Ärzte Zeitung, 23.08.2017

Kommentar

Unglaubwürdige Forschung

Von Thomas Müller

Unglaubwürdige Forschung

© privat

Man hat den Eindruck, schon der Name Cannabis vernebelt vielen Forschern das Gehirn. Anders ist es kaum zu erklären, dass sich selbst die europäische Kardiologengesellschaft ESC nicht zu schade ist, eine Studie anzupreisen, die so ziemlich alle Verzerrungen anhäuft, die nur denkbar sind. Da wird aus unsicheren Angaben zum Drogenkonsum und noch unsichereren Diagnosen auf Totenscheinen ein Zusammenhang zwischen Herztod und Marihuana-Konsum konstruiert, der einer nüchternen Betrachtung in keiner Weise standhält. Wenn es um illegale Drogen geht, scheinen auch Forscher alle Hemmungen zu verlieren. Doch der Grund ist natürliche ein anderer: Nicht nur Drogen verkaufen sich gut, sondern auch Drogenstudien, vor allem dann, wenn die Resultate den politisch gewünschten Präventionsbestrebungen entsprechen. Qualität ist hier offenbar zweitrangig.

Hätte die Studie zum gegenteiligen Ergebnis geführt, hätten sie die Reviewer zu Recht aufgrund ihrer Defizite in der Luft zerrissen. Man kann nur ahnen, wie häufig das der Fall ist. Ähnliches war schon vor einigen Jahren beim Thema Ecstasy zu beobachten. Das untergräbt jedoch die Glaubwürdigkeit. Es ist wichtig, zum Thema Drogen zu forschen, dafür sollten jedoch die üblichen Standards gelten.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[23.08.2017, 23:28:48]
Dr. Manfred Stapff 
Epidemiologisch plausibel - kein Grund polemisch zu werden!
Wenn politisch sensible Themen wissenschaftlich bearbeitet werden und das Ergebnis nicht in die gewünschte Richtung geht, muß man nicht gleich polemisch werden. Selbstverständlich ist es schwierig, Studien zum Drogenkosnum nach den "üblichen Standards" durchzuführen, und sehr wahscheinlich hat die auf dem US National Health and Nutrition Examination Survey basierende Studie Schwächen. Doch zeigt die Erfahrung, daß methodische Schwächen eher zum Verschleiern, als zum Entdecken von Unterschieden führen. Somit sollte das Ergebnis als hypothesengenerierend und als Anlass für weitere Untersuchungen gesehen werden.
Wir haben dies zum Amlaß genommen in den elektronischen Krankenakten von 35 Millionen Patienten, überwiegend in den USA, von 2010 bis 2016 nachzusehen. Unter hypertensiven Patienten mit Cannabis Konsum (ICD10 code F12) erlebten in dieser Zeit 12% einen Myocardinfarkt oder Schlaganfall. Ohne Cannabis Konsum waren dies nur 9,1%.
Selbstverständlich muß man auch hier nach möglichen Verzerrungen suchen, insbesondere nach einem Dokumentations - Bias, doch scheint an der Hypothese des kardiovaskulären Risikos durch Marihuana Konsum etwas dran zu sein. Schließlich wird es überwiegend geraucht.  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Resolution gegen DSGVO-Verunsicherung und Abmahn-Angst

Nach einer ersten Abmahnwelle in Bremen wächst bei Ärzten die Verunsicherung wegen der Datenschutzgrundverordnung. 60 Verbände und die KBV haben darauf nun reagiert. mehr »

Der kleine Unterschied ist größer als gedacht

Krankheiten verlaufen bei Männern und Frauen unterschiedlich, das ist bekannt. Die Gendermedizin deckt immer mehr die geschlechtsspezifischen Besonderheiten auf. mehr »

Neue Leitlinie stärkt medikamentöse ADHS-Therapie

In den neuen S3-Leitlinien zu ADHS wird die medikamentöse Therapie bei mittelschweren Symptomen gestärkt. Experten betonen aber, dass die Arzneien nur ein Teil eines umfassenden Therapiekonzepts sein dürfen. mehr »