Ärzte Zeitung, 08.12.2016
 

Hautkrebs-Screening

Bisher kein nachweisbarer Nutzen

Acht Jahre nach Einführung des Hautkrebs-Screenings in Deutschland gibt es noch keine verlässlichen Daten über den Nutzen. Daran ändert auch eine aktuelle Analyse von Teilnahmeraten, entdeckten Krebsfällen und des Effekts auf die Prognose nichts.

Von Elke Oberhofer

 Bisher kein nachweisbarer Nutzen

Melanom im Fokus.

© [M] Frau: Antonyuk Hand mit Lupe: Nikolai Sorokin / fotolia.com

Im Juli 2008 wurde das bundesweite Melanom-Screening-Programm eingeführt. Alle gesetzlich Krankenversicherten im Alter ab 35 Jahren in Deutschland können seither auf GKV-Kosten alle zwei Jahre eine Ganzkörperuntersuchung von geschulten und zertifizierten Ärzten vornehmen lassen.

Von dem Screening erhofft man sich vor allem einen Rückgang der Melanommortalität. Ein solcher Rückgang war in einer vorangegangenen Pilotstudie in Schleswig-Holstein belegt worden.

Die Hautkrebssterberate war dort nach Einführung des SCREEN-Projekts im Jahr 2003 zunächst um knapp 50 Prozent gesunken.

Mortalitätsrückgang bis 2013 nicht erkennbar

Bisherige Ergebnisse des bundesweiten Screeningprogramms fielen jedoch enttäuschend aus. So war der erwartete Mortalitätsrückgang zumindest bis zum Jahr 2013 ausgeblieben.

Die Hautkrebssterblichkeit war im Gegenteil nach 2008 sogar leicht gestiegen, besonders in der Pilotregion Schleswig-Holstein (hier liegt sie aktuell wieder etwas über dem bundesdeutschen Durchschnitt).

Professor Alexander Katalinic und Kollegen von der Universität Lübeck folgerten 2015 im "Deutschen Ärzteblatt": "Der Vergleich des bundesweiten Screenings mit dem Pilotprojekt lässt vermuten, dass das aktuelle Screening weniger intensiv ist."

Die Epidemiologen monierten das Fehlen verlässlicher Daten zur Teilnahmerate und spekulierten, dass nicht zuletzt die intensive Öffentlichkeitsarbeit im Vorfeld zum Erfolg des SCREEN-Projekts beigetragen hatte.

Bei drei von 1000 fanden sich Melanome

Neue Zahlen zu Akzeptanz und Nutzen des Screenings gibt es nun von Epidemiologen um Freya Trautmann vom Uniklinikum Dresden (Brit J Dermatol 2016; online 6. September).

Sie haben Daten von über zwei Millionen Versicherten der AOK PLUS in Sachsen ausgewertet. Davon hatten 533.393 im Alter ab 35 (38 Prozent der Berechtigten) von Juli 2008 bis Dezember 2012 das bundesweite Screeningprogramm genutzt.

Die jährlichen Teilnahmeraten lagen im Mittel bei 12,4 Prozent, bezogen auf die AOK-PLUS-Versicherten bei 9,1 Prozent.

Nach den Daten blieben die Teilnahmeraten im Beobachtungszeitraum stabil und lagen im Schnitt bei 14,1 Prozent (Frauen) und 12,7 Prozent (Männer). Bei den Frauen gingen die 60- bis 69-Jährigen am häufigsten zum Screening, bei den Männern waren es die 70- bis 79-Jährigen.

Das Screening wurde zu etwa gleichen Anteilen von Dermatologen und Allgemeinärzten vorgenommen. Insgesamt fanden sich bei 0,3 Prozent der Teilnehmer maligne Melanome und bei 2,5 Prozent ein anderer Hautkrebs (NMSC, Nonmelanoma Skin Cancer). Betroffene waren im Schnitt 66,2 Jahre (Melanom) und 73,6 Jahre (NMSC) alt.

Der Anteil derer, bei denen binnen eines Jahres ein Melanom diagnostiziert wurde, lag bei 0,2 Prozent, beim NMSC waren es 1,8 Prozent. Pro 100.000 Versicherte fanden sich im Mittel 22,1 Melanome und 158,2 NMSC. Ein Großteil der kanzerösen Läsionen (47,6 und 44,0 Prozent) wurde im selben Areal entdeckt wie bei einem vorherigen Screening.

Kein klarer Trend bei den Inzidenzen

Zwischen 2007 und 2009 war nach Angaben der Forscher die die altersstandardisierte Inzidenz beider Krebsentitäten angestiegen, von geschätzt gut 16 auf etwa 25 pro 100.000 Personen beim Melanom und von knapp 140 auf etwa 170 pro 100.000 beim NMSC.

Dabei ist unklar, ob dieser Anstieg auf möglicherweise häufiger entdeckte Läsionen im Screeningprogramm zurückzuführen war. "Die Mehrzahl der Fälle wurde in den ersten sechs Monaten des Jahres 2008 diagnostiziert", betont Trautmann, also noch vor der Einführung des Programms.

Tatsächlich sank die Melanominzidenz von 12,8 pro 100.000 AOK-Versicherte im ersten Halbjahr 2008 auf 10,2 im zweiten Halbjahr. Bei den NMSC dagegen war im entsprechenden Zeitraum ein leichter Anstieg von 173,8 auf 175,5 pro 100.000 Versicherte zu verzeichnen.

Als Marker für die Schwere der Erkrankung und damit die Prognose werteten die Forscher die Behandlung mit Interferon alpha und die Diagnose von Lymphknoten- oder Fernmetastasen.

Keine signifikanten Unterschiede

Hier gab es keine signifikanten Unterschiede bei den durch Screening entdeckten Melanom-Patienen im Vergleich zu Patienten, die nicht am Screeningprogramm teilgenommen hatten.

Zumindest waren die Inzidenzen bei den gescreenten Patienten etwas geringer: Eine Interferontherapie erhielten 8,6 Prozent gegenüber 11,2 Prozent; Lymphknotenmetastasen wurden bei 5,9 vs. 8,5 Prozent entdeckt, Fernmetastasen bei 1,5 vs. 3,5 Prozent.

Das Fazit der Autoren: Insgesamt habe das bundesweite Hautkrebs-Screening offenbar keine bedeutsamen Effekte auf die Inzidenz des Melanoms gehabt. In prognostischer Hinsicht lasse sich derzeit keine Schlussfolgerung ziehen.

Für eine definitive Bewertung sei ein längerer Beobachtungszeitraum erforderlich, ebenso detailliertere Informationen über die Hautkrebsfälle.

elke.oberhofer@springer.com

[08.12.2016, 19:31:41]
Christoph Luyken 
Hautkrebs-Screening: Nicht nachlassen!
Wenn auch die Statistiker keinen Rückgang der Melanommortalität feststellen konnten, so ist doch schon allein erfreulich, daß das Bewußtsein bzw. die Sensibilisierung für das Thema Hautkrebs sowohl in der Bevölkerung als auch bei Ärzten gestiegen ist.

Und noch etwas: Das Screening erfaßt ja nicht nur malige Melanome!
Die Früherkennung von Basaliomen und Plattenepithelkarzinomen ist mit Sicherheit gestiegen (so meine Erfahrung als Hausarzt), und auch das ist ein Erfolg! Wenn die Frühdiagnose dieser Erkrankungen auch nicht die Mortalität meßbar senkt, so erspart sie den Betroffenen doch viel Leiden und den Krankenkassen hohe Therapiekosten.  zum Beitrag »

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