Ärzte Zeitung online, 10.10.2017
 

Schmerzkongress

Platinsalz: Der "Fuß in der Tür" des Natriumkanals

Effekte von Oxaliplatin in den Natriumkanälen führen dazu, dass damit behandelte Patienten kälteüberempfindlich sind.

MANNHEIM. Krebskranke, die mit Platinsalz (Oxaliplatin) behandelt werden, sind kälteüberempfindlich. Selbst kurze Kaltreize lösen ein lang andauerndes übersteigertes Kältegefühl aus.

Die Ursache dafür liegt in den Natriumkanälen der Zelloberfläche, die für die Weiterleitung der Nervensignale entlang der Nervenfasern verantwortlich sind. "Man kann sie sich wie Türen entlang eines Ganges vorstellen, die nacheinander geöffnet und dann schnell wieder geschlossen werden", wird Professor Martin Schmelz, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, in einer Mitteilung zum Deutschen Schmerzkongress zitiert. Schmelz ist an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Uni Heidelberg im Bereich der Experimentellen Schmerzforschung tätig.

Das Platinsalz wirkt nun wie eine Art "Fuß in der Tür": Unter Kälte wird die Tür nicht vollständig geschlossen, sondern springt wieder auf und schlägt so in rascher Folge auf und zu. "Damit wird also das ursprüngliche Nervensignal um ein Vielfaches gesteigert und der Patient fühlt die Kälte als unnatürlich stark und unangenehm", erklärt Schmelz. Kalzium kann dieses "Türklappern" reduzieren und wird daher bei Patienten mit Neuropathie zur Therapie eingesetzt.

Patienten mit neuropathischen Schmerzen empfinden Kälte nicht nur als unangenehmer, sondern sogar als brennenden Schmerz. "Wir bezeichnen diesen Effekt als Kaltschmerzüberempfindlichkeit, eine Kälteallodynie. Auch Patienten, die mit Platinsalzen behandelt wurden, können im späteren Verlauf einen solchen Nervenschmerz erleiden, der dann aber völlig unabhängig von dem Medikament ist", so Schmelz in der Mitteilung.

Der Mechanismus, der diesen Schmerz hervorruft, ist noch ungeklärt. Allerdings gibt es Hinweise, dass das "Türklappern" bei diesen Patienten nicht nur die Natriumkanäle der Nervenfasern für die Kaltempfindung betrifft, sondern auch die für den Schmerz. Eine weitere Wirkung der Kälte betrifft die Kaliumkanäle, die beim Abkühlen aktiviert werden und als "Bremse" der neuronalen Erregung beziehungsweise als Gegenspieler der "Kaltfühler" funktionieren. Fehlt nun diese Bremse, wirkt die Kälte viel stärker und kann nun auch Nervenzellen mit sehr wenigen Kaltfühlern aktivieren, die vorher nicht erregbar waren. "Selbst Nervenzellen, die überhaupt keinen Kaltfühler besitzen, können durch einen ähnlichen Mechanismus kälteempfindlich werden. Daher verspüren einige Patienten mit Nervenschmerzen schon bei leichtem Abkühlen der Haut, beispielsweise durch einen Luftzug, starke Schmerzen", so Schmelz in der Mitteilung zum Schmerzkongress.

Neben den speziellen "Kaltfühlern" können also auch spezielle Kaliumkanäle Schmerzen durch Kälte erklären. Medikamente, die eine Übererregbarkeit von Nervenzellen durch ihre Wirkung an Kaliumkanälen erzielen, werden bereits zur Behandlung von bestimmten Epilepsieformen eingesetzt. "Es ist zu hoffen, dass dies in Zukunft auch für die Behandlung des Schmerzes gelingt", wird der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft zitiert.

"Solange wir die Wirkmechanismen nicht ganz durchschauen, ist es schwierig, eine geeignete Therapie gegen die Schmerzen zu finden", so Professor Matthias Keidel, Kongresspräsident des Deutschen Schmerzkongresses und Chefarzt der Neurologischen Klinik am Campus Bad Neustadt/Saale, in der Mitteilung. Die Forschungen zu Temperaturänderungen und zur Erregbarkeit von Nervenfasern helfen daher enorm, das zunächst verwirrend erscheinende Bild mit scheinbar widersprüchlichen Effekten zu klären.(eb)

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