Ärzte Zeitung online, 10.05.2017

Ionenstrahlen

Hilfe für die Kleinsten

Emil ist 22 Monate alt und der jüngste Patient des Ionenstrahl-Therapiezentrums in Marburg. Er leidet unter einem seltenen, hochaggressiven Hirntumor. Vier- bis fünfmal pro Woche muss er bestrahlt werden.

Von Gesa Coordes

Hilfe für die Kleinsten

Gesa Coordes

MARBURG. Er ist das erste Kleinkind, das im Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum behandelt wird: Der 22 Monate alte Emil leidet unter einem sehr seltenen, hochaggressiven Gehirntumor, einem atypischen Teratoid-Rhabdoid-Tumor.

"Hochdramatisch" sei die Situation gewesen, als Emil am 5. Oktober vergangenen Jahres in die Notaufnahme des Universitätsklinikums kam, berichtet die Direktorin der Klinik für Strahlentherapie in Marburg und Gießen, Professor Rita Engenhart-Cabillic. Der 15 Monate alte Junge war bereits kaum mehr ansprechbar und halbseitig gelähmt. Die Computertomographie zeigte einen sieben Zentimeter großen Gehirntumor, der einblutete. Innerhalb weniger Minuten wurde er in den Operationssaal geschoben und von Professor Christopher Nimsky, dem Direktor der Klinik für Neurochirurgie, operiert. "Ohne die Not-Op wäre er innerhalb weniger Stunden gestorben", so Engenhart-Cabillic.

Wenn der kleine Emil jetzt mit seinen Eltern ins Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum geht, bringt er Holzautos und Bilderbücher mit. Weder die knallgelben Wände noch die Ärzte scheinen den quirligen Knirps zu schrecken. Er wird interdisziplinär sowohl in Gießen, wo die Chemotherapie stattfindet, als auch in Marburg behandelt. Im Ionenstrahltherapiezentrum ist er der jüngste Patient. "Das ist ein großer Glücksfall", so seine Mutter, die 28-jährige Lena Quahl aus Schwalmstadt. Das Marburger Zentrum konnte erst vor 18 Monaten und nach jahrelangem Gezerre eröffnen. Vergleichbare Einrichtungen sind sehr selten.

Seit März kommt die Familie vier- bis fünfmal pro Woche nach Marburg, wo Emil unter Vollnarkose bestrahlt wird. Bei erwachsenen Patienten ist keine Narkose nötig, da sie unter ihrer Kopfmaske ausreichend ruhig bleiben. Die zielgenaue Bestrahlung des Tumors dauert bei Emil nur zehn Minuten. Während dieser Zeit trägt auch er eine eigens für ihn angefertigte Kunststoffmaske, die seinen Kopf unbeweglich hält. Die Bestrahlung auf der robotergesteuerten Patientenliege wird mit neun Bildschirmen überwacht.

Bislang verträgt er die Bestrahlungen besser als die Chemotherapie, auf die er jedes Mal mit Fieber, einmal sogar mit einem Lebervenenverschluss reagiert hat. Viele Bluttransfusionen waren nötig. "Emil ist ein kleiner Kämpfer und unser kleines Wunder", sagen die Eltern. Sie wissen, dass der Tumor hochaggressiv ist. Mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder sterben. Doch Eltern und Ärzte zeigen sich optimistisch. Er erhalte die bestmögliche Therapie, sagen sie. Kognitive Folgen gibt es bislang nicht. Emil lernt täglich neue Wörter. Er hat sogar seine ersten Schritte in der Klinik gemacht.

Bis zu seinem zweiten Geburtstag im Juli sind die Behandlungen wahrscheinlich abgeschlossen. "Wir wünschen uns vor allem normalen Alltag mit einem gesunden Kind", erklärt seine Mutter.

Ionenstrahl-Therapie- Zentrum in Marburg

- 18 Monate nach der Eröffnung wurden bereits mehr als 270 Menschen im Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum behandelt. Von den Strahlen profitieren vor allem Krebspatienten mit Tumoren, die man auf "normalem" Weg nicht erreichen kann, weil sie zu tief im Körper oder zu nah an gesundem Gewebe liegen.

- Viele Patienten mit Hirntumoren werden dort behandelt, aber auch mit Tumoren in den Speicheldrüsen, mit Prostatakarzinomen und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Vermehrt werden die Strahlen auch bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt.

- Das Verfahren hinterlässt kaum Schäden in der Umgebung des Tumors, weil sich die Strahlen sehr präzise und konzentriert platzieren lassen. Computer berechnen die optimale Strahlendosis für jeden einzelnen Punkt im Tumor.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Hunde im MRT hygienischer als bärtige Männer

Ist es hygienisch, Hunde in MRT-Scanner zu legen, mit denen primär Menschen untersucht werden? Ja, legt eine Studie nahe: Bärtige Männer bergen höhere Kontaminationsrisiken. mehr »

Starke Konzentration wird im Fall Valsartan zum Klumpenrisiko

Noch ist die Risikobewertung im Fall Valsartan nicht abgeschlossen. Aber der Vorgang zeigt die Risiken der starken Marktkonzentration. mehr »

Die Gesundheit der Bombenkinder

Seit Jahrzehnten berichten viele Hibakusha – so nennt Japan seine Atombombenopfer – regelmäßig vor Schülern und Interessierten aus dem In- und Ausland von dem Grauen, das sie und ihre Angehörigen erlebten. mehr »