Ärzte Zeitung online, 10.01.2012

Prostatakrebs: Jährlicher PSA-Test senkt Sterberate nicht

Jährlich oder sporadisch: Egal, wie oft man einen PSA-Test macht - es spielt offenbar keine Rolle. Eine Langzeitstudie zeigt jetzt: Nach 13 Jahren sterben nahezu gleich viele Menschen an Prostatakrebs.

Prostatakrebs: Jährlicher PSA-Test senkt Sterberate nicht

Proben für die Bestimmung des prostataspezifischen Antigens.

© photos.com PLUS

BETHESDA (ple). Nachdem die Daten der Multicenter-Studie PLCO (Prostate, Lung, Colorectal and Ovarian Cancer Screening) und deren Interpretation 2009 der Öffentlichkeit vorgestellt worden waren, hagelte es Kritik: der Nachfolgezeitraum von damals zehn Jahren sei zu kurz, um behaupten zu können, dass ein jährliches PSA-Screening im Vergleich zu sporadischen Bestimmungen des PSA-Wertes die Sterberaten nicht senkt (NEJM 2009; 360: 1310-1319, NEJM 2009; 361: 202). In die noch laufende Studie wurden zu Beginn mehr als 76.600 Männer im Alter zwischen 55 und 74 Jahren aufgenommen.

Nun haben Wissenschaftler um den Urologen Professor Gerald L. Andriole aus St. Louis und den Onkologen Dr. Philip C. Prokop vom US-Nationalen Krebsinstitut in Bethesda neue Daten präsentiert, die einen Beobachtungszeitraum von inzwischen 13 Jahren abdecken (J Natl Inst Canc 2011; online 6. Januar).

Und siehe da: auch heute lässt sich beim Vergleich der Sterberaten zwischen Studienteilnehmern mit jährlicher PSA-Bestimmung und Teilnehmern mit nur sporadischen PSA-Messungen kein statistisch signifikanter Unterschied feststellen. An den Folgen eines Prostata-Ca starben in der Screening-Gruppe 153 Männer, in der Vergleichsgruppe 145 Männer.

In der Gruppe der Männer mit PSA-Screening lag allerdings die Prostata-Ca-Inzidenz mit 108,4 pro 10.000 Patientenjahren signifikant höher als in der Vergleichsgruppe mit einem Wert von 97,1.

Großer Unterschied bei den Todesursachen

Von den 4250 Männern der Screening-Gruppe, die innerhalb der 13 Jahre an einem Prostata-Ca erkrankt waren, starben 455 (11 Prozent) an den Folgen anderer Krankheiten, etwa anderer Tumoren oder ischämischer Herzerkrankungen.

In der Vergleichsgruppe erkrankten 3815 Männer an Prostatakrebs und knapp 10 Prozent (377 Männer) starben an den Folgen anderer Erkrankungen, etwa Lungenerkrankungen oder Infektionen.

Der große Unterschied der Daten bei den Todesursachen (Prostata-Ca/nicht Prostata-Ca) ist für die Forscher ein Hinweis auf eine Überdiagnose im Zusammenhang mit dem PSA-Screening.

[16.01.2012, 10:42:47]
Denis Nößler 
Für und Wider des Prostatakarzinomscreenings
Per E-Mail erreichte uns folgender Leserbrief von Prof. Dr. med. Dr. h. c. M. Wirth und Prof. Dr. med. M. Fröhner:

In der Ärztezeitung vom 10.01.2012 (Onlineversion) wird die Aktualiserung der amerikanischen Prostatakarzinomscreeningstudie (Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian (PLCO) Cancer Screening Trial [1] unter der Überschrift „Jährlicher PSA-Test senkt Sterberate nicht“ kommentiert. Gerade dies kann die zitierte Studie jedoch nicht zeigen. Sie wies eine hohe Kontamination durch sogenanntes opportunistisches Screening auf; 44 % der Patienten im sowohl im Interventions- als auch im Kontrollarm hatten vor Studieneintritt bereits einen PSA-Test und mehr als 50 % eine rektale Tastuntersuchung [2]. Ein weiterer Schwachpunkt dieser Studie ist die fehlende Festlegung einer Biopsieindikation. Die Entscheidung darüber wurde bei auffälligen Befunden den Patienten und den betreuenden Ärzten überlassen. Aufgrund dieser methodischen Schwächen war diese Studie [1,2] faktisch nicht mehr in der Lage, einen Unterschied zwischen den Studienarmen nachzuweisen und wird dies auch bei längerer Nachbeobachtung nicht tun können. Daß die mit diesen methodischen Problemen behaftete Studie keinen Effekt zeigte, sagt daher nichts über die mögliche Wirksamkeit des PSA-Tests als Screeninginstrument aus. In zwei Studien mit niedrigeren Kontaminationsraten durch opportunistisches Screening (20 % [3] beziehungsweise 3 % [4]) konnte durchaus eine deutliche Verminderung der prostatakarzinombedingten Mortalität im Screeningarm nachgewiesen werden [3,4].
Dabei lag in der kaum durch opportunistisches Screening kontaminierten skandinavischen Studie die „Number needed to treat“, also die Zahl (teilweise auch inital lediglich konservativ) behandelter Patienten, die zur Vermeidung eines prostatakarzinombedingten Todesfalls erforderlich sind, bei 12; diese Zahl ist nur unwesentlich höher als die analoge „Number needed to treat“ von 10 beim Mammakarzinomscreening [4].
Die bisherigen Daten zeigen jedoch lediglich eine Verminderung der Sterblichkeit am Prostatakarzinom (und damit verbunden möglicherweise auch eine Reduktion des Leidens an dieser potentiell langwierigen und schmerzhaften Tumorerkrankung), nicht jedoch eine Verlängerung des Lebens insgesamt. Diesen Nachweis anzutreten würde extrem hohe Probandenzahlen erfordern, die eine praktische Durchführbarkeit von Studien mit diesem Ziel nahezu unmöglich machen. Die Kontroverse um das Prostatakarzinomscreening erfordert eine ausgewogene Bewertung der Studienergebnisse. Es ist nicht möglich, aufgrund des fehlenden Effekts in einer methodisch problematischen Studie die Wirksamkeit eines Screenings generell zu verneinen. Die unter Beteiligung einer Vielzahl von Fachgesellschaften und auch von Patientenvertretern entwickelte und 2011 aktualisierte S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie des Prostatakarzinoms kommt nach kritischer Bewertung aller verfügbaren Studiendaten zu dem Schluß, daß alle in Frage kommenden Männer standardmäßig sowohl über die positiven als auch über die negativen Studienergebnisse und über Vor- und Nachteile einer Prostatakarzinomfrüherkennung aufzuklären sind.

Autoren: Prof. Dr. med. Dr. h. c. M. Wirth und Prof. Dr. med. M. Fröhner

Klinik und Poliklinik für Urologie
Direktor: Prof. Dr. med. Dr. h. c. M. Wirth
Universitätsklinik ”Carl Gustav Carus”
Technische Universität Dresden
Fetscherstraße 74
01307 Dresden.
Tel: 0351-4582447
Fax: 0351-4584333
Email: Manfred.Wirth@uniklinikum-dresden.de

Literatur:
[1] Andriole GL, Crawford ED, Grubb RL et al. Prostate Cancer Screening in the Randomized Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian Cancer Screening Trial: Mortality Results after 13 Years of Follow-up. J Natl Cancer Inst. 2012 [Epub ahead of print]
[2] Andriole GL, Crawford ED, Grubb RL 3rd, et al. Mortality results from a randomized prostate-cancer screening trial. N Engl J Med 2009;360:1310-1319.
[3] Schröder FH, Hugosson J, Roobol MJ, et al. Screening and prostate-cancer mortality in a randomized European study. N Engl J Med 2009;360:1320-1328.
[4] Hugosson J, Carlsson S, Aus G, et al. Mortality results from the Göteborg randomised population-based prostate-cancer screening trial. Lancet Oncol 2010;11:725-732.
[5] Deutsche Gesellschaft für Urologie e. V.: Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms. Version 2.0 – 1. Aktualisierung 2011. Verfügbar auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU): http://www.urologenportal.de/fileadmin/MDB/PDF/S3_LL_PCAS3_PCa_Aktualisierung_2011_110912f.pdf (zuletzt besucht am 13. Januar 2012). zum Beitrag »
[10.01.2012, 19:50:09]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Desillusioniert?
Auf die Gefahr hin, dass ich nerve: Ein jährlicher präventiver Test (hier PSA-Screening) kann ebenso wie eine sporadische Blutuntersuchung grundsätzlich die Sterberate von Erkrankungen n i c h t unmittelbar senken! Es sei denn, die frühe Detektion einer vital bedrohlichen Erkrankung würde zum e n t s c h e i d e n d e n Vorsprung bei einer hocheffizienten und effektiven kurativen Therapie mit Heilung führen, welche für alle anderen Betroffenen unerreichbar bliebe.

Da aber in der Regel lebensbedrohliche Erkrankungen und insbesondere Tumorerkrankungen nicht symptomlos bleiben und auch nach später Detektion mehr oder weniger adäquat behandelt werden können, minimieren sich die Unterschiede in den möglichen Vergleichsgruppen.

Es ist allerdings eine epidemiologische Binsenweisheit, das mit überlanger Nachbeobachtungsdauer die Mortalität in a l l e n Studien, Beobachtungen und ex-post-Analysen krankheits u n a b h ä n g i g ansteigt und irgendwann auch interventionsunabhängig gegen 100 Prozent tendiert. Von diesem Trend ist ein "Beobachtungszeitraum von inzwischen 13 Jahren" nicht ausgenommen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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