Ärzte Zeitung, 26.09.2016

Literweise trinken

Hinter Polyurie steckt oft die Psyche

Wer literweise Flüssigkeit am Tag zu sich nimmt, bei dem rückt schnell die Hypophyse in den Fokus diagnostischer Überlegungen. Die ist es aber nur selten. Viel häufiger wird einfach zu viel getrunken.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Hinter Polyurie steckt oft die Psyche

Polyurie-Patienten haben eher selten ein echtes ADH-Problem. Häufig wird einfach zuviel getrunken.

© Naeblys / Fotolia.com

BERLIN. Als polyurisch gilt, wer regelmäßig mehr als drei Liter Urin am Tag ausscheidet. Seit ADH-Analoga verfügbar sind, wird in solchen Situationen oft rasch zum Medikament gegriffen. Das ist meist voreilig. Denn ein echtes ADH-Problem hat nur ein eher kleiner Teil der Polyurie-Patienten.

Professor Wolfgang Kühn von der Klinik für Innere Medizin IV am Universitätsklinikum Freiburg berichtete beim DGfN-Kongress in Berlin von einer 41-jährigen Frau mit rezidivierender Depression, die vier und mehr Liter Urin am Tag ausschied, dabei über einen trockenen Mund und ständigen Durst klagte. Sie nahm regelmäßig zwei Antidepressiva ein. "Diese Frau hatte eine psychogene Polydipsie. Das ist sehr, sehr häufig. Wir haben die Patientin lediglich darüber aufgeklärt und ihr empfohlen, abzuwarten", so Kühn.

Lithium kann ADH-Wirkung hemmen

Anders gelagert war die Situation bei einer weiteren jungen Frau im Alter von 33 Jahren, ebenfalls depressiv und mit trockenem Mund, allerdings mit einer bipolaren Störung. Sie schied acht bis zehn Liter Urin am Tag aus, eine Menge, die an einen "echten" Diabetes insipidus denken lässt. Auch dieser Frau konnten belastende Untersuchungen wie ein Durstversuch erspart werden. Den entscheidenden Hinweis gab die Anamnese: Wegen ihrer bipolaren Störung nahm die Frau seit Jahren Lithium ein, das die ADH-Wirkung an den Sammelrohren hemmen kann. Lithium wurde ersetzt, und der Diabetes insipidus verschwand wieder. Schwierig werde es immer dann, wenn Lithium unverzichtbar sei, so Kühn. In diesem Fall könne ein ADH-Analogon unter Umständen helfen.

Wann abklären und wie?

Differenzialdiagnostisch entscheidend bei der Abklärung der Polyurie ist die Unterscheidung zwischen Diabetes insipidus / psychogener Polydipsie auf der einen Seite und osmotisch verursachter Polyurie auf der anderen Seite. Eine osmotische Polyurie kann durch Elektrolyte, Glukose oder Harnstoff verursacht werden, im Krankenhaus im Einzelfall auch durch Mannitol.

Die Abgrenzung zwischen osmotischer und nicht-osmotischer Polyurie geschieht über die Gesamtosmolarität im Urin pro Tag. Sie liegt normalerweise zwischen 600 und 900 mosmol. Alles darüber deutet auf osmotisch bedingte Polyurie hin. Bewährt habe sich dabei eine Abschätzung, bei der die Osmolarität des Urins nicht über 24 Stunden bestimmt, sondern lediglich anhand einer Urinprobe in mosmol / l gemessen werde, so Kühn. Dies wird dann mit der täglichen Trinkmenge in Litern multipliziert. Das Ergebnis ist ein Näherungswert für die Gesamtosmolarität im Urin pro Tag.

Liegt eine osmotische Polyurie vor, muss vor allem ein Diabetes mellitus abgeklärt werden. Auch eine Hyperalimentation oder zu starke Kochsalzzufuhr, beispielsweise durch Natriumchlorid-Infusionen, kann dem Problem zugrunde liegen. Bei nicht-osmotischer Polyurie und hohen Urinmengen kann ein Diabetes insipidus angenommen werden. Dann, und nur dann, ist zur Abgrenzung zwischen zentraler / hypophysärer und renaler Ursache ein stationärer Durstversuch erforderlich.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Stress in der Arbeit, Demenz als Rentner?

Wer sich im Berufsleben sehr gestresst fühlt, baut als Rentner schneller geistig ab. Liegt das tatsächlich an den Arbeitsbedingungen? Forscher sind dieser Frage jetzt nachgegangen. mehr »

Weg mit dem Heilpraktikerberuf!

Die Abschaffung des Heilpraktikerberufes steht im Fokus eines aktuell publizierten Memorandums. Aufgestellt hat die Forderung der neu gegründete "Münsteraner Kreis" um die Medizinethikerin Prof. Bettina Schöne-Seifert. mehr »

Klinikärzte mahnen Diabetes-Screening an

Patienten mit Diabetes müssen länger im Krankenhaus bleiben und haben ein erhöhtes Risiko für Komplikationen. Tübinger Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass ein Diabetes-Screening für über 50-Jährige sinnvoll ist. mehr »