Ärzte Zeitung, 20.05.2009

Kindesmisshandlungen früh erkennen!

Mit dem Thema Kindesmisshandlung sollten sich auch Hausärzte auseinandersetzen, denn sie sind oft die ersten, die die Opfer zu sehen bekommen. Ein Buch gibt Tipps für den Umgang mit Betroffenen.

Was deutet darauf hin, dass eine Verletzung nicht zufällig entstanden ist?

Kindesmisshandlung ist auch bei uns nicht selten. Nach einer Studie von UNICEF wird geschätzt, dass in Deutschland jährlich etwa 157 000 Kinder unter 14 Jahren körperlich misshandelt werden - und das in allen gesellschaftlichen Schichten. Von den Opfern, die wegen ihrer schweren Verletzungen in Kinderkliniken aufgenommen werden, sterben 12 bis 15 Prozent, und knapp 40 Prozent bleiben auf Dauer geschädigt, vor allem durch Hirnverletzungen.

Das sind sehr hohe Zahlen, doch sie stimmten mit seinen Erfahrungen überein, sagt Professor Gert Jacobi in seinem neuen Lehrbuch "Kindermisshandlung und Vernachlässigung". Der Kinderneurologe hat vor seiner Pensionierung an der Universität in Frankfurt am Main gearbeitet.

Gleich zu Anfang des Buchs macht er klar, dass es auch Ärzte Überwindung kostet, sich dem Thema zu stellen. Differenzialdiagnostisch deuten bereits bei der Erstvorstellung einige Hinweise darauf hin, dass eine Verletzung eines Kindes keine zufällige, sondern eine nicht akzidentielle ist. Auf eine Misshandlung deutet zum Beispiel, wenn ein Kind auch nach schweren Verletzungen oder vielen Stunden der Bewusstlosigkeit erst mit erheblicher Zeitverzögerung zum Arzt oder in die Klinik gebracht wird. Auffällig ist außerdem, wenn die Ärzte oder Kliniken, die konsultiert werden, ständig wechseln. Hellhörig werden sollte man auch, wenn Geschwister, vor allem jüngere, für die Verletzungen verantwortlich gemacht werden.

Bei 40 Prozent der stationär Behandelten bleiben Schäden.

Physische Misshandlungen werden eingeteilt in Schütteltrauma, schwere Schädel-Hirn-Traumata und andere lebensbedrohliche Verletzungen sowie leichte, sich meist wiederholende Schädel-Hirn-Traumata einschließlich chronischer Vernachlässigung und Verhungern. Und dann gibt es noch das Münchhausen-by-proxy-Syndrom, das am schwersten zu diagnostizieren ist. Dabei erzeugt eine Person bei einer anderen (meistens die Mutter bei ihrem eigenen Kind) immer wieder Krankheitssymptome, für die keine echte Krankheit als Erklärung gibt.

Gründlich wird in dem Buch das diagnostische Vorgehen bei den einzelnen Misshandlungsformen dargestellt - anhand von vielen Fallbeispielen. Zudem wird Misshandlung aus kinderchirurgischer, aus kinderpsychiatrischer und rechtsmedizinischer Sicht besprochen. Auch die rechtlichen Problemfelder und das Handeln der Jugendämter sind Themen. Ein umfassendes Buch, das es Ärzten möglich machen soll, in diesen schwierigen Fällen angemessen zu handeln - im Sinne der misshandelten Kinder, zu deren Fürsprechern sich Jacobi gemacht hat. (ug)

Gert Jacobi (Herausgeber): Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Epidemiologie, Diagnostik und Vorgehen. Verlag Hans Huber, Bern, 2008. 528 Seiten mit 227 Abbildungen und 69 Tabellen. Preis: 79,95 Euro. ISBN 978-3-456-84543-2.

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