Direkt zum Inhaltsbereich

Tschernobyl

Häufung von aggressivem Schilddrüsenkrebs

Fast 30 Jahre nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl haben die Einwohner in den betroffenen Regionen immer noch mit Spätfolgen zu kämpfen. Bei einem Screening sind vermehrt aggressive Formen von Schilddrüsenkrebs aufgefallen.

Peter LeinerVon Peter Leiner Veröffentlicht:
Die Studienteilnehmer waren zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls von Tschernobyl jünger als 18 Jahre.

Die Studienteilnehmer waren zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls von Tschernobyl jünger als 18 Jahre.

© Rüdiger Lubricht

SAN FRANCISCO. Wissenschaftler um Dr. Lydia B. Zablotska von der Universität in San Francisco haben bereits früher zeigen können, dass radioaktives Jod-131 dosisabhängig das Risiko für Schilddrüsenkarzinome erhöht.

Jetzt haben sie sich die Tumoren der Schilddrüse anhand der Befunde eines Screenings von Einwohnern Weißrusslands in der Region von Minsk und Gomel genauer angeschaut, das in drei Etappen - zwischen 1997 und 2000, 2002 und 2004 sowie 2004 und 2006 - vorgenommen worden war (Cancer 2014; online 28. Oktober).

Teilgenommen hatten fast 12.000 Einwohner, die zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls jünger als 18 Jahre waren. Die Kohorte ist damit fast so groß wie die Kohorte einer ähnlichen Studie 2006 mit Teilnehmern in der Ukraine.

Die Strahlendosis, der sie aufgrund des Jod-131 in der Schilddrüse ausgesetzt waren, war zwei Monate nach dem Unfall individuell gemessen worden. In der ersten Screeningrunde hatten 65 Prozent der Teilnehmer eine Jodkonzentration von weniger als 100 µg/l im Urin, was der WHO-Definition zufolge als Jodmangel gewertet wird.

Viele histopathologische Varianten

Bei insgesamt 158 von 269 Studienteilnehmern, die nach einer Feinnadelbiopsie operiert worden waren, entdeckten die Ärzte ein Schilddrüsenkarzinom, bei 71 war das in der ersten Screeningrunde der Fall, bei 87 in den beiden folgenden Runden. Außerdem erkrankten 57 Patienten an einem follikulären Adenom und 49 entwickelten einen nodulären oder adenomatösen Kropf.

Anhand der Screeningbefunde stellten die Ärzte zudem fest, dass die Exposition mit radioaktivem Jod-131 mit einer ganzen Bandbreite von histopathologischen Varianten der Schilddrüsenveränderungen dosisabhängig assoziiert ist, von der follikulären und papillären über die solide bis zur diffus sklerosierenden Variante des Schilddrüsenkarzinoms.

Risiko für lymphatische Invasion

Im Vergleich zu eine Strahlenexposition von weniger als 200 Milligray (mGy) hatten Studienteilnehmer, die mindestens 950 mGy ausgesetzt waren, ein um mehr als das 2,5-Fache erhöhtes Risiko für eine lymphatische Invasion und ein um das Dreifache erhöhtes Risiko für eine Infiltration von Tumorzellen innerhalb der Schilddrüse.

Das höchste Risiko bei hohen Strahlendosen bestand jedoch für die Entstehung multifokaler Tumorherde in der Schilddrüse: Es war in der Studie im Vergleich zur Situation mit der niedrigsten Dosis um fast das Fünffache erhöht.

Und: Das Risiko der Entstehung einer soliden oder diffus sklerosierenden Variante des papillären Schilddrüsenkarzinoms war um das 2,75-Fache erhöht. Das differenzierte papilläre Schilddrüsenkarzinom ist in der Lage, schon in einer Größe von nur wenigen Millimetern zu metastasieren.

Lesen Sie dazu auch: Kommentar zu Tschernobyl: Risiken nach Reaktorunfall

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Mehrere Milliarden Dosen verimpft

Review bestätigt: mRNA-Impfungen sind sicher und wirksam

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Langfristig überlegen: Kombinationen mit Daratumumab in der Erstlinie

© LASZLO / stock.adobe.com

Neu diagnostiziertes Multiples Myelom

Langfristig überlegen: Kombinationen mit Daratumumab in der Erstlinie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Janssen-Cilag GmbH, a Johnson & Johnson company, Neuss
Abb. 1: Studien CLIMB THAL-111 und -131: Veränderung des Gesamt-Hb-Werts und des HbF-Werts nach Exa-cel-Infusion bei TDT-Patientinnen und -Patienten (Quelle: Locatelli F et al., European Society for Blood and Marrow Transplantation (EBMT) 2026, Madrid, Spanien, Abstract GS2-5)

© Springer Medizin Verlag

Neue Perspektiven bei Hämoglobinopathien

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Vertex Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Abb.  1: Indikationsübergreifendens Therapie-Monitoring in den ersten Behandlungszyklen mit Ribociclib beim HR+/HER2- Brustkrebs

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [1]

Früher und metastasierter HR+/HER2- Brustkrebs

Einfach und konsistent: indikationsübergreifendes Therapie-Management mit Ribociclib

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Lithiumtherapie aktiviert WNT-Signalweg

Regeneration der COPD-Lunge: Was ist da möglich?

Änderungen im Überblick

So wirkt sich das GKV-Spargesetz auf Praxen aus

Hepatologie im Wandel

Patienten mit Leberfibrose und -zirrhose bald heilbar?

Lesetipps
Ärztin untersucht einen Mann an der Schulter

© New Africa / stock.adobe.com

Betäubungsmittel richtig verordnen

Opioide in der Urlaubsvertretung: Wie sich Missbrauch vorbeugen lässt

Tablets to maintain the correct functioning of the human cardiovascular system on a blue background close-up

© bisonov / stock.adobe.com

Kombi schlägt Monotherapie

Diese Blutdrucksenker werden am besten vertragen