Ärzte Zeitung, 03.11.2010

Die Traumfabrik der kranken Zeitgenossen

Viele Helden der Leinwand sind im Grunde schwer kranke Menschen, die dringend Hilfe benötigen. In einem Sammelband werden 30 Filmcharaktere analysiert - darunter auch Batman und sein perfider Gegenspieler Joker.

Die Traumfabrik der kranken Zeitgenossen

Einer der brilliantesten, gebrochensten und perfidesten Psychopathen der Filmgeschichte: Der Joker (dargestellt von Heath Ledger) im Batman-Film "The Dark Knight".

© UPI Photo / imago

Von Pete Smith

Sie sind schizophren, depressiv, sexbesessen oder hysterisch: Die Geschöpfe der Traumfabrik spiegeln die nüchterne Wirklichkeit des Lebens. Ob Carrie Bradshaw alias Sarah Jessica Parker aus "Sex and the City" oder Travis Bickle alias Robert de Niro in "Taxi Driver" - viele Leinwandhelden sind im Grunde schwer kranke Zeitgenossen, die dringend Hilfe benötigten. Psychiater, Psychoanalytiker, Psychosomatiker, Psychologen und Geisteswissenschaftler nehmen sich nun ihrer an und analysieren ihre Pathologien: "Batman und andere himmlische Kreaturen" heißt der Sammelband, herausgegeben bei Springer Medizin, der dreißig Filmcharaktere vorstellt und ihre psychischen Störungen diagnostiziert. In der Verlagsgruppe Springer Medizin erscheint auch die "Ärzte Zeitung".

Die Traumfabrik der kranken Zeitgenossen

Professor Stephan Doering, Universität Münster

© smi

Professor Stephan Doering, Facharzt für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, und Professor Heidi Möller, die an der Universität Kassel einen Lehrauftrag für Theorie und Methodik der Beratung innehat, legen mit "Batman" eine Fortsetzung ihres 2008 erschienenen Bands "Frankenstein und Belle de Jour" vor. Zielgruppe sind Cineasten mit Hang zur Psychoanalytik, denen die Experten im Buch erklären, wie echt die "Film-Irren" tatsächlich sind.

Carrie Bradshaw beispielsweise leidet in der 2008 im Kino gezeigten Spielfilmversion der Erfolgsserie "Sex and the City" unter der Trennung von ihrem Bräutigam "Mr. Big". Sie fühlt eine große Leere, ihre Tränen versiegen, aus der akuten reaktiven Depression entwickelt sich im Laufe der Zeit - so die Diagnose der Autoren - eine schwere depressive Episode (ICD-10: F32.2). "Im Verlauf der Handlung sind es sowohl die Einsicht in den eigenen Anteil an ihrem Unglück als auch die liebevolle Unterstützung ihres Umfeldes, die Carries Depression nach und nach zu heilen vermag", heißt es. Da der Film exemplarisch die konstruktive Überwindung von Kummer und Leid darstelle, wirke er auch auf seine Zuschauer(innen) wie ein Therapeutikum.

Ganz anders stellt sich Travis Bickle dar, Hauptfigur des 1976 entstandenen Kultfilm "Taxi Driver" von Martin Scorsese. Travis ist ein ehemaliger Vietnamsoldat, der aufgrund seiner traumatischen Erfahrungen nachts nicht schlafen kann, Alkohol trinkt und Tabletten schluckt. In seinem Tagebuch bezeichnet er sich selbst als "Gottes einsamster Mann". Als er die junge Prostituierte Iris kennen lernt, schwingt er sich zu ihrem Retter auf und tötet ihren Zuhälter und dessen Kumpel. Die Autoren vermuten bei Travis Bickle eine schizotypische Störung sowie eine Persönlichkeitsveränderung nach Extremtraumatisierung. Am Ende wird der Kranke jedoch als Held gefeiert.

Die Traumfabrik der kranken Zeitgenossen

Bei den meisten analysierten Filmen steht die Sexualität oder Intimität im Mittelpunkt. Die Bandbreite reicht vom stummen, beziehungslosen Sex ("Verhängnis") über sadomasochistische Formen ("Verfolgt", "Der freie Wille") bis hin zur sexuellen Misshandlung ("Pretty Baby"). In jedem Kapitel erhält der Leser einen Einblick in die Geschichte, bevor die Autoren ein Portrait des Filmcharakters zeichnen, ihre Diagnose stellen und deren Realitätstreue überprüfen. Oft werden darüber hinaus noch Bezüge zur Wirklichkeit hergestellt, welche die Einordnung des Filmstoffs in den aktuellen Kontext erleichtern.

Fazit: Ein lesenswertes Buch, das nicht nur ausgesprochenen Cineasten Gewinn bringt.

Heidi Möller und Stephan Doering (Hrsg.): Batman und andere himmlische Kreaturen. Springer Medizin, 2010, 350 Seiten, 60 Farb-Abbildungen. 39,95 Euro. ISBN: 978-3-642-12738-0

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Gala mit Herz und Verstand

Mit einer festlichen Gala hat Springer Medizin pharmakologische Innovationen und ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Die Preisträger vermittelten Hoffnung auf Heilung und auf Hilfe, hieß es am Donnerstagabend. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der deutschen pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »