Ärzte Zeitung online, 26.04.2017
 

Normwerte

Im Alter darf der TSH-Wert höher sein

Vorsicht bei Älteren mit subklinischer Hypothyreose! Der TSH darf im oberen Normbereich liegen.

MONTERREY / MEXIKO. Der Nutzen einer L-Thyroxin-Therapie bei Älteren mit einem TSH von unter 10 mU/l ist nicht belegt. Sie könnte sogar schaden. Das illustriert die Kasuistik eines 71-jährigen, stark übergewichtigen Mannes mit Typ-2-Diabetes, Hypertonie und koronarer Herzkrankheit, die Endokrinologen von der Uniklinik in Monterrey, Mexiko, veröffentlicht haben. Der Mann bekam bei einem TSH-Wert von 7,2 mU/l 75 μg L-Thyroxin pro Tag verordnet. Einen Monat später traten plötzlich Palpitationen, Dyspnoe und Thoraxschmerzen auf. Ursache waren ein neu aufgetretenes Vorhofflimmern sowie eine leichte linksventrikuläre Hypertrophie. Der TSH-Spiegel betrug nur noch 0,1 mU/l.

Daraufhin wurde das Medikament abgesetzt, der Patient erhielt ein Antikoagulans und einen Betablocker. Drei Monate war er wieder im Sinusrhythmus, der TSH-Wert betrug 5,6 mU/l (JAMA Intern Med. 2016; 176: 1741-1742). Nach nur einmaliger TSH-Messung sollte keine Diagnose gestellt werden, betonen die Endokrinologen.

Und es gibt keine Nachweise dafür, dass die L-Thyroxin-Therapie alten Menschen nutzt. Vielmehr drohen Angina pectoris, Vorhofflimmern, Hyperthyreose und Knochendichteverlust sowie eine iatrogene subklinische Hyperthyreose. Bei Älteren mit niedrigen TSH-Werten ist eine signifikant höhere Sterberate festgestellt worden als bei vergleichsweise hohen Werten. Das geht aus der prospektiven Untersuchung von 1200 über 65-Jährigen hervor: Probanden mit einem TSH im niedrigsten Quartil hatten ein 2,2-fach höheres Sterberisiko als Personen mit einem Wert im höchsten Quartil. fT3 und fT4 beeinflussten die Mortalitätsrate nicht (J Am Geriatr Soc 2016; 64: 553-560).

Es wäre an der Zeit, sich über altersadaptierte Normwerte Gedanken zu machen, so der Kommentar von Professor Hermann S. Füeßl, Internist aus München, in der "Münchner Medizinischen Wochenschrift" (MMW 2016; 158: 50). "Offensichtlich ist es eher ein allgemeiner protektiver Faktor, wenn sich der Wert im höheren Lebensalter in Richtung des nach der bisherigen Definition hypothyreoten Bereichs verschiebt." (ner)

[26.04.2017, 12:49:44]
Stephanie Baehr 
Beim Lesen des Artikels tauchen Fragen auf......
Beim Lesen des Artikels tauchen Fragen auf......
Ein TSH von 7 bzw 5 gehört weiter abgeklärt........

Gibt es Medikamentenwechselwirkungen?
Wurden Antikörper bestimmt?
Wurde ein Ultraschall gemacht?
Wie groß ist die o.g. Schilddrüse?
Wurde ein Szintigramm gemacht?
Wurde fT3 bestimmt?
Warum wurde mit 75µg eingestiegen? Es ist davon auszugehen, dass die Restschilddrüse noch eine Funktion hat. Man kann die Dosis nicht in jedem Fall vom Körpergewicht abhängig machen. Also warum wurde nicht zunächst mit 25µg eingeschlichen?
Und dann unter Laborkontrolle von TSH, fT3 und fT4 die Dosis langsam erhöht?
Wurde der Patient über mögliche Steigerungssymptome informiert, dass sich einige Symptome erst nach ugefähr 3 Wochen bessern, weil es eine unglaubliche Umstellung für den Körper ist?

"Dem unklaren Nutzen stünden mögliche Schäden einer Levothyroxingabe entgegen, etwa Angina pectoris, Vorhofflimmern, Hyperthyreose oder Knochendichteverlust. "

AUS MEINER SICHT EIN DENKFEHLER!

Das Passiert, wenn man einfach eine Dosis für den Patienten festlegt,(auf Grundlage welcher Faktoren eigentlich?) Die Hormoneinstellung ist aber individuell. Ich bin davon überzeugt, dass der Patient von einer niedrigen Levothyroxingabe profitiert hätte. Selbst in stressigen Phasen, sollte das TSH nicht so deutlich steigen. Wenn man mit 25µg eingestiegen wäre, man die freien Werte engmaschig überwacht hätte, wäre der Patient sicher nicht in einer Hyperthyreose gelandet. Bei engmaschiger Laborkontrolle aller Schilddrüsenwerte (TSH, fT3 und fT4) und unter Einbeziehung des Patienten, lässt sich eine Hyperthyreose vermeiden und eine Wohlfühldosis finden. Allerdings kostet das Geduld und Geld. Nutzen ist eine verbesserte Lebensqualität.

Die oben genannte Schlussfolgerung kann ich nicht nachvollziehen, da kein individueller Einstellungsversuch unternommen wurde. Ein Patient, der eine Tabletteninduzierte Überfunktion durchmachen musste, wird sich in Zukunft mit seinen Unterfunktionssymptomen arrangieren. Diesem Menschen ist nicht geholfen, vielleicht verchweigt er jetzt nur aus Scharm seine Symptome.

Das zumindest ist meine Erfahrung. In latenter Unterfunktion wurde ich 2011 von 50µg auf 75µg erhöht. Ich war nicht mit Steigerungssymptomen vertraut und mein Endo empfahl mir wieder auf 50µg zu senken. Ich hakte also das Thema Schilddrüse innerlich ab , und dachte, dass eine Dosiserhöhung nicht möglich wäre. Ich lebte lieber weiter mit Unterfunktionssymptomen. Ich fand raus, dass ich Steigerungen nur in 6,25er Schritten vertrage. Mittlerweile bin ich mit einer Dosis von 87,5µg gut eingestellt. Mir ist erst im Nachhinein klar geworden, wie viel Kognition und Lebensfreude durch die latente Unterfuktion nicht mehr vorhanden waren. Erst seitdem mein Stoffwechsel wieder "rund" läuft, kenne ich den Unterschied zu vorher.

Sicherlich ist dieser Fall vielschichtiger und in diesem Artikel werden nicht alle relevanten Daten wiedergegeben. Gut möglich, dass sich der Patient mit einem TSH von 5 wohlfühlt. Ich möchte aber meine Bedenken zum Ausdruck bringen, dass der Patient keine Möglichkeit hatte, einen Versuch mit einer keineren L-Thyroxin Dosis zu machen und dann zu entscheiden.

Das Fazit der Autoren: "Solange es keine bessere Evidenz gibt, dass klinisch relevante Ergebnisse verbessert werden, ist die Behandlung einer subklinischen Hypothyreose bei älteren Menschen wahrscheinlich nicht die Kosten und die möglichen Nachteile wert." Das ist menschenverachtend!!!!! zum Beitrag »

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