Ärzte Zeitung, 07.11.2014

Kommentar zu Tschernobyl

Risiken nach Reaktorunfall

Von Peter Leiner

Über den Zusammenhang zwischen Radioaktivität und Schilddrüsenkarzinomen ist viel, aber noch lange nicht alles bekannt. Was jetzt Forscher aus den USA und Weißrussland in einer großen Screening-Studie herausgefunden haben, ergänzt das Bild um ein weiteres Puzzle-Teilchen.

Auch das muss umgehend den vielen Opfern der Fukushima-Katastrophe von 2011 zugutekommen. Denn die Studie liefert weitere Argumente dafür, dort die Betroffenen noch engmaschiger auf Schilddrüsenkarzinome hin zu untersuchen.

Denn eines wird aus der systematischen Untersuchung deutlich: Je höher die Energiedosis ist, der Kinder und Heranwachsende aufgrund der Aufnahme von radioaktivem Jod-131 ausgesetzt sind, umso aggressiver sind die entstehenden Karzinome der Schilddrüse, die sich in der Folge entwickeln.

Es ist der Arbeitsgruppe um Dr. Lydia Zablotska aus San Francisco zu verdanken, dass so konsequent und akribisch die Daten nach der Tschernobyl-Katastrophe erhoben und ausgewertet werden.

Bleibt zu hoffen, dass auch in Fukushima angestrebt wird, die der Radioaktivität ausgesetzten Bewohner genauso intensiv und systematisch zu untersuchen. Und anschließend müssen die richtigen Schlüsse aus den Ergebnissen gezogen werden.

Lesen Sie dazu auch:
Tschernobyl: Häufung von aggressivem Schilddrüsenkrebs

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[08.11.2014, 16:16:45]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Korrektur; "classical screening effect"
[08.11.2014, 16:13:01]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Strahlenhysterie!
Es gibt nicht nur Frau Dr. Lydia Zablotska, die sich darüber Gedanken gemacht hat.
Das Stichwort heist bei der Schilddrüse "screenuing-effect",
Die Häufigkeit des okkulten Schilddrüsenkarzinoms variiert von 5.6% in Colombia, 9.0% in Poland, 9.3% in Minsk, Belarus, 13% in the United States, 28% in Japan, to 35.6% in Finland:
Cancer. 1985 Aug 1;56(3):531-8.
Occult papillary carcinoma of the thyroid. A "normal" finding in Finland. A systematic autopsy study.
Harach HR, Franssila KO, Wasenius VM.
In Finland kann das occulte Schilddrüsencarcinom bei 2,4% der Kinder beobachtet werden,
das ist ca. 90 mal soviel wie in der "Tschernobyl-Umgebung!

Einen schönen wissenschaftlichen Überblick über die ganze politische Strahlungshysterie einschließlich der Thematik okkulter Schilddrüsenkarzinome, den fast jeder Radiologe kennt, lieferte der leider schon verstorbene exzellente polnische Arzt Prof. Jaworowski M.D., Ph.D., D.Sc.
Professor im Zentrallabor für Strahlenschutz, Repräsentant Polens im United Nations Scientific Committee für atomare Strahlungswirkung, Präsident der Gesellschaft "Environmentalist for Nuclear Energy - EFN Poland"
hier:
Dose Response. 2010; 8(2): 148–171.
Published online Jan 28, 2010.
Observations on the Chernobyl Disaster and LNT

Zbigniew Jaworowski

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