Vergeudete Ressourcen, verbrannte Ideen

Weshalb Universitäten so viele klinische Studien in den Sand setzen

Ein lausiges Design mit zu kurzer Dauer und zu wenigen Patienten – diese Kombination findet man nicht selten bei Uni-Studien. Kein Wunder, dass die Resultate oft nicht zu gebrauchen sind. Schade um Geld und Hirnschmalz.

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Viele eigentlich gute Ideen werden durch schlecht gemachte Studien zu Nichte gemacht.

Viele eigentlich gute Ideen werden durch schlecht gemachte Studien zu Nichte gemacht.

© Aamon / fotolia.com

Ein Leitartikel von Thomas Müller

NEU-ISENBURG.Auf dem diesjährigen MS-Kongress ECTRIMS war wieder einmal ein typisches Highlight der universitären Forschung zu bewundern: Ein belgisch-niederländisches Team wollte wissen, ob eine simple Therapie mit einem SSRI den Krankheitsverlauf bei progredienter MS bremsen kann.

Für solche Patienten gibt es bislang kaum wirksame Therapien. Der Ansatz ist durchaus interessant, weil immer wieder Hinweise auf neuroprotektive Eigenschaften von SSRI auftauchen.

So stimulieren die Medikamente die Freisetzung des Nervenwachstumsfaktors BDNF, auch der Astrozytenmetabolismus wird angekurbelt und die Glutamattoxizität gelindert. All das könnte den geschädigten Nerven in der progredienten Phase einer MS das Leben oder vielmehr Überleben erleichtern.

Multicenterstudien mit 150 Patienten

Um die Frage zu klären, starteten die Forscher eine zweijährige Multicenterstudie mit sage und schreibe 150 Patienten. Jeder MS-Experte müsste bei diesem Design die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

So ist es extrem schwierig, bei progredienten MS-Formen überhaupt Therapieeffekte zu belegen, bei einer so geringen Patientenzahl wäre das allenfalls mit einem äußerst potenten Mittel denkbar. Auch sind zwei Jahre nicht ausreichend, wenn man davon ausgeht, dass die Therapieeffekte im Vergleich zu Placebo eher gering sein dürften.

Viel länger hätte die Studie jedoch gar nicht laufen können, denn dann wäre wohl kein Patient mehr dabei gewesen: Nach zwei Jahren fanden sich in der Placebogruppe nur noch 23 von ursprünglich 75 MS-Kranken, in der SSRI-Gruppe waren es noch 29. Bei einem solchen Schwund löst sich jede Studie rasch von selbst auf.

Trotz aller Mängel schienen die Patienten mit dem SSRI besser zu fahren: Nach einem Jahr gingen die Progressionsraten zwischen den beiden Therapiegruppen auseinander, allerdings wurde das Signifikanzniveau verfehlt.

Ob der SSRI zufällig besser war als Placebo, wissen wir also nicht und werden es vermutlich nie erfahren, denn nach dem Scheitern der Studie wird das so schnell niemand mehr testen.

Es wurden also nicht nur Steuergelder vergeudet und Patientenhoffnungen enttäuscht, weil die Studie viel zu klein für ein signifikantes Ergebnis war, die Forscher haben auch einen vielversprechenden Ansatz verbrannt.

Ein Fall für die Ethikkommission?

Wie es richtig geht, hat wieder einmal die Pharmaindustrie vorgemacht. In derselben Sitzung, in der auch das Fiasko mit den SSRI-Daten präsentiert wurde, stellten Forscher aus Basel erste Resultate einer Phase-III-Studie mit dem neuen Wirkstoff Siponimod vor – ebenfalls bei progredienter MS.

Eigentlich sah die Wirksamkeitskurve genauso aus wie die des SSRI: Nach eineinhalb Jahren klaffte eine kleine, aber deutlich erkennbare Lücke zwischen der Progressionsrate mit der Substanz und der mit Placebo.

Doch dieses Mal war das Ergebnis statistisch signifikant, denn die Studie hatte die nötige Power, um selbst kleine Unterschiede groß herauszubringen: An ihr hatten 1650 MS-Kranke teilgenommen, elfmal mehr als an der SSRI-Untersuchung.

Verlässiger Studienansatz tötet manch gute Idee

Gut möglich also, dass demnächst ein Medikament gegen progrediente MS-Formen zugelassen wird, das die Krankenkassen 50 Euro am Tag kostet, und damit fast tausendmal mehr als ein SSRI, der vielleicht ebenso gut wirkt, was dank schlampiger Studien aber nicht gezeigt werden konnte.

Es geht hier folglich um weit mehr als nur verbrannte Forschungs- und Steuergelder.

Man könnte unzählige weitere universitäre Studien aufzählen, die an geringen Patientenzahlen oder anderen Mängeln gescheitert sind, in Deutschland ebenso wie in den USA oder anderen Ländern.

Natürlich gibt es auch Beispiele guter wegweisender klinischer Untersuchungen an Universitäten, doch scheint bei der Finanzierung eher das Gießkannenprinzip zu gelten: Hier ein paar Euro für diese, dort ein paar für jene Studie, mit dem Ergebnis, dass keine davon brauchbare Resultate liefert.

Wie man die Studien besser machen kann

Besser wäre es, Prioritäten zu setzen und die Ressourcen für große, europaweite Multicenterstudien zu bündeln, gerade wenn es um das vielbeschworene Repurposing von Medikamenten geht. An diesem hat die Pharmaindustrie naturgemäß wenig Interesse, hier könnten Uniklinken einen entscheidenden Beitrag leisten. Dazu müsste wohl aber die Forschungsförderung reformiert werden.

Vielleicht könnten die Ethikkommissionen diesen Prozess beschleunigen, indem sie stärker auf das Studiendesign achten: Wenn Patienten an Wirksamkeitsstudien teilnehmen, bei denen sich die Wirksamkeit wegen der geringen Größe oder kurzen Dauer nicht wirklich feststellen lässt, dann ist das ethisch höchst bedenklich.

Schließlich gehen die Patienten dabei Risiken ein. Möglicherweise wäre das ein wirksamer Hebel, um die derzeit noch übliche Vergeudung von Ressourcen und Ideen zu stoppen.

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