Ärzte Zeitung online, 08.04.2014

Lunarer Einfluss

Wenn der volle Mond den Schlaf raubt

Gibt es sie, die Mondfühligkeit? Wissenschaftler haben das lange angezweifelt. Schlaflabordaten deuten nun darauf, dass viele Menschen bei Vollmond tatsächlich schlechter schlafen.

Wenn der volle Mond den Schlaf raubt

Vollmond über Deutschland: Im Labor nachweisbar.

© Arno Burgi/dpa

WIESBADEN. Grinst der Vollmond feist durchs Fenster, können viele das Schäfchenzählen vergessen: Sie schlafen schlecht ein, wachen häufig auf und fühlen sich am nächsten Morgen gerädert.

Es bringt auch nicht viel, wenn sie die Vorhänge zuziehen und den Mond aussperren, die schlafentziehende Wirkung des Erdtrabanten lässt sich durch etwas Stoff, Holz oder ein paar Alu-Jalousien nicht abschirmen, behaupten sie.

Alles nur Einbildung, sind dagegen viele Wissenschaftler überzeugt. Der Mensch wird nicht von lunaren Zyklen geprägt, Mondfühligkeit gibt es nicht, schließlich ließ sich ein solches Phänomen in Studien nicht eindeutig nachweisen.

Möglicherweise muss diese Sicht der Dinge nun überdacht werden, hat Privatdozent Dieter Kunz vom St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin berichtet. Auf der Fortbildungsveranstaltung "Psychiatrie Update" in Wiesbaden präsentierte der Schlafexperte eine Studie Schweizer Wissenschaftler, die Schlaflabordaten von über 30 Probanden nachträglich mit dem Mondzyklus verglichen haben.

Weder die Teilnehmer noch an die an den Experimenten beteiligten Wissenschaftler wussten, dass die Daten später auf einen lunaren Einfluss hin untersucht werden sollten.

Auch wurden die Labordaten unter standardisierten Bedingungen erhoben. Dazu gehörten ähnliche Lichtverhältnisse, der Vollmond lachte also niemandem ins Gesicht (Curr Biol 2013; , 23(15): 1485-1488).

20 Minuten weniger Schlaf bei Vollmond

Wie sich herausstellte, war bei Vollmond trotzdem die Delta-Aktivität im EEG - ein Marker für Tiefschlaf - im Schnitt um 30 Prozent reduziert, die Teilnehmer benötigten fünf Minuten länger zum Einschlafen, und die Schlafdauer war insgesamt um 20 Minuten kürzer.

In solchen Nächten berichteten die Probanden auch häufig, schlecht geschlafen zu haben, und selbst die Melatonin-Konzentrationen im Blut schien der Vollmond herunterzudrücken.

Zum ersten Mal konnte damit unter Laborbedingungen deutlicher lunarer Einfluss auf den Schlaf nachgewiesen werden. Doch was ist davon zu halten? Schließlich, so Kunz, haben viele andere Studien keine allgemeine Reduktion der Schlafdauer und Qualität bei Vollmond zeigen können.

Für den Schlafexperten ist das jedoch kein Widerspruch. Die Daten zeigten große Unterschiede bei den einzelnen Personen.

Möglicherweise sind manche Menschen eben tatsächlich mondfühlig, während es anderen schnuppe ist, ob der Trabant nachts am Himmel leuchtet oder eben nicht. Hier darf man auf weitere Untersuchungen gespannt sein. (mut)

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