Direkt zum Inhaltsbereich

Hormone und Schmerz - ein weites Forschungsfeld

BERLIN. Männer und Frauen nehmen Schmerzen unterschiedlich wahr und sind verschieden stark davon betroffen. "Doch Schmerz bei Männern und Frauen differenziert zu diagnostizieren - das gibt es zur Zeit in unserem Gesundheitswesen so gut wie gar nicht", sagt Dr. Marianne Koch, Präsidentin der Deutschen Schmerzliga.

Angela MisslbeckVon Angela Misslbeck Veröffentlicht:

Nun will sich der Deutsche Ärztinnenbund des Themas annehmen. Den Auftakt machte ein Kongreß zum Thema. Dabei plädierte die Präsidentin des Ärztinnenbundes Dr. Astrid Bühren für "eine umfassende biopsychosoziale Behandlung von Schmerzpatienten und -patientinnen unter Berücksichtigung von Geschlechterunterschieden". Sie kündigte an, daß der Ärztinnenbund Studien und Forschungsaufgaben zum Thema entwickeln will.

Erste Daten liegen bereits vor. Nach dem Bundesgesundheitssurvey von 1998 leiden Frauen aller Altersstufen an stärkeren Rückenschmerzen als Männer. Zudem sind Frauen nach Angaben von Professor Erika Gromnica-Ihle von der Rheumaklinik Berlin-Buch viermal so häufig von rheumatoider Arthritis betroffen wie Männer.

Noch deutlicher sei mit zehn zu eins die Prävalenz für Frauen beim systemischen Lupus erythematodes und beim primären Sjörgen-Syndrom. Auch bei Dorsopathien, Arthrosen und dem Fibromyalgie-Syndrom dominieren nach Gromnica-Ihles Angaben die Frauen.

"Die Ursachen der unterschiedlichen Geschlechtsverteilung rheumatischer Erkrankungen sind nicht vollständig geklärt, eine wesentliche Rolle spielen dabei die Östrogene", so Gromnica-Ihle. Dafür spricht auch, daß die Geschlechterunterschiede nach den Angaben der Rheumatologin geringer werden, wenn die rheumatoide Arthritis erst im höheren Lebensalter auftritt.

Rheumapatienten setzen Arzneien schneller ab

Auch die ärztliche Behandlung der Beschwerden unterscheidet sich den Angaben zufolge nach Geschlechtern. So fällt Gromnica-Ihle zufolge in Studien zur Früharthritis bei Frauen eine Behandlungsverzögerung auf. Die Gelenkfunktion verbessere sich bei Männern nach Beginn der Therapie deutlicher als bei Frauen, und Männer setzten ihre Pharmakotherapie rascher wieder ab.

Andererseits unterziehen sich mehr Frauen als Männer gelenkchirurgischen Eingriffen, obwohl bekannt sei, daß die Gelenkzerstörung bei der rheumatoiden Arthritis bei Männern deutlich stärker ausgeprägt ist und früher einsetzt, so Gromnica-Ihle. Das deutet auf ein Versorgungsproblem für männliche Rheumapatienten hin.

Frauen gehen offener mit ihren Schmerzen um

"Frauen sprechen eher über Schmerzen, deshalb können sie früher therapiert werden", sagt Astrid Bühren. Die ärztliche Psychotherapeutin vermutet auch, daß psychosomatische Schmerzen bei Frauen deutlich seltener auftreten, weil deutlich mehr Frauen als Männer Psychotherapien in Anspruch nehmen.

Das Geschlechterverhältnis bei Psychotherapie gibt sie mit 70 zu 30 für Frauen an. "So entstehen manche psychosomatische Schmerzkrankheiten gar nicht erst", sagte Bühren auf dem Kongreß in Berlin.

Wichtig sind offenbar vor allem weitere Forschungen zur Rolle der Hormone beim Auftreten von Schmerzsymptomen. Das fordert nicht nur die Rheumatologin Gromnica-Ihle. Auch der Düsseldorfer Anästhesist Professor Enno Freye sieht darin noch ein "weites Feld für die Wissenschaft".

Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Vaginalmykosen neu denken: Pathogenese, Zyklus und Therapie

© piyato | iStock

Vaginalmykose im Fokus

Vaginalmykosen neu denken: Pathogenese, Zyklus und Therapie

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Intimhygiene: Was die vaginale Schleimhaut wirklich braucht

© iStock / okskukuruza

Vaginale Gesundheit

Intimhygiene: Was die vaginale Schleimhaut wirklich braucht

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Impfstoffeffektivität gegen Post COVID-Beschwerden

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [14]

Jährliche COVID-19-Impfung

Empfohlen für ein breites Risikokollektiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: BioNTech Europe GmbH, Mainz

Opioid-induzierte Obstipation

Paradigmenwechsel in der Behandlung: Vom Stuhl zum Nervensystem

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Grünenthal GmbH, Aachen
Abb. 1: Die kardiorenalmetabolische Organachse: ganzheitliche Versorgung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit (Quelle: Michalopoulou E et al., J Clin Med 2025, 14:428)

© Springer Medizin Verlag

Biomarker gegen Diabetes-Folgen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Diagnostics Deutschland GmbH, Mannheim
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Gastbeitrag

Keine Versorgungsgerechtigkeit bei stationärer Diabetes-Behandlung

Warnzeichen früh erkennen

Immundefekte: Das ist die Basisdiagnostik für die Praxis

Porträt

Wie ein Hausarzt mit seinem„Medmobil“ Obdachlose versorgt

Lesetipps
Ein langer Wurm liegt in einer behandschuhten Hand.

© Clouds Hill Imaging / Science Photo Library

Ascariasis

Wurm in der Hose: Was tun bei hartnäckigem Spulwurmbefall?

Eine Person hält zwischen Daumen und Zeigefinger eine Metformin-Tablette.

© pimpampix / stock.adobe.com

Spiegelmessung

Unter Metformin regelmäßig Vitamin B12 kontrollieren