Ärzte Zeitung online, 06.12.2016
 

Tödliche Beziehung

Frauen morden anders als Männer

Intimizid nennt man die Tötung eines Geliebten oder Partners. "Frauen töten dabei in der Regel in und nicht nach der Partnerschaft", so die Analyse eines forensischen Psychiaters. Männer morden eher im Affekt – und nehmen weitere Opfer in Kauf.

Von Thomas Müller

Frauen morden anders als Männer

Wenn aus Liebe Mord wird...

© kopitinphoto/Fotolia

BERLIN. Jährlich stirbt etwa einer von 100.000 Menschen in Deutschland eines gewaltsamen Todes – das sind rund 750 bis 800 Personen, die Hälfte Frauen. Wie häufig in diesen Fällen der Intimpartner der Täter ist, lässt sich schwer sagen, die Kriminalstatistiken halten nur fest, ob Täter und Opfer bekannt oder verwandt sind.

Dies ist bei etwa jedem sechsten getöteten Mann, aber jeder zweiten ermordeten Frau der Fall. Das spricht zumindest dafür, dass Frauen weitaus häufiger Opfer eines Intimizids werden als Männer.

Bestätigt wird dies auch durch eine Auswertung von psychiatrischen Gutachten zu 84 Tötungen und Tötungsversuchen in der Partnerschaft, die Professor Norbert Leygraf von der Universität Duisburg-Essen vorgestellt hat (Norbert Leygraf: Tötungsdelikte in und nach intimen Beziehungen. Symposium ST-22 Häusliche Gewalt, Stalking und Intimizid – Wann wird es in intimen Beziehungen gefährlich? Kongress der Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Berlin, 25.11.16).

71 der Delikte wurden von Männern, aber nur 13 von Frauen begangen, erläuterte der forensische Psychiater auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.

Mit 15 versus 9% war der Frauenanteil jedoch deutlich höher als in einer Stichprobe von 264 Delikten außerhalb der Partnerschaft.

Tendenzen oft schon in vorherigen Partnerschaften sichtbar

Von den untersuchten Delikten hatten fast drei Viertel zum Tod des Opfers geführt, mehr als die Hälfte ereigneten sich in Ehen, davon acht nach mehr als 30 Jahren Dauer.

Vor der Tat gab es bei 16 Personen Hinweise aus den Polizeiakten auf eine hohe Gewaltbereitschaft der Täter, acht waren in vorangegangenen Partnerschaften auffällig geworden – einer hatte zuvor schon eine Partnerin ermordet. Acht Täter hatten das aktuelle Opfer schon vor der Tat malträtiert, fünfmal wurde das Verfahren nach Rücknahme der Anzeige eingestellt.

Insgesamt ereigneten sich rund die Hälfte der Delikte aus einer aktuellen Situation heraus, etwa einem Streit oder der Ankündigung einer Trennung.

Dies war vor allem bei den männlichen Tätern der Fall, dagegen hatten 9 der 13 Täterinnen die Tötung langfristig geplant. Zwölf wollten ihren aktuellen Partner ins Jenseits befördern, nur eine den verflossenen. Dagegen versuchten 30 von 71 Männern (42%) die Expartnerin umzubringen.

Bei Männern ist Rache und ein verletztes Ehrgefühl nach einer Trennung offenbar häufiger ein Motiv für eine solche Gewalttat, erläuterte Leygraf. "Frauen töten in der Regel in und nicht nach der Partnerschaft."

Trennung häufigster Grund bei Männern

Unterschiede gibt es auch in andere Punkten: Männer nehmen nicht selten auch das Umfeld ins Visier – das war bei immerhin 13 Delikten der Fall. So wurden zweimal die Mutter, zweimal der neue Freund der Partnerin und sechsmal die gemeinsamen Kinder umgebracht.

In einem Fall hatte es der Täter auch auf drei Freundinnen der Partnerin abgesehen. Täterinnen beschränkten sich jedoch stets auf den Partner.

Der weitaus häufigste Auslöser bei männlichen Tätern (20-mal) war eine angekündigte oder vollzogene Trennung durch die Partnerin. Immerhin sechsmal lagen sogenannte "Ehrenmorde" vor, fünfmal wollten die Männer einen Neuanfang ohne die Partnerin, viermal kennzeichnete die Tötung das Ende einer gewaltsamen Beziehung.

Frauen suchen einen Neuanfang

Einen Neuanfang wollten drei der 13 Täterinnen, bei ebenso vielen lag eine alkoholgetränkte Streitsituation vor, nur in einem Fall gingen die Gutachter von einem "Despotenmord" aus, bei dem die Täterin einer unerträglichen Situation entfliehen wollte. In einem Fall wurde ein "Mitnahmesuizid" während einer schweren depressiven Episode angenommen.

Ähnlich selten gingen die Delikte bei Männern mit psychischen Erkrankungen einher. Neun attestierten die Gutachter einen wahnhaft-psychotischen Hintergrund, einem eine schwere Depression, drei litten unter erheblichen hirnorganischen Persönlichkeitsveränderungen.

Insgesamt hatten 14 der Täter und Täterinnen (17%) eine psychiatrische Diagnose. Bei ähnlich vielen fanden die Gutachter eine Persönlichkeitsstörung oder Suchterkrankung. Psychisch auffällig war damit etwas mehr als ein Drittel.

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