Ärzte Zeitung online, 15.11.2017
 

Prävention

Jede achte Depression durch etwas Sport vermeidbar

Würde sich jeder Erwachsene nur eine Stunde pro Woche körperlich bewegen, ließen sich wohl 12% aller Depressionen vermeiden. Diesen Schluss legt eine große norwegische Studie nahe.

Von Thomas Müller

Jede achte Depression durch etwas Sport vermeidbar

Bewegung hilft, Depressionen zu vermeiden.

© amriphoto / Getty Images / iStock

SYDNEY. Ob körperliche Aktivität bei Depressionen hilft, ist nach wie vor umstritten und lässt sich auch kaum feststellen, da jemand in einer Depression nur schwer für Sport zu begeistern ist und diejenigen, die dennoch aktiv werden, vielleicht nicht ganz so depressiv sind.

Viel spannender ist daher die Frage, ob Sport davor schützen kann, eine Depression zu entwickeln. Hier gibt es tatsächlich zunehmend Hinweise, dass körperlich Aktive deutlich seltener an Depressionen erkranken als Couch-Potatoes. Ob das tatsächlich an der körperlichen Aktivität oder an einem insgesamt gesünderen Lebensstil liegt, ist aber schwer zu sagen.

Eine große norwegische Studie bestätigt nun zumindest den bekannten Zusammenhang und liefert darüber hinaus auch Hinweise zur Größe des Effekts (doi.org/10.1176/appi.ajp.2017.16111223). Danach ließe sich etwa jede achte Depression vermeiden, wenn die Bevölkerung nur etwas mehr Sport treiben würde – vorausgesetzt, es gibt tatsächlich einen kausalen Zusammenhang.

Merklich erhöhte Depressionsrate bei körperlich Inaktiven

Für die Analyse griff ein internationales Forscherteam um Professor Samuel Harvey von der Universität in Sydney auf Angaben der norwegischen Studie HUNT zurück, einer der größten skandinavischen Kohortenuntersuchungen überhaupt. Dazu wurde Mitte der 1980er-Jahre praktisch die gesamte erwachsene Bevölkerung des Landkreises Tr¢ndelag herangezogen.

Rund 61.000 Bewohner füllten auch einen Fragebogen zu Depressionen und Angststörungen aus. Die 30 % mit den ungünstigsten Werten wurden von der Analyse ausgeschlossen. Ebenfalls unberücksichtigt blieben Bewohner, die körperliche Einschränkungen hatten, welche eine sportliche Betätigung ausschloss. Letztlich blieben knapp 34.000 psychisch und körperlich gesunde Norweger übrig.

Zu Beginn wurden die Teilnehmer gefragt, wie häufig sie jede Woche Sport treiben oder sich körperlich bewegen, auch mussten sie angeben, wie lange und intensiv sie das tun. Daraus konnten die Forscher um Harvey berechnen, wie viel Zeit pro Woche die Teilnehmer nach eigenen Angaben körperlich aktiv waren.

Neun bis 13 Jahre später wurden alle gebeten, den Fragebogen zur "Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS)" auszufüllen. Ab Werten von acht Punkten in den jeweiligen Subskalen gingen die Forscher von einer Depression bzw. Angststörung aus. Zu Beginn der Studie war das Geschlechterverhältnis ausgeglichen, das Durchschnittsalter betrug 45 Jahre. Knapp 40 % waren eine Stunde oder mehr in der Woche körperlich aktiv.

Zwei Drittel der Teilnehmer füllten später den HADS-Fragebogen aus. 7 % waren danach depressiv, knapp 9 % hatten eine Angststörung.

Wie sich zeigte, hatten Teilnehmer, die zu Beginn der Untersuchung mindestens eine Stunde pro Woche körperlich aktiv waren, nach der Beobachtunszeit deutlich seltener eine Depression. Wurden Alter und Geschlecht der Teilnehmer berücksichtigt, lag die Depressionsrate bei komplett Inaktiven knapp 70 % höher.

Glichen die Forscher die Daten auch nach Bildungsgrad, sozialem Status, Alkohol- und Nikotinkonsum sowie BMI ab, schwächte sich der Zusammenhang zwar etwas, blieb aber noch immer statistisch signifikant. Danach erkranken komplett Inaktive etwa 44 % häufiger an einer Depression als solche, die sich mindestens eine Stunde am Tag bewegen.

Das Team um Harvey konnte auch einen Dosiseffekt feststellen: Bei bis zu einer halben Stunde Aktivität pro Woche war die Depressionsrate um 19 %, bei einer halben bis ganzen Stunde um 11 % höher als bei ein bis zwei Stunden Sport. Bei noch höheren Dosen gab es jedoch keine signifikanten Differenzen mehr: Ob jemand eine oder vier Stunden Sport pro Woche treibt, scheint für das Depressionsrisiko unerheblich zu sein, der maximale Schutzeffekt wird nach diesen Daten bereits bei einer Stunde pro Woche erreicht. Der Effekt war zudem unabhängig von Alter und Geschlecht.

Kein Einfluss auf Angststörungen

Erstaunlicherweise hatte die körperliche Aktivität zum Studienbeginn keinerlei Einfluss auf die spätere Prävalenz von Angststörungen. Wer sich zumindest moderat bewegt, kann damit zu einem gewissen Grad Depressionen davonlaufen, aber nicht seinen Ängsten, legen die Studiendaten nahe.

Die Forscher um Harvey rechneten die Resultate nun auf die gesamte Bevölkerung hoch. Würde jede Frau und jeder Mann nur eine Stunde pro Woche körperlich aktiv sein, ließen sich 12 % aller Depressionen verhindern, sofern es einen kausalen Zusammenhang gibt. Das kann natürlich auch diese Studie trotz allerlei Adjustierungen für bekannte Risikofaktoren nicht klar zeigen.

[15.11.2017, 11:33:28]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wie gewonnen, so zerronnen?
"Exercise and the Prevention of Depression: Results of the HUNT Cohort Study" von Samuel B. Harvey et al.
http://ajp.psychiatryonline.org/doi/10.1176/appi.ajp.2017.16111223
berücksichtigt jedoch, ebenso wie fast alle anderen psychiatrischen Depressions-Interventionsstudien weltweit, in keiner Weise harte Endpunktdaten.

Was für alle anderen prospektiven-, retrospektiven- und/oder Follow-Up- bzw. Querschnitt-Studien gilt!
Egal, ob Hypertonie-, KHK-, ACS-, PCI-, Koronarchirurgie-, Diabetes mellitus-, Niereninsuffizienz-, Schlaganfall-, Vorhofflimmern-, Thrombose-, Embolie-, Leber-, Magen-, Galle-, Pankreas-, Darm-, Rheuma- oder Krebs-Studien, selbstverständlicher Standard ist immer: Daten zu krankheitsbezogener Mortalität, Gesamtmortalität, Morbidität und Co-Morbidität, Krankenhausintervention, REHA, ambulante oder sonstige Folge-Interventionen zu erheben, auszuwerten zu diskutieren und zu interpretieren. Das scheint bei der Beurteilung von Diagnosen, Verlauf und Therapierbarkeit psychiatrisch definierter Erkrankungen obsolet zu sein.

Die mageren Ergebnisse der hier vorgestellten "HUNT"-Kohorte ["Results: Undertaking regular leisure-time exercise was associated with reduced incidence of future depression but not anxiety...After adjustment for confounders, the population attributable fraction suggests that, assuming the relationship is causal, 12% of future cases of depression could have been prevented if all participants had engaged in at least 1 hour of physical activity each week..."] ergeben nur eine reduzierte Inzidenz zukünftiger Depressionen, aber nicht von Ängstlichkeit...Unter der Annahme einer (gar nicht ernsthaft nachgwiesenen) Kausalität wird eine Prävention von 12% für zukünftige Fälle von Depression postuliert.

Bei den Schlussfolgerungen ["Conclusions: Regular leisure-time exercise of any intensity provides protection against future depression but not anxiety. Relatively modest changes in population levels of exercise may have important public mental health benefits and prevent a substantial number of new cases of depression"] bleiben eine mögliche Verwechslung von Symptomatik und klinisch manifester Depression unberücksichtigt. Eine präventive Verringerung einer Symptomatik unter körperlicher Aktivität um 12% könnte doch ebenso bedeuten, dass präexistente Depressionen nur auf Grund von Symptomlinderungen unterhalb der Nachweisgrenze wandern und deshalb nicht mehr detektiert werden können?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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