Ärzte Zeitung, 22.07.2016
 

Krebsfrüherkennung

Mit Brustkrebs-Screening kein Überlebensvorteil

Haben Frauen mit Brustkrebs, der beim Mammografie-Screening diagnostiziert worden ist, einen Überlebensvorteil gegenüber Frauen mit symptomatischen Tumoren haben? Laut einer Studie nicht.

Von Robert Bublak

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Mammografie zur Krebsfrüherkennung.

© Monkeybusiness I./ panthermedia

BUDAPEST. Ein Mammakarzinom, das entdeckt wird, bevor es sich ertasten lässt, hat eine größere Heilungschance als ein später diagnostizierter Brustkrebs – diese Einsicht scheint zu trivial zu sein, um weiterer Belege zu bedürfen. Ganz so einfach liegen die Dinge aber offenbar nicht, wie am Streit um den Nutzen des Mammografie-Screenings abzulesen ist.

Zwar mangelt es nicht an Studien, die einen mortalitätssenkenden Effekt des Mammografie-Screenings demonstrieren. Allerdings liegen manche dieser Untersuchungen schon einige Jahre zurück.

Ergebnisse neuerer Studien haben diesen Nutzen hingegen immer wieder infrage gestellt. Und manche Experten führen die gesunkene Brustkrebssterblichkeit weniger auf die Früherkennung als vielmehr auf Fortschritte in der Therapie zurück.

Budapester Datenbank ausgewertet

Mihály Újhelyi vom ungarischen Nationalen Krebsinstitut hat sich nun für eine retrospektive Studie zusammen mit Kollegen der Datenbank des Budapester Instituts bedient (Eur J Surg Oncol 2016, online 9. Juli). 298 Brustkrebspatientinnen, deren Tumoren im Zuge des Mammografie-Screenings diagnostiziert worden waren, wurden dabei 311 Frauen gegenübergestellt, die an symptomatischem – palpablem – Brustkrebs erkrankt waren.

Auf den ersten Blick sprachen die erhobenen Daten klar für das Screening. Ob Tumorgröße, Tumorstadium, Lymphknotenbefall, Metastasenbildung im Lauf der gut fünf- bis knapp siebenjährigen Nachbeobachtungszeit, vaskuläre oder perineurale Invasion oder immunhistochemisches Profil.

Überall hatten die mammografisch entdeckten gegenüber den symptomatischen Mammakarzinomen die onkologisch-prognostisch signifikant bis hochsignifikant günstigeren Merkmale.

Mortalitätsunterschied statistisch kaum messbar

Und so war zu erwarten, dass sich dieses positive Profil auch in den Mortalitäts- beziehungsweise Überlebensdaten niederschlagen würde. Doch diese Erwartung erfüllte sich nicht. Zwar war der Anteil der Frauen mit krankheitsfreiem Überleben in der Screeninggruppe etwas höher: Er lag nach zehn Jahren bei 85 Prozent in der Kaplan-Meier-Schätzung versus 80 Prozent in der Gruppe mit symptomatischen Tumoren. Statistisch bedeutsam war die Differenz aber nicht.

Auch beim Gesamtüberleben – gut 70 Prozent nach zehn Jahren – lagen beide Gruppen gleichauf. "Wir vermuten, dass die Früherkennung nicht der wesentliche Faktor für die Reduktion der Brustkrebsmortalität ist", schließen Újhelyi und Mitarbeiter aus ihren Resultaten.

Damit sei nicht gesagt, dass das Mammografie-Screening die Sterblichkeit nicht senken würde, so die Forscher. Aber möglicherweise gleiche die moderne multimodale Therapie die Nachteile palpabler im Vergleich zu nichtpalpablen Mammakarzinomen aus.

Drei von vier der in die Studie einbezogenen Frauen waren brusterhaltend operiert worden, vier von fünfen hatten eine Hormontherapie erhalten. Doch es gab auch Unterschiede: Frauen mit symptomatischen Tumoren hatten sich häufiger einer Chemotherapie unterziehen müssen (57 Prozent vs. 40 Prozent), und sie waren öfter bestrahlt worden (93 Prozent vs. 89 Prozent).

[22.07.2016, 13:56:46]
Wolfgang P. Bayerl 
hört dieser Unsinn denn nie auf?
Zur Erinnerung auch an meine Mitkommentatoren, das Screening heilt nicht, sondern die Therapie.
Selbstverständlich ist ein früheres Stadium nachweislich nützlich!!!
Wer das abstreitet, erklärt das Mamma-Ca für inkurabel.
Was man aber früher IMMER gemacht hat, ist der Vergleich der unterschiedlichen Therapie.
Hierzu schweigt man unverständlicherweise, mit der Unterstellung, alles wird immer besser.
Hier möchte ich ein dickes Fragezeichen setzen, denn das ist KEIN Automatismus, sondern muss konsequent kontrolliert und hinterfragt werden.
Zweifellos hat es große Fortschritte in der systemischen Therapie gegeben.
Keineswegs aber in der Lokaltherapie und genau hier sind wir bei den Frühbefunden, die in der Regel noch nicht metastasiert sind.
Ich muss in aller Bescheidenheit daran erinnern, dass die definitive HEILUNG von Brustkrebs schon vor 100 Jahren möglich war und eher die Regel darstellte.
Zur Lokaltherapie gibt es die beiden konkurrierenden Prinzipien (Alternativen)
von Messer und Strahl.
Und es wäre mehr als interessant, hierzu Vergleiche anzustellen.
Meine Meinung ist hier klar, weil ich das viele Jahre gemacht habe.
Die Vergleiche sind deshalb nicht einfach, weil der Verlauf der das nur beantworten kann, ungewöhnlich lange ist. Fehler der Primärbehandlung werden deshalb unterschätzt, oder gar nicht beachtet. zum Beitrag »
[22.07.2016, 12:55:15]
Roswitha Poppel 
Mammografie-Screening
Prof. Dr. Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg hat bereits im Jahr 2000 plausibel dargelegt, dass das Mammografie-Screening keinen nennenswerten Vorteil bringt. Nach 16 Jahren Strahlenbelastung und Kosten für den Beitragszahler, kommt die "neue" Erkenntnis doch recht spät.Die Studie wurde wohl weitestgehend ignoriert. Die Gmünder ErsatzKasse GEK hat ihren Patienten 2005 immerhin eine Informationsschrift dazu angeboten. zum Beitrag »
[22.07.2016, 12:34:13]
Thomas Georg Schätzler 
Epidemiologie des Mammakarzinoms - Mit und ohne Brustkrebs-Screening?
Epidemiologisch bestehen bei unseren Patientinnen für Brustkrebs die höchsten Prävalenz-, Inzidenz- und Mortalitätswahrscheinlichkeiten aller malignen Tumorerkrankungen. Zusätzlich führt der "demografische Faktor" bei steigender Lebenserwartung und sinkender Reproduktionsrate zu einem relativen Prävalenz- und Inzidenz-A n s t i e g bei allen alten und neuen Krankheitsentitäten.

Allgemeine Vorsorgeuntersuchungen, verschiedene Früherkennungs-Maßnahmen, Screening- und Reihenuntersuchungen, weiterführende Untersuchungen ermöglichen primär nur Erkrankungen früher zu detektieren oder auf breiter Front auszuschließen. Das interventionsfreie Abwarten und spontane Auftreten Lassen definitiv interventionsbedürftiger Krankheiten vermag dies n i c h t zu erreichen.

Die morbiditätsbezogene Mortalität s e l b s t lässt sich durch Vorsorge und Früherkennung n i c h t direkt senken. Das funktioniert auch eher nicht bei besonders gesundheitsbewussten Verhaltens- und Ernährungsweisen, Diäten, Religiosität und Spiritualität: Es sei denn, es geht um direkt durch diese bio-psycho-soziale Verhaltensänderungen beeinflussbare Krankheiten.

Kurative Therapiemöglichkeiten und -Erfolge bis hin zur längerfristigen Palliation werden mit "Stahl, Strahl und Chemo" und durch die differenzierte Weiterentwicklung (z. B. intraoperative Radiatio) möglichst effektiver Behandlungsverfahren selbst definiert. Primäre und sekundäre Krebsmortalitäten werden nahezu ausschließlich durch "Staging", "Grading", Evidenz-gestützte Therapieverfahren (OP, Radiatio, Chemotherapie), alternative oder adjuvante Verfahren bzw. Nebenwirkungen und/oder ernsthafte Komplikationen definiert.

Die bis in die 90er Jahre praktizierte, veraltete, sekundär schädigende und besonders radikale Brustkrebs-OP nach Rotter/Hallstedt missachtete das Mammakarzinom als Systemkrankheit bzw. führte statistisch eindeutig zu h ö h e r e r Brustkrebsmortalität als die aktuell differenzierteren loko-regionäre OP-Verfahren (Sentinel-Lymphknoten), auch mit präoperativer Chemotherapie, intraoperativer Radiatio oder Hormon-/Rezeptor-Analysen kombiniert.

Die inzidente Krankheitshäufigkeit ist bei Früherkennungs-Detektion virtuell erhöht, weil sie sich der grundsätzlich höheren Prävalenz angleicht. Interventionsfreies Abwarten bis zur klinisch relevanten, spontanen Brustkrebs-Manifestation ergibt in letzter Konsequenz eine deutlich niedrigere Inzidenz.

Jährliche Stuhlbrief-Untersuchungen ab 50 (gFOBT und iFOBT) und die Vorsorge-Koloskopien im 55. bzw. 65. LJ schlagen dagegen aus folgenden Gründen direkt auf eine verringerte Mortalitätsstatistik durch, weil „Präventive Darmspiegelungen“ zugleich interventionelle Früherkennungen darstellen: Suspekte Polypen, Adenome und Carcinoma in situ werden in gleicher Sitzung kurativ im Gesunden entfernt und verhindern später manifeste, invasive Kolonkarzinome. Das ist der Unterschied!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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