Ärzte Zeitung, 18.01.2017
 

Studie

Kognitive Störungen deuten auf ein erhöhtes Sterberisiko

Patienten über 75 Jahre, bei denen kognitive Beeinträchtigungen neu auftreten, haben ein höheres Sterberisiko als Patienten ohne solche Defizite. Das hat eine deutsche Längsschnittstudie ergeben.

Von Moritz Borchers

Kognitive Störungen deuten auf ein erhöhtes Sterberisiko

Kognitiv beeinträchtigte Patienten können nicht so zuverlässig an der Behandlung mitwirken. Ein Grund für die erhöhte Sterblichkeit?

© Alexander Raths / fotolia.com

LEIPZIG. Ältere Patienten mit neu diagnostizierten kognitiven Einschränkungen haben ein 42 Prozent höheres Risiko, im nachfolgenden Beobachtungszeitraum (im Mittel 8,0 Jahre) zu sterben, als unbeeinträchtigte Patienten (Hazard Ratio [HR] 1,42). Bei Patienten mit schweren kognitiven Beeinträchtigungen ist das Sterblichkeitsrisiko sogar um 75 Prozent erhöht (HR 1,75).

Längsschnittstudie AgeCoDe

Das sind die Ergebnisse einer Auswertung der Längsschnittstudie AgeCoDe, die ein Team um Tobis Luck vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, Leipzig, durchgeführt hat (J Am Geriatr Soc 2016; online 19. Dezember). Kognitiv beeinträchtigte Teilnehmer waren in dieser Untersuchung älter, hatten häufiger eine mittlere oder hohe Bildung, waren öfter funktional eingeschränkt, zeigten häufiger depressive Symptome, und in ihren Krankengeschichten waren mehr Schlaganfälle oder transitorische ischämische Attacken verzeichnet. Auch entwickelte sich bei mehr Teilnehmern in der Gruppe der kognitiv beeinträchtigten Patienten nach der ersten Follow-up-Messung eine Demenz als bei den nicht beeinträchtigten Teilnehmern (23,0 versus 15,4 Prozent).

Zwar habe es bereits in anderen Studien Hinweise auf einen Zusammenhang von kognitiven Beeinträchtigungen und erhöhter Sterblichkeit gegeben, wie die Forscher in ihrer Einleitung schreiben. Solche Zusammenhänge seien aber zumeist retrospektiv erfasst worden, was ein gewisses Ungenauigkeitsrisiko berge. Für die aktuelle Analyse haben Luck und Kollegen daher auf Daten von 2089 Patienten im Alter über 75 Jahre zurückgegriffen, die im Rahmen der Studie AgeCoDe prospektiv erhoben worden waren. Der Anteil der Frauen betrug 64,4 Prozent.

Für die Erklärung des Zusammenhangs zwischen kognitiven Einschränkungen und erhöhter Mortalität diskutieren die Wissenschaftler um Luck verschiedene Ansätze: Kognitive Defizite könnten etwa Ausdruck einer Verschlechterung des Allgemeinzustandes sein, die wiederum mit erhöhter Sterblichkeit einhergeht. Daneben sei aber auch denkbar, dass die Sterblichkeit ansteigt, weil Patienten aufgrund der kognitiven Beeinträchtigung mehr Unfälle haben oder weniger zuverlässig an einer medizinischen Behandlung mitwirken. Eine genaue Abklärung möglicher Gründe erfordere weitere Untersuchungen .

Im Mittel achtjähriges Follow-up

In die Aanalyse gingen die Daten von Patienten ein, die zum Zeitpunkt der Basismessung weder dement noch kognitiv beeinträchtigt gewesen waren. Untersucht wurde dann das Sterblichkeitsrisiko über einen im Mittel achtjährigen Follow-up-Zeitraum. Dafür verglichen die Wissenschaftler um Luck solche Teilnehmer, die 18 Monate nach der Basismessung zum ersten Follow-up-Zeitpunkt als kognitiv beeinträchtigt identifiziert wurden, mit jenen, die keine kognitiven Einschränkungen aufwiesen. Teilnehmer, bei denen beim ersten Follow-up eine manifeste Demenz festgestellt worden war, wurden ausgeschlossen. Die diagnostischen und soziodemografischen Daten erfassten Luck und Kollegen mithilfe strukturierter (klinischer) Interviews.

Patienten von Hausärzten rekrutiert

Die Studienstichprobe der AgeCoDe besteht aus Patienten, die von ihren Hausärzten in Zusammenarbeit mit sechs Studienzentren in Deutschland rekrutiert worden sind. Die Patienten sind zwischen 2003 und 2014 im Rahmen einer Basismessung und zu sechs Follow-up-Messzeitpunkten alle anderthalb Jahre untersucht worden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar auf Seite 2

75%

um so viel höher war das Sterblichkeitsrisiko für Patienten mit schweren kognitiven Beeinträchtigungen verglichen mit Patienten ohne Beeinträchtigungen.

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