Ärzte Zeitung, 06.04.2011

Ein geschützter Raum für Menschen mit Aids

Nicht alle Menschen mit HIV/Aids können selbstständig leben. In Köln ist jetzt ein Haus entstanden, das kranken Menschen betreutes Wohnen ermöglicht.

Von Ilse Schlingensiepen

Ein geschützter Raum für Menschen mit Aids

Schlüsselübergabe für das Aids-Haus: Bettina Wulff, Ehefrau des Bundespräsidenten (links) und die Kölner Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes (Mitte) zusammen mit Markus Danuser, Vorstand der Aidshilfe Köln (r.).

© Schlingensiepen

KÖLN. Unabhängigkeit in der eigenen Wohnung und bei Bedarf Beratung und Unterstützung - das bietet das Jean-Claude-Letist-Haus im Kölner Stadtteil Weidenpesch seinen künftigen Mietern. Das neue Wohnprojekt richtet sich an Menschen mit HIV/Aids, die ihren Alltag nicht allein meistern können. Die Stadt Köln hat das Grundstück zur Verfügung gestellt, Bauherr ist die Deutsche Aids-Stiftung, Betreiber die Aidshilfe Köln.

"Das betreute Einzelwohnen kommt den Bedürfnissen der Bewohner entgegen", sagte Bettina Wulff, die Ehefrau von Bundespräsident Christian Wulff, bei der Einweihung des Hauses. "Es ermöglicht möglichst große Selbstständigkeit bei großer Sicherheit durch verlässliche Ansprechpartner."

Das Haus beherbergt einen Gruppenraum und neun Wohnungen, die bereits alle vermietet sind. "Die Bewohner beziehen ihr künftiges Zuhause nicht am Rande der Gesellschaft, sondern mittendrin", sagte Wulff. Bislang gebe es leider nur wenige solcher Wohnprojekte. "Aber der Bedarf wird steigen."

Nicht alle Patienten mit HIV/Aids könnten mit der Therapie gut und ohne Nebenwirkungen oder Begleiterkrankungen leben, sagte Dr. Ulrich Heide, der Geschäftsführende Vorstand der Deutschen Aids-Stiftung. Wohnprojekte wie das Jean-Claude-Letist-Haus sollten Menschen mit HIV/Aids ein würdiges Leben ermöglichen. "Bewohnerinnen und Bewohner sollen durch den geschützten Raum, sollen durch die Beratung, Betreuung und Zuwendung soweit stabilisiert werden, dass sie nach Möglichkeit in ein, zwei oder drei Jahren wieder in der Lage sind, eine eigene Wohnung zu beziehen und selbstständig zu leben."

Dazu benötigten viele zunächst eine Stabilisierung ihres sozialen Umfelds und oft auch Hilfen in finanziellen Notlagen. "Sie brauchen Unterstützung zur Einhaltung einschneidender und strikter Therapiereglementierungen", betonte Heide. Hilfe und Begleitung seien aber auch notwendig nach Verlusterfahrungen im Freundeskreis oder bei der Bewältigung einer Drogen- oder Suchtproblematik.

Obwohl es nach wie vor Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen mit HIV/Aids gebe, hätten die Initiatoren bewusst entschieden, mit dem Wohnprojekt die Öffentlichkeit zu suchen, sagte Michael Schuhmacher, der Geschäftsführer der Aidshilfe Köln. "Durch die Nachbarn haben wir viel Zuspruch und Unterstützung erfahren", berichtete er.

Das Jean-Claude-Letist-Haus sei ein wertvolles Glied in der Kette der Hilfs- und Betreuungsangebote für Betroffene, sagte die Kölner Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes, die auch im Vorstand der Kölner Aidshilfe sitzt. "Im vergangenen Jahr wurde in Köln an jedem zweiten Tag ein Mensch mit einem positiven Testergebnis konfrontiert", sagte sie bei der Eröffnung in Köln.

Die Hilfe dürfe sich nicht auf medizinische Angebote beschränken, sondern die Betroffenen müssten in ihrem sozialen Umfeld unterstützt werden. "Ein Medikament wird nie die helfende Hand und den verstehenden Blick ersetzen", sagte Scho-Antwerpes.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Mütter stellen früh die Weichen für Babys Gesundheit

Dicke Mutter = dickes Baby: Diese Gleichung geht oft auf - leider. Ernährungs-Experten tauschen sich daher auf einem Kongress über den frühen Einfluss der mütterlichen Ernährung u.a. auf das Diabetesrisiko des Kindes aus und geben Tipps. mehr »

Würden Ärzte Gröhe wählen?

In einer großen Umfrage fragten wir Ärzte: "Wenn der Bundesgesundheitsminister direkt vom Volk gewählt werden könnte, wen würden Sie wählen?" Lesen Sie hier die Antwort. mehr »

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »