsprechende gesetzgeberische Maßnahmen. 2012 habe es bereits sechs Substanzen gegeben, die bereits seit 12 Monaten nicht lieferbar waren oder immer wieder nicht verfügbar seien.

Ehninger stellte deshalb eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe in Aussicht, die auch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) mit einbeziehen soll. Ein Ziel ist, die Hersteller stärker in die Versorgungspflicht und -verantwortung zu nehmen. Die Fachgesellschaft habe bereits eine Liste dazu erstellt, kündigte Ehninger an.

Ein besonderer Dorn im Auge ist ihm das Verhalten auf dem Arzneimittelmarkt. Großhändler entschieden bei guten Preisen etwa in England, die Medikamente palettenweise dorthin zu liefern und zu verkaufen, sodass diese dann in Deutschland nicht mehr lieferbar seien, sagte Ehninger.

So etwas sei auch im BMG bekannt. Langfristig könne auch das reiche Deutschland bei diesen Marktbedingungen "hinten runter fallen".

Ehninger: "Wir wissen auch von den ,Big Five‘-Pharmafirmen der Welt, dass in China vierfache Preise gezahlt werden, um dort eine Lieferung für die zunehmende Versorgung zu ermöglichen. Dabei werden dort derzeit nur 10 Prozent der Bevölkerung versorgt. Wahrscheinlich werden wir irgendwann Bittsteller werden, um überhaupt noch etwas abzubekommen."

Zeit bis zur Zulassung verringern

Auch bezüglich der Hindernisse, die europaweiten klinischen Studien im Wege stehen, findet Ehninger klare Worte: Jedes Land habe seine eigenen Zulassungsbedingungen und seine eigenen Ethikkommissionen.

Bei Studien zur Akuten Myeloischen Leukämie müsse er alleine in Deutschland 45 Ethikkommissionen berücksichtigen. Wenn man eine europäische Studie mache, habe man gar 130 Ethikkommissionen und 27 Oberbehörden mit unterschiedlichen Unterlagen zu bedienen.

"Wir brauchen eine neue EU-Direktive, weil unter den derzeitigen Bedingungen in Europa keine multinationalen Studien möglich sind", so der Experte.

Ehninger beschwor den gemeinsamen europäischen Kulturkreis mit seinen grundsätzlich ähnlichen Vorstellungen von "gut" und "richtig" und trat damit Kritikern entgegen, die eine "mittelalterliche Forschungsethik" befürchteten.

Ehninger bekräftigte: Grundlagen, die nach den Menschenversuchen im dritten Reich in der Deklaration von Helsinki gelegt worden sind, werden natürlich weiterhin erfüllt.

Aber die zeitliche Verzögerung von zehn bis 15 Jahren von der ersten klinischen Studie bis zur Zulassung könne mit weniger Bürokratie und weniger Überregulation verringert werden.

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