Ärzte Zeitung, 23.01.2004

Wenn Patienten keinen Fön mehr halten können

Medikamenten-induzierte Myopathien sind häufiger als bisher angenommen / Auslaßversuche sichern die Diagnose

KÖLN (ner). Bei unklarer Muskelschwäche im Schulter- oder Beckengürtel oder bei Muskelschmerzen sollte bedacht werden, daß durch Medikamente induzierte toxische Myopathien häufiger vorkommen, als gemeinhin angenommen wird.

Darauf hat der Neurologe Professor Heinz Reichmann beim Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer in Köln aufmerksam gemacht. Nach seinen Angaben kann bei 64 Prozent der Asthmatiker, die systemische Steroide einnehmen müssen, eine Myopathie nachgewiesen werden, elf bis 60 Prozent der Hirntumor-Patienten, die zur Ödemprophylaxe Dexamethason einnehmen, haben Zeichen einer Steroid-induzierten Myopathie.

Besonders aufmerksam sollte man bei Behandlung mit fluorierten Steroiden wie Dexamethason, Betamethason oder Triamcinolon sein. Allerdings gebe es keine sichere Korrelation zwischen Dauer oder Dosishöhe der Kortisontherapie und dem Auftreten von Myopathien.

Insgesamt seien durch 120 Arzneimittel oder durch Toxine induzierte Myopathien beschrieben, so Reichmann. So können auch Diuretika, Laxanzien, Amiodaron, Chloroquin, Colchicin oder Lipidsenker Myopathien auslösen.

Aufmerksam werden sollte man, wenn Patienten etwa kurz nach Ansetzen eines neuen Medikamentes über Probleme beim Treppensteigen klagen oder den Fön nicht mehr halten können. Denn typischerweise ist vor allem die proximale Muskulatur des Schulter- oder Beckengürtels betroffen.

Hilfreich ist ein Auslaßversuch beim zuletzt neu verordneten Medikament. Außerdem sollten neuromuskuläre Erkrankungen beim Patienten oder in der Familie ausgeschlossen werden, so Reichmann.

Bei den Lipidsenkern habe Clofibrat den höchsten Anteil an Myopathien. Zur Situation bei den Statinen sagte Reichmann: "100 000 von einer Million behandelter Patienten können mit Statinen vor Herzinfarkt und Schlaganfall geschützt werden, aber nur einer davon hat das Problem einer Rhabdomyolyse."

Bei etwa einem Prozent der Behandelten kämen leichte Myopathien vor. Der Neurologe rät, bei Statin-Therapie halbjährlich Muskel- und Leberenzyme zu kontrollieren. Bei Anstieg der CK auf das Zehnfache und der Transaminasen auf mehr als das Dreifache der oberen Normgrenze sollte das Mittel abgesetzt werden. Kombinationen von Statinen mit Fibraten, Makroliden oder bestimmten Antimykotika sollten vermieden werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Dicker Hals = dickes Risiko fürs Herz

Nicht nur ein dicker Bauch spricht Bände – der Halsumfang eignet sich ebenfalls, um das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen. mehr »

Junge Ärzte müssen etwas zur Versorgung auf dem Land beitragen!

Politik und Verbände mühen sich ab, um junge Ärzte für die Versorgung auf dem Land zu begeistern. Blogger Dr. Jonas Hofmann-Eifler sieht die Verantwortung ein Stück weit auch bei sich und seinen Kollegen. mehr »

MDK lehnt Pflegeanträge seltener ab

Kommen die Pflegereformen bei den Versicherten an? Neuen Zahlen zufolge fallen weniger Antragssteller durchs Raster und erhalten somit Leistungen. mehr »