Ärzte Zeitung online, 27.01.2017
 

Forschung

Doping fürs Hirn

Schach ringt dem Hirn hochkomplexe kognitive Fähigkeiten ab. Forscher fanden jetzt heraus: Spieler können diese durch zwei Medikamente stark verbessern - es sei denn, sie stehen unter Zeitdruck.

Diese Medikamente lassen Schachspieler gewinnen

Konzentration beim Schach: Unter Stimulanzien mussten die Spieler überraschenderweise länger über die richtigen Züge nachdenken.

© Dominik Pabis / istock

MAINZ. Während eines langen Schach- Spiels oder eines Turniers lässt zwischenzeitlich auch bei den besten Spielern die Leistungsfähigkeit nach. Folglich unterlaufen ihnen Fehler.

Mit konventionellen Mitteln lassen sich dabei Wachsamkeit, Konzentration, strategisches Denken, Kreativität, Geduld und Zeit längerfristig verbessern: mit ausreichend Schlaf, gesunder Ernährung und Bewegung.

Auch Spitzenspieler wie Magnus Carlsen, Schachweltmeister seit 2013, greifen darauf zurück, berichtet die Universitätsmedizin Mainz in einer Mitteilung. Doch bleiben Schachspieler auch mit Medikamenten länger konzentriert?

Diese Frage ist auch sportpolitisch von Bedeutung, denn der Weltschachverband FIDE will Schach zur olympischen Disziplin machen, und das geht nur mit Dopingkontrollen.

Studie mit Stimulanzien

Ein Team mit Wissenschaftlern der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz hat daher jetzt die Effekte der kognitiven Enhancer Methylphenidat, Modafinil und Koffein auf die Leistungen von Turnier-Schachspielern untersucht (European Neuropsychopharmacol 2017, online 23. Januar).

Dabei verglichen sie die Auswirkungen der verschreibungspflichtigen Arzneimittel mit den Auswirkungen des frei erhältlichen Koffeins.

In der randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studie erhielten 39 männliche Schachspieler an vier Tagen entweder zweimal 200 mg Modafinil oder zweimal 20 mg Methylphenidat oder zweimal 200 mg Koffein oder zweimal Placebo in einem 4×4-Crossover-Studiendesign.

Sie spielten jeden Tag zwanzig 15-minütige Spiele in zwei Blöcken, und zwar gegen ein an die individuelle Stärke der Spieler angepasstes Computer-Schachprogramm (Fritz 12). Zudem absolvierten die Probanden neuropsychologische Tests.

Längere Nachdenkzeit für Spielzüge

Das Ergebnis: Im Verlauf der Studie zeigte sich, dass die Schachspieler nach Einnahme der Stimulanzien überraschenderweise länger über die richtigen Züge nachdenken mussten als unter Placebo. Das wiederum führte dazu, dass die Spieler bei der Betrachtung aller 3059 analysierten Partien unter Stimulanzien nicht mehr Spiele gewannen als unter Placebo.

Wurden jedoch nur die 2876 Partien analysiert, die innerhalb der 15 Minuten auch tatsächlich entschieden wurden, zeigte sich, dass die Probanden unter Methylphenidat und Modafinil, nicht aber unter Koffein, mehr Partien gegen das Schachprogramm gewannen als unter Placebo.

Die Wissenschaftler schließen daraus, dass Schachspiel-Leistungen mit Methylphenidat und Modafinil verbessert werden können, wenn die Spieler nicht unter Zeitdruck stehen, das heißt, sie in der Lage sind, sich ihre Zeit in den 15-minütigen Kurzpartien gut einzuteilen.

Überraschende Ergebnisse

Die Forscher aus Mainz hatten eigentlich damit gerechnet, dass entsprechend der Literatur die Arzneimittel die kognitiven Prozesse eher schwächen. "Die Ergebnisse zeigen erstmals, dass auch hochkomplexe kognitive Fähigkeiten, wie sie beim Schachspiel nötig sind, durch Stimulanzien verbessert werden können. Offenbar sind die Probanden unter Stimulanzien-Einfluss eher in der Lage, Entscheidungsprozesse vertieft zu reflektieren", betont Studienleiter Professor Andreas Franke in der Mitteilung.

Und sein Kollege Professor Klaus Lieb ergänzt: "Die Studie war sehr aufwändig, ist gut kontrolliert und es haben alle 39 Probanden an allen Untersuchungen teilgenommen. Wir haben damit erste Hinweise, dass Doping im Schachsport durch die Stimulanzien Methylphenidat und Modafinil möglich ist."

Lieb weiter: "Allerdings müssen die Studienergebnisse von anderen Arbeitsgruppen repliziert werden, bevor definitive Aussagen dazu gemacht werden können." Wegen der Risiken und Nebenwirkungen der verschreibungspflichtigen Substanzen sowie dem unfairen Verhalten beim Schachspiel, warnen die Autoren vor der Einnahme.

Darüber hinaus fordern sie, konsequente Schritte für mehr Dopingkontrollen im Profi-Schachsport zu unternehmen. (eb / eis)

[28.01.2017, 16:32:39]
Wolfgang P. Bayerl 
schon die Verwendung des Wortes Gehirndoping
ist heftig zu kritisieren und sollte verpönt sein.
Es ist geradezu ein Anstacheln zum Drogenmissbrauch.
Grundsätzlich ist "Denken" eine sehr komplexe "Systemleistung" und die Vorstellung,
ein normales System könnte durch eine chemische Substanz verbessert werden ist schon sehr gewagt,
eher ganz überwiegend falsch.
Zudem ist Schachspielen keineswegs so hochkomplex wie hier behauptet wird, sowie einige verwandte mathematisch/geometrische "Leistungen" die bekanntlich noch lange keine menschliche "Intelligenz" repräsentieren, ja bekanntlich nicht selten auch bei unterdurchschnittlicher Gehirnkompetenz zu finden sind.
Wer kennt nicht das stille Mathematik-Genie in der Klasse, der in Deutsch keine vernünftigen 5 Sätze zusammenbringt.
Es wäre wieder mal ein Geschäftsmodell und ein Kassenschlager,
den ich sicher nicht verhindern kann.
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