Ärzte Zeitung, 09.09.2005

Menschen mit Persönlichkeitsstörung sind oft kreativ

US-Psychologen untersuchten schizotype Persönlichkeiten / Starke Aktivitäten in der rechten Gehirnhälfte

Auffälliges und unsoziales Verhalten geht häufig mit großer Kreativität einher. Das haben US-Psychologen in einer Studie entdeckt, in der sie die Fähigkeit zum kreativen Denken bei psychisch gesunden Probanden und schizotypen Persönlichkeiten untersuchten.

Die schizotypen Teilnehmer, die sich durch merkwürdiges Benehmen und eine ungewöhnliche Sprachwahl auszeichnen, gelangten dabei häufig zu deutlich kreativeren Lösungen als die gesunden Probanden. Ursache dieser gesteigerten Kreativität ist nach Ansicht der Wissenschaftler, daß schizotype Menschen ihre rechte Gehirnhälfte intensiver nutzen als der Durchschnittsmensch.

Über ihre Studie berichten Bradley Folley und Sohee Park von der Vanderbilt-Universität in Nashville in der Fachzeitschrift "Schizophrenia Research" (Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1016/j.schres.2005.06.016).

Menschen mit einer schizotypen Persönlichkeitsstörung wirken häufig sehr exzentrisch auf ihre Umgebung: Sie sind unnahbar, humorlos, tragen unangepaßte Kleidung und sind sorgsam darauf bedacht, immer auf Distanz zu bleiben.

Oft sind sie ängstlich und verunsichert, dabei aber gleichzeitig mißtrauisch und reizbar. Trotz dieser Verhaltensweisen leiden die Betroffenen nicht unter klassischen Psychosen oder gar einer echten Schizophrenie, bei der häufig die gesamte Persönlichkeit den Bezug zur Realität verliert.

Bereits früher gab es Hinweise darauf, daß Menschen mit schizotypen Zügen kreativer sind als andere. So waren nach Ansicht von Experten etwa viele für ihre Kreativität berühmte Menschen schizotype Persönlichkeiten, darunter Vincent van Gogh, Albert Einstein oder Isaac Newton.

Um diesen Zusammenhang genauer zu untersuchen, ließen Folley und Park psychisch unauffällige und schizotype Probanden Aufgaben zum kreativen Denken lösen. Dabei sollten sie sich unter anderem alternative Verwendungsmöglichkeiten von Haushaltsgeräten wie Nähgarn, Zahnbürsten oder Eßbesteck ausdenken. Gleichzeitig bestimmten die Psychologen den Blutfluß und damit die Aktivität im Gehirn der Testteilnehmer.

Die schizotypen Probanden schnitten bei den Kreativitätstests deutlich besser ab als die Kontrollgruppe, ergab die Auswertung. Zwar nutzten alle Teilnehmer für die Lösung der gestellten Aufgaben beide Gehirnhälften, doch war die Aktivität der rechten Hemisphäre bei den schizotypen Probanden sehr viel stärker ausgeprägt.

Diese Hirnhälfte ist dafür zuständig, neue Assoziationen zu bilden. Der intensivere Zugriff auf diese Ressourcen könnte demnach erklären, warum die schizotypen Probanden schneller neue Lösungen entwickeln, so die Forscher. Gleichzeitig sei genau diese fehlende Spezialisierung der beiden Hirnhälften in anderen Bereichen von Nachteil für den Betroffenen. (ddp.vwd)

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