Ärzte Zeitung online, 17.10.2016

Vergeudete Ressourcen, verbrannte Ideen

Weshalb Universitäten so viele klinische Studien in den Sand setzen

Ein lausiges Design mit zu kurzer Dauer und zu wenigen Patienten – diese Kombination findet man nicht selten bei Uni-Studien. Kein Wunder, dass die Resultate oft nicht zu gebrauchen sind. Schade um Geld und Hirnschmalz.

Ein Leitartikel von Thomas Müller

Weshalb Universitäten so viele klinische Studien in den Sand setzen

Viele eigentlich gute Ideen werden durch schlecht gemachte Studien zu Nichte gemacht.

© Aamon / fotolia.com

NEU-ISENBURG.Auf dem diesjährigen MS-Kongress ECTRIMS war wieder einmal ein typisches Highlight der universitären Forschung zu bewundern: Ein belgisch-niederländisches Team wollte wissen, ob eine simple Therapie mit einem SSRI den Krankheitsverlauf bei progredienter MS bremsen kann.

Für solche Patienten gibt es bislang kaum wirksame Therapien. Der Ansatz ist durchaus interessant, weil immer wieder Hinweise auf neuroprotektive Eigenschaften von SSRI auftauchen.

So stimulieren die Medikamente die Freisetzung des Nervenwachstumsfaktors BDNF, auch der Astrozytenmetabolismus wird angekurbelt und die Glutamattoxizität gelindert. All das könnte den geschädigten Nerven in der progredienten Phase einer MS das Leben oder vielmehr Überleben erleichtern.

Multicenterstudien mit 150 Patienten

Um die Frage zu klären, starteten die Forscher eine zweijährige Multicenterstudie mit sage und schreibe 150 Patienten. Jeder MS-Experte müsste bei diesem Design die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

So ist es extrem schwierig, bei progredienten MS-Formen überhaupt Therapieeffekte zu belegen, bei einer so geringen Patientenzahl wäre das allenfalls mit einem äußerst potenten Mittel denkbar. Auch sind zwei Jahre nicht ausreichend, wenn man davon ausgeht, dass die Therapieeffekte im Vergleich zu Placebo eher gering sein dürften.

Viel länger hätte die Studie jedoch gar nicht laufen können, denn dann wäre wohl kein Patient mehr dabei gewesen: Nach zwei Jahren fanden sich in der Placebogruppe nur noch 23 von ursprünglich 75 MS-Kranken, in der SSRI-Gruppe waren es noch 29. Bei einem solchen Schwund löst sich jede Studie rasch von selbst auf.

Trotz aller Mängel schienen die Patienten mit dem SSRI besser zu fahren: Nach einem Jahr gingen die Progressionsraten zwischen den beiden Therapiegruppen auseinander, allerdings wurde das Signifikanzniveau verfehlt.

Ob der SSRI zufällig besser war als Placebo, wissen wir also nicht und werden es vermutlich nie erfahren, denn nach dem Scheitern der Studie wird das so schnell niemand mehr testen.

Es wurden also nicht nur Steuergelder vergeudet und Patientenhoffnungen enttäuscht, weil die Studie viel zu klein für ein signifikantes Ergebnis war, die Forscher haben auch einen vielversprechenden Ansatz verbrannt.

Ein Fall für die Ethikkommission?

Wie es richtig geht, hat wieder einmal die Pharmaindustrie vorgemacht. In derselben Sitzung, in der auch das Fiasko mit den SSRI-Daten präsentiert wurde, stellten Forscher aus Basel erste Resultate einer Phase-III-Studie mit dem neuen Wirkstoff Siponimod vor – ebenfalls bei progredienter MS.

Eigentlich sah die Wirksamkeitskurve genauso aus wie die des SSRI: Nach eineinhalb Jahren klaffte eine kleine, aber deutlich erkennbare Lücke zwischen der Progressionsrate mit der Substanz und der mit Placebo.

Doch dieses Mal war das Ergebnis statistisch signifikant, denn die Studie hatte die nötige Power, um selbst kleine Unterschiede groß herauszubringen: An ihr hatten 1650 MS-Kranke teilgenommen, elfmal mehr als an der SSRI-Untersuchung.

Verlässiger Studienansatz tötet manch gute Idee

Gut möglich also, dass demnächst ein Medikament gegen progrediente MS-Formen zugelassen wird, das die Krankenkassen 50 Euro am Tag kostet, und damit fast tausendmal mehr als ein SSRI, der vielleicht ebenso gut wirkt, was dank schlampiger Studien aber nicht gezeigt werden konnte.

Es geht hier folglich um weit mehr als nur verbrannte Forschungs- und Steuergelder.

Man könnte unzählige weitere universitäre Studien aufzählen, die an geringen Patientenzahlen oder anderen Mängeln gescheitert sind, in Deutschland ebenso wie in den USA oder anderen Ländern.

Natürlich gibt es auch Beispiele guter wegweisender klinischer Untersuchungen an Universitäten, doch scheint bei der Finanzierung eher das Gießkannenprinzip zu gelten: Hier ein paar Euro für diese, dort ein paar für jene Studie, mit dem Ergebnis, dass keine davon brauchbare Resultate liefert.

Wie man die Studien besser machen kann

Besser wäre es, Prioritäten zu setzen und die Ressourcen für große, europaweite Multicenterstudien zu bündeln, gerade wenn es um das vielbeschworene Repurposing von Medikamenten geht. An diesem hat die Pharmaindustrie naturgemäß wenig Interesse, hier könnten Uniklinken einen entscheidenden Beitrag leisten. Dazu müsste wohl aber die Forschungsförderung reformiert werden.

Vielleicht könnten die Ethikkommissionen diesen Prozess beschleunigen, indem sie stärker auf das Studiendesign achten: Wenn Patienten an Wirksamkeitsstudien teilnehmen, bei denen sich die Wirksamkeit wegen der geringen Größe oder kurzen Dauer nicht wirklich feststellen lässt, dann ist das ethisch höchst bedenklich.

Schließlich gehen die Patienten dabei Risiken ein. Möglicherweise wäre das ein wirksamer Hebel, um die derzeit noch übliche Vergeudung von Ressourcen und Ideen zu stoppen.

[18.10.2016, 19:17:05]
Thomas Georg Schätzler 
Brillanter Artikel, Thomas Müller!
Und eine Steilvorlage für meinen Haupt-Kritikpunkt am gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb: Die inflationären Metaanalysen!

Man forscht nämlich nicht, sondern man lässt forschen. Immer seltener werden eigene, empirisch-experimentelle oder Befragungsdaten erhoben. Sondern es werden fragwürdig-falsche Sekundär-Analysen bereits vorhandener Studien zu ebenso hochtrabenden wie nichtssagenden Metaanalysen verwurstet.

Die Publikation: "Potato intake and incidence of hypertension: results from three prospective US cohort studies" im British Medical Journal, BMJ 2016; 353 - doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.i2351 (Published 17 May 2016)
von Lea Borgi et al. ist so ein völlig unreflektiert zusammengerührter und ungenießbarer Kartoffelbrei. Einzelheiten bei Thomas Müller; Kommentar Thomas Schätzler unter
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/bluthochdruck/article/913160/krankmachende-knollen-kartoffeln-beguenstigen-bluthochdruck.html

Zweites Beispiel von vielen ist die Studie: "Light to moderate intake of alcohol, drinking patterns, and risk of cancer: results from two prospective US cohort studies", zu der ich im British Medical Journal (BMJ) geschrieben habe:
'The publication http://www.bmj.com/content/351/bmj.h4238 of Cao Y et al. "Light to moderate intake of alcohol, drinking patterns, and risk of cancer: results from two prospective US cohort studies" is not at all a prospective study. Even the authors themselves consider their investigations as a follow-up study: "Results - During up to 30 years of follow-up of 88 084 women and 47 881 men, 19 269 and 7 571 incident cancers were diagnosed, respectively”.
Their methodology is weak. They seem not to have noticed that in their female population 21.88 percent incident cancers were diagnosed whereas only 15.81 percent incident cancers occurred in their male population. This is an increasing relative risk (RR) of 38.4 percent between men and women.
On the contrary, more than three times higher alcohol consumption ["Median consumption of alcohol was 1.8 g/day in women and 5.6 g/day in men at baseline"] lead to 27.74 percent lower incident cancer in men.
Participants of the Nurses' Health Study (NHS) and the Health Professionals Follow-up Study (HPFS) had been interrogated about their alcohol consumption up to 30 years ago. Their cancer incidence had been continuously studied but their further habits of drinking alcohol was not accurately controlled. This should not lead to the absurd conclusion that three times higher intake of alcohol is followed by a significantly lower incidence of cancer in men.
But it demonstrates quite clearly the gap between fact and fiction in this BMJ-publication.'
Das ganze findet sich in Deutsch als Kommentar in der Ärzte Zeitung:
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/krebs/mamma-karzinom/article/893310/alkohol-krebs-schon-glas-wein-erhoeht-brustkrebsrisiko.html

Ironisch überspitzt: Worauf ich derzeit noch warte, ist eine Metaanalyse, ob eine plötzliche  Erhöhung des durchschnittlichen Toilettenpapier-Verbrauchs signifikant mit dem Auftreten von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) korreliert:  Und deshalb mit einem "Beipackzettel" vor dem übermäßigen Klopapier-Gebrauch gewarnt werden müsse, weil letzteres möglicherweise erst zu CEDs führen könne. Vom Waldsterben einmal abgesehen?

Dann gibt's noch massenweise Studien mit unverbindlichen Telefon- und Online-Befragungen, die nur deshalb die vorgefassten Hypothesen der Forscherinnen und Forscher bestätigen, weil die schwer von Krankheiten Betroffenen gar kein Zeit, Lust und Kraft haben, auf derartige Zusatzbelastungen durch Interviews einzugehen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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