Ärzte Zeitung, 13.06.2014
 

Europa

Angst vor der Crystal-Meth-Welle

Für Suchtmediziner ist sie "eine der gefährlichsten Drogen der Welt": Crystal Meth. Als Einsteigerdroge sind die Kristalle massiv auf dem Vormarsch und verdrängen dabei im Vergleich "harmlosere" Substanzen wie Cannabis oder Ecstasy.

Von Elke Oberhofer

Angst vor der Crystal-Meth-Welle

Crystal Meth: Die Kristalle sind in Europa auf dem Vormarsch.

© Daniel Karmann / dpa

Besonders alarmierend klingt es nicht, was der aktuelle europäische Drogenbericht zum Thema Crystal Meth vorbringt: "Es gibt mittlerweile Anzeichen für eine steigende Verfügbarkeit von Methamphetamin", heißt es in dem nüchternen Papier, das die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) im Mai vorgelegt hat.

Im Jahr 2012 wurden demnach in der EU 5,5 Tonnen Amphetamin und 0,3 Tonnen der kristallinen Variante Methamphetamin (Crystal Meth) sichergestellt.

Dennoch sehen Experten Anzeichen dafür, dass sich das Problem in den nächsten Jahren drastisch verschärfen könnte, vor allem in Deutschland. Dr. Roland Härtel-Petri aus Bayreuth befürchtet eine gewaltige Crystal-Meth-Welle: "Es gibt eine organisierte Kriminalität, die dabei ist, das gesamte Bundesgebiet zu versorgen", sagte der Suchtmediziner zur "Ärzte Zeitung".

Ausgangspunkt sei vor allem Tschechien. Hier wurde zum 1. Januar 2010 eine gesetzliche Regelung getroffen, die, so Buchautor Härtel-Petri, "bei Drogenliebhabern Freudentränen kullern ließ"*: Seither gilt es nur noch als Ordnungswidrigkeit, wenn man bis zu zwei Gramm Crystal Meth besitzt.

Gehe man davon aus, so der Autor, dass ein unvorsichtiger Erstkonsument mit 70 bis 100 Milligramm beginne, dann bedeuteten zwei Gramm "nicht weniger als ein 20-tägiges Dauer-High."

Crystal ist nicht schwer herzustellen. Ausgangssubstanzen sind legale Stoffe: Ephedrin, das sich aus Hustensaft gewinnen lässt, Haushaltsreiniger, Batteriesäure, Farbverdünner. Es verwundert nicht, dass gewiefte Händler aus den ehemaligen Ostblockstaaten diese Tatsache und die günstige Gesetzeslage nutzen, um die Droge in großen Mengen billig herstellen zu lassen.

Der Vertrieb erfolgt vor allem über die sogenannten Vietnamesenmärkte, die in Prag oder Bratislava wie die Pilze aus dem Boden schießen. Kuriere mit kiloweise "Kristallen" im Gepäck wurden bereits in Richtung Frankfurt, Hannover und Hamburg abgefangen.

Immer größere Mengen sichergestellt

In der Bundesrepublik finden die Erzeugnisse aus den tschechischen und slowakischen Drogenküchen reichlich Absatz: Vor allem die Landeskriminalämter in den an Tschechien grenzenden Bundesländern registrieren eine deutliche Zunahme der erstauffälligen Crystal-Konsumenten. Waren in Sachsen 2008 noch weniger als 1000 Personen deswegen in die Suchtberatungsstellen gekommen, waren es 2012 bereits dreieinhalbmal so viele.

Ähnliche Probleme haben offenbar auch Bayern und Thüringen: 2009 hatte der bayerische Zoll bei 212 Aufgriffen 138 Gramm Crystal sichergestellt. 2011 waren es bereits 370 Fälle und 3,3 Kilo. Die "Thüringer Allgemeine" schrieb im Februar 2013: "Wer in der Landeshauptstadt mit Drogen anfängt, nimmt Crystal."

Hier zeigt sich das gravierendste Problem im Zusammenhang mit der Modedroge: Crystal Meth verdrängt andere Einsteigerdrogen. Und es packt sich in erster Linie die ganz jungen Erstkonsumenten. "Der Nachwuchs setzt auf Speed und Crystal", sagte Härtel-Petri zur "Ärzte Zeitung".

Das habe fatale Folgen, denn vor allem Crystal sei "viel gefährlicher als Ecstasy, Crack oder Kokain". Es ist neurotoxisch, macht rasend schnell süchtig, zerstört den Körper, erzeugt Blutdruckkrisen und Psychosen. Die Konsumenten schätzten die Droge gegenwärtig völlig falsch ein, warnt der Suchtmediziner.

Sie werde viel höher dosiert eingesetzt als alle Vorläufersubstanzen und zudem meist durch die Nase gesnieft. Damit setze die Wirkung noch deutlich schneller ein als bei Speed.

Crystal ist zudem stärker fettlöslich als das klassische D-Amphetamin; so gelangt es in viel höherem Maße durch die Blut-Hirn-Schranke. All das mache Crystal, so Härtel-Petri, "zu einer der gefährlichsten Drogen der Welt".

Viele unterschiedliche Nutzergruppen

Die Bundesregierung hat bislang wenig getan, um der drohenden Gefahr Einhalt zu gebieten. Ein Schritt in die richtige Richtung ist die ZIS-Studie**, mit der man den Nutzungsgewohnheiten der Crystal-User auf die Spur kommen wollte.

Die Ergebnisse liegen jetzt vor, sie zeigen aber vor allem, wie vielschichtig das Problem ist. Crystal ist demnach in den verschiedensten Gruppen verbreitet, taucht sowohl auf den Schulhöfen auf als auch in der Schwulenszene oder bei radikalen Hooligans.

Was Not tut, hat die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, immerhin erkannt: zielgruppenspezifische Maßnahmen. Auch die deutsch-tschechische Zusammenarbeit will man ausbauen und die Prävention stärken. Bleibt zu hoffen, dass das keine leeren Worte bleiben.

*Dr. Roland Härtel-Petri, Heiko Haupt: "Crystal Meth. Wie eine Droge unser Land überschwemmt." Riva Verlag 2014

**Studie im Auftrag der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS)

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