Direkt zum Inhaltsbereich

Literweise trinken

Hinter Polyurie steckt oft die Psyche

Wer literweise Flüssigkeit am Tag zu sich nimmt, bei dem rückt schnell die Hypophyse in den Fokus diagnostischer Überlegungen. Die ist es aber nur selten. Viel häufiger wird einfach zu viel getrunken.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Polyurie-Patienten haben eher selten ein echtes ADH-Problem. Häufig wird einfach zuviel getrunken.

Polyurie-Patienten haben eher selten ein echtes ADH-Problem. Häufig wird einfach zuviel getrunken.

© Naeblys / Fotolia.com

BERLIN. Als polyurisch gilt, wer regelmäßig mehr als drei Liter Urin am Tag ausscheidet. Seit ADH-Analoga verfügbar sind, wird in solchen Situationen oft rasch zum Medikament gegriffen. Das ist meist voreilig. Denn ein echtes ADH-Problem hat nur ein eher kleiner Teil der Polyurie-Patienten.

Professor Wolfgang Kühn von der Klinik für Innere Medizin IV am Universitätsklinikum Freiburg berichtete beim DGfN-Kongress in Berlin von einer 41-jährigen Frau mit rezidivierender Depression, die vier und mehr Liter Urin am Tag ausschied, dabei über einen trockenen Mund und ständigen Durst klagte. Sie nahm regelmäßig zwei Antidepressiva ein. "Diese Frau hatte eine psychogene Polydipsie. Das ist sehr, sehr häufig. Wir haben die Patientin lediglich darüber aufgeklärt und ihr empfohlen, abzuwarten", so Kühn.

Lithium kann ADH-Wirkung hemmen

Anders gelagert war die Situation bei einer weiteren jungen Frau im Alter von 33 Jahren, ebenfalls depressiv und mit trockenem Mund, allerdings mit einer bipolaren Störung. Sie schied acht bis zehn Liter Urin am Tag aus, eine Menge, die an einen "echten" Diabetes insipidus denken lässt. Auch dieser Frau konnten belastende Untersuchungen wie ein Durstversuch erspart werden. Den entscheidenden Hinweis gab die Anamnese: Wegen ihrer bipolaren Störung nahm die Frau seit Jahren Lithium ein, das die ADH-Wirkung an den Sammelrohren hemmen kann. Lithium wurde ersetzt, und der Diabetes insipidus verschwand wieder. Schwierig werde es immer dann, wenn Lithium unverzichtbar sei, so Kühn. In diesem Fall könne ein ADH-Analogon unter Umständen helfen.

Wann abklären und wie?

Differenzialdiagnostisch entscheidend bei der Abklärung der Polyurie ist die Unterscheidung zwischen Diabetes insipidus / psychogener Polydipsie auf der einen Seite und osmotisch verursachter Polyurie auf der anderen Seite. Eine osmotische Polyurie kann durch Elektrolyte, Glukose oder Harnstoff verursacht werden, im Krankenhaus im Einzelfall auch durch Mannitol.

Die Abgrenzung zwischen osmotischer und nicht-osmotischer Polyurie geschieht über die Gesamtosmolarität im Urin pro Tag. Sie liegt normalerweise zwischen 600 und 900 mosmol. Alles darüber deutet auf osmotisch bedingte Polyurie hin. Bewährt habe sich dabei eine Abschätzung, bei der die Osmolarität des Urins nicht über 24 Stunden bestimmt, sondern lediglich anhand einer Urinprobe in mosmol / l gemessen werde, so Kühn. Dies wird dann mit der täglichen Trinkmenge in Litern multipliziert. Das Ergebnis ist ein Näherungswert für die Gesamtosmolarität im Urin pro Tag.

Liegt eine osmotische Polyurie vor, muss vor allem ein Diabetes mellitus abgeklärt werden. Auch eine Hyperalimentation oder zu starke Kochsalzzufuhr, beispielsweise durch Natriumchlorid-Infusionen, kann dem Problem zugrunde liegen. Bei nicht-osmotischer Polyurie und hohen Urinmengen kann ein Diabetes insipidus angenommen werden. Dann, und nur dann, ist zur Abgrenzung zwischen zentraler / hypophysärer und renaler Ursache ein stationärer Durstversuch erforderlich.

Mehr zum Thema

Frauen im Nachteil

Körperliche Untersuchung wird bei LUTS oft vernachlässigt

„ÄrzteTag extra“-Podcast

Testosteronmangel: Worauf es in der Hausarztpraxis ankommt

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Besins Healthcare Germany GmbH, Berlin
Das könnte Sie auch interessieren
Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

© EAU

Ergänzung EAU-Leitlinie 2026

Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Porträt: xxx

© Porträt: Alexander Sahi

„ÄrzteTag extra“-Podcast

Testosteronmangel: Worauf es in der Hausarztpraxis ankommt

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Besins Healthcare Germany GmbH, Berlin
Abb. 1: Diagnostik bei Harnsteinen: Prozedere bei Hochrisiko-Gruppe

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [5, 11]

Hoher Medical Need

Urolithiasis: Metaphylaxe kann hohe Rezidivrate deutlich senken

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Aristo Pharma GmbH, Berlin
PARPi plus ARPi: Nur bei BRCA-Mutation oder auch für Patienten ohne Mutation?

© samunella / stock.adobe.com

Metastasiertes kastrationsresistentes Prostatakarzinom

PARPi plus ARPi: Nur bei BRCA-Mutation oder auch für Patienten ohne Mutation?

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pfizer Pharma GmbH, Berlin
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kasuistik

Atypische Stirnfalten: Wo kommen sie her?

Erkrankung des Herzmuskels

Magnetokardiographie zur Kardiomyopathie-Diagnostik?

Lesetipps
Eine Puppe liegt dreckig auf dem Boden.

© fotogeng / stock.adobe.com

Dissoziation

Umgang mit Trauma und PTBS: Was kann die Hausarztpraxis leisten?

Wenn das Bindegewebe im Becken an Spannung verliert oder geschädigt wird, droht ein Descensus genitalis. Wichtig sind Aufklärung und Beratung der betroffenen Frauen.

© H_Ko / Stock.adobe.com

Genitalsenkung

Descensus genitalis: Aktualisierte Empfehlungen auf S3-Niveau