Ärzte Zeitung, 06.11.2018

Genomweite Assoziationsstudie

Gene schuld am hohen Harnsäurespiegel?

Die individuellen Harnsäurespiegel im Blut hängen offenbar weniger von den Ernährungsgewohnheiten als vielmehr von genetischen Faktoren ab, so eine Studie.

Von Dagmar Kraus

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Der Harnsäurespiegel im Blut könnte zu 25-60 Prozent von genetischen Faktoren abhängen.

© P. Widmann / Blickwinkel / dpa

Das Wichtigste in Kürze

  • Frage: Wie beeinflussen Ernährung und Gene den Harnsäurespiegel im Blut?
  • Antwort: Die Streuung der Serumspiegel ist zu einem größeren Teil auf genetische Faktoren und nur zu einem kleineren Teil auf die Ernährung zurückzuführen.
  • Bedeutung: Bei der Manifestation einer Hyperurikämie spielen genetische Faktoren eine bedeutende Rolle.
  • Einschränkung: Die Diagnose Gicht sowie die Einnahme harnsäuresenkender Medikamente galten als Ausschlusskriterium, sodass die Ergebnisse auf diese Personengruppen nicht übertragbar sind.

DUNEDIN. Die Art und Weise, wie wir uns ernähren, nimmt bekanntermaßen Einfluss auf die Harnsäurespiegel im Blut. Wer beispielsweise gerne Bier oder Schnaps trinkt beziehungsweise häufig Fleisch isst, treibt seine Harnsäurekonzentration in die Höhe. Umgekehrt scheinen Magermilch und Kaffee die Werte zu senken. Gleichzeitig variieren die Serumspiegel abhängig von verschiedenen Single-Nucleotid-Polymorphismen (SNP).

Bislang unklar ist jedoch, wie bedeutend die einzelnen Faktoren für die Manifestation einer Hyperurikämie sind. So soll laut einer genomweiten Assoziationsstudie die Harnsäurekonzentration zu 25 Prozent bis 60 Prozent durch genetische Faktoren bestimmt sein.

Studie mit 16.760 US-Amerikanern

Der Frage, in welchem Umfang die Gene und in welchem die Ernährung die Harnsäurespiegel beeinflussen, sind kürzlich Wissenschaftler aus Neuseeland auf den Grund gegangen (BMJ 2018; 363:k3951). Dazu haben Dr. Tanya J Major von der University of Otago und ihre Kollegen die Daten fünf verschiedener Querschnittsstudien aus den USA analysiert (Atherosclerosis Risk in Communities-Studie, Corornary Artery Risk Developement in (Young) Adults-Studie, Cardiovascular Heart-Studie, Framingham Heart-Studie, Third National Health and Nutrition Examination Survey).

Berücksichtigt wurden ausschließlich Personen über 18 Jahre, die nierengesund waren, keine Gichtanfälle in der Vorgeschichte hatten und weder harnsäuresenkende noch diuretisch-wirksame Medikamente einnahmen. Von den 16.760 US-Amerikanern europäischer Abstammung (8346 Frauen, 8414 Männer) waren neben den Harnsäurespiegeln, die Ernährungsgewohnheiten sowie eine genomweite Genotypisierung dokumentiert worden.

Außerdem waren Angaben zu Geschlecht, Alter, BMI, durchschnittlicher täglicher Kalorienaufnahme, Bildungsgrad, körperlicher Aktivität, Rauchstatus und Menopausestatus bei Frauen verfügbar. Die Mediziner berechneten zudem anhand der Essgewohnheiten verschiedene Diät-Scores: den Healthy Eating-Diät-Score (basierend auf der Havard Healthy Eating Pyramid-Leitlinie), den DASH-Diät-Score (basierend auf Dietary Approaches to Stop Hypotension-Leitlinie) sowie den Mediterranean-Diät-Score.

Vorsicht bei Bier und Spirituosen

Bei insgesamt 15 Nahrungsmitteln fanden die Forscher einen Zusammenhang mit den Harnsäurespiegeln. Sieben Nahrungsmittel waren mit erhöhten Serumkonzentrationen assoziiert: Bier, hochprozentige Spirituosen, Wein, Kartoffeln, Softdrinks, Geflügel sowie Fleisch von Rind, Schwein, Lamm. Dabei fiel für Bier und Spirituosen der harnsäureerhöhende Effekt am deutlichsten aus.

Als harnsäuresenkend stellten sich Eier, Erdnüsse, Frühstücksflocken, Magermilch, Käse, Vollkornbrot, Margarine und Obst mit Ausnahme von Zitrusfrüchten heraus. Doch auch wenn sich für bestimmte Nahrungsmittel ein deutlicher Zusammenhang mit den gemessenen Harnsäurewerten nachweisen ließ, schlugen sie im Hinblick auf die Variabilität der Werte innerhalb der Kohorte nur wenig zu Buche: Die 15 Nahrungsmittel, die als Harnsäurespiegel-beeinflussend identifiziert worden waren, erklärten gerade einmal zu 3,28 Prozent die Varianz der in der Kohorte gemessenen Spiegel.

Ähnliches galt auch für die verschiedenen Ernährungsstile. Zwar waren alle gesunden Ernährungsstile invers mit den Harnsäurespiegeln assoziiert, doch konnten sie nur maximal 0,3 Prozent der Wertevarianz erklären. Im Gegensatz dazu ließ sich die Streuung der Harnsäurewerte zu 23,9 Prozent auf Single-Nucleotid-Polymorphismen zurückführen.

„Damit widerlegen unsere Daten die weitverbreitete Annahme, Hyperurikämien sein vorwiegend ernährungsbedingt“, so das Resümee der Studienautoren.

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