Ärzte Zeitung, 11.06.2011

Beautycheck: Wer ist hübsch und sexy?

Schönen Menschen liegt die Welt zu Füßen. Oder vielleicht doch nicht? Wann ist ein Mensch hübsch, und wann wenig anziehend? Attraktivitätsforscher liefern bemerkenswerte Ergebnisse ihrer Arbeit.

Von Christoph Fuhr

Wer ist hübsch und sexy, wer kommt gut an?

Ohne Zweifel wunderschön: Miss Princess of the world 2010 Deimanté Bubelyté aus Litauen (m.), Konkurrentinnen aus Venezuela (l.) und Italien (r.).

© Xinhua / imago

Jorge Gonzalez stammt aus Kuba, spricht deutsch mit merkwürdigem Akzent und hat einen ungewöhnlichen Beruf: Der Mann ist Catwalk-Trainer. Auf Schuhen mit bis zu 15 Zentimeter hohen Absätzen stöckelt der gertenschlanke Jorge mit perfekter Körperhaltung über Laufstege und zeigt Nachwuchsmodels in Heidi Klums TV-Show "Germanys next Top-Model", wie sie sich auf der Bühne präsentieren müssen.

Jorge ist ein durch und durch schräger Typ - so schräg wie die Wertewelt, die in dieser Sendung vermittelt wird. Wer mit seiner Schönheit Geld verdienen will, der darf nicht viele Fragen stellen. Das bedeutet für die Models: Klappe halten, Stöckelschuhe anziehen, Brust raus, Schultern hoch - und ja nicht das Gleichgewicht verlieren!

Wer rausfliegt aus der Show, der hat Zweifel - am Auftreten, an der Performance, an seinem Aussehen. Dabei muss man keineswegs die große Laufsteg-Karriere im Visier haben, um sich selbstkritisch mit der eigenen Attraktivität zu beschäftigen.

Sehe ich gut aus oder schlecht, bin ich sexy oder unattraktiv? Das sind Themen, mit denen sich nicht nur angehende Models, sondern die allermeisten Menschen in ihrem Leben irgendwann einmal beschäftigt haben. Wer bestimmt eigentlich, ob jemand sexy ist oder nicht? Und ist Schönheit überhaupt messbar? Fragen, mit denen sich Wissenschaftler auseinandersetzen, die auf dem Gebiet der Attraktivitätsforschung arbeiten.

Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters - eine Binsenweisheit. Aber stimmt sie auch heute noch? Teils, teils, sagt der Regensburger Psychologe und Attraktivitätsforscher Dr. Martin Gründl. Die Wissenschaft ist sich nicht ganz einig. Dies gilt speziell bei der Frage, ob es tatsächlich eine zahlenmäßig relevante Gruppe von Menschen gibt, die sich mit Blick auf Attraktivitätsmaßstäbe einen Kehricht um die herrschende Wertewelt scheren.

Nicht minder umstritten ist darüber hinaus eine Hypothese, die sich wie ein roter Faden durch die Diskussion um Kriterien für gutes Aussehen zieht: Ein perfektes Gesicht muss symmetrisch sein. Je symmetrischer, um so attraktiver. Das leuchtet auf den ersten Blick durchaus ein. Gründl allerdings hat ganz andere Forschungsergebnisse vorzuweisen: "Symmetrie ist mit Blick auf die Attraktivität von Menschen eine Eigenschaft, die man vergessen kann, sie spielt keine Rolle", sagt er, "und das kann ich mit Daten beweisen".

Wissenschaftler wie Gründl arbeiten oft mit dem Morphing-Verfahren. Auf der Basis von Original-Porträtfotos entstehen nach aufwendiger Vorarbeit mit Hilfe eines Computerprogramms neue Gesichter, in denen unterschiedlich viele Originalgesichter enthalten sein können. Sie werden mit Hilfe des PC-Programms miteinander gemorpht, das heißt gekreuzt, dienen als Grundlage für weitere Untersuchungen und werden von Probanden bewertet.

Bei einer im Jahr 2001 realisierten repräsentativen Untersuchung (500 Teilnehmer) wurden mit standardisierten Fotos von etwa 100 Männern und Frauen umfangreiche Hypothesen zur Attraktivität von Menschen überprüft. Eines der Ergebnisse - in der Forschung vielfach bestätigt: Es gibt einen ausgeprägten Attraktivitätsstereotyp.

Je attraktiver die Gesichter, desto erfolgreicher, zufriedener, intelligenter, kreativer und fleißiger werden sie eingeschätzt. Was bdeutet: Wer attraktiv ist, der hat es oft einfacher im Leben.

Auch die so genannte "Durchschnittshypothese" wurde überprüft. Ein Gesicht mit Proportionen, die dem mathematischen Durchschnitt entsprechen, erscheint vielen Menschen als attraktiv, weil es die größte Ähnlichkeit zu anderen bekannten Gesichtern aufweist. "Durchschnittlichkeit kann in der Tat attraktivitätserhöhend sein", sagt Gründl.

Wie aber sieht es denn nun tatsächlich aus, das typische attraktive Gesicht? Für Frauen - und auch das ist in vielen Untersuchungen bestätigt - gilt diese Liste: Top-Kriter-ium ist eine glatte, faltenlose und makellose Haut, die gesund aussieht. Außerdem gefragt sind volle Lippen, eine kleine Nase, ein eher kleiner, zierlicher Unterkiefer, eher große Augen, eher dünne, zierliche Augenbrauen.

Frauen können ihre Attraktivität steigern, wenn sie kindliche Merkmale aufweisen: rundliche Augen, eine große gewölbte Stirn, kurze Ausprägungen von Nase und Kinn, relativ weit unten liegende Gesichtsmerkmale (Augen, Nase, Mund). Das Supermodel Kate Moss und die junge Brigitte Bardot etwa gehör(t)en zu den perfekten Vertreterinnen dieser Kategorie.

Eine Formel für das attraktive Gesicht

Gibt es eine Formel für das attraktive Gesicht? Die existiert leider noch nicht, bedauert Gründl. "Wir haben Gesichter vermessen und versucht, sie über Distanzen, Winkel und Streckenverhältnisse statistisch zu erfassen", erläutert er. Aber es gebe zu viele Variablen im Gesicht. Er will sich nicht entmutigen lassen und bei diesem Projekt am Ball bleiben.

Gründl und seine Kollegen haben bei ihren Untersuchungen darüber hinaus eine Erfahrung gemacht, die nachdenklich machen muss: Gesichter, die von Studienteilnehmern am attraktivsten beurteilt wurden, waren keine Originalfotos, sondern vom Computer verändert worden - mit Merkmalen, die normale Menschen überhaupt nicht erreichen können.

Das bedeutet: Wer sich auf überzogene Vorstellungen von Attraktivität einlässt, kann sehr leicht selbst zum Opfer eines völlig unrealistischen Schönheitsideals werden. "Eine krumme Nase war früher Schicksal", sagt Gründl, "heute hilft betroffenen Patienten die ästhetische Chirurgie".

Alte Männer stehen auf große Brüste

Gründl hat sich sich bei seiner Arbeit über Attraktivität im Laufe der Jahre längst auch anderen Regionen des Körpers zugewendet. "Ältere Männer mögen größere Brüste, jüngere horizontale Brauen" - mit diesem Titel zum Beispiel hat der Psychologe zusammen mit dem Regensburger Chirurgen Professor Lukas Prantl gerade weitere Ergebnisse seiner Arbeit zusammengetragen, die im Journal für Ästhetische Chirurgie erschienen sind (4 (2), 74-83), einer Zeitschrift, die übrigens bei Springer Medizin erscheint.

Doch Wissenschaft hin, Wissenschaft her - im Wettbewerb ums gute Aussehen sehen sich die meisten Menschen vollkommen auf sich allein gestellt. Das Internet-Portal www.jolie.de bietet deshalb emotionalen Beistand für Zweifler, die im Unreinen mit ihrem eigenen Aussehen sind. Die Botschaft: Auch die Schönsten der Schönen kochen nur mit Wasser. Der Beweis wird in Form von Bildern zum Durchklicken geliefert: "Wer Bock auf Häme hat: Hier haben wir ein paar Models mit Pickeln für Sie!"

www.beautycheck.de

Sexy Frau, sexy Mann - das sind die Merkmale für Attraktivität

Merkmale für ein weibliches "Sexy-Gesicht" im Vergleich zu Gesichtern mit dem Attribut "Unsexy":

  • Braunere Haut
  • Schmaleres Gesicht
  • Weniger Fettansatz
  • Dunklere, schmalere Augenbrauen
  • Mehr, längere und dunklere Wimpern
  • Keine Augenringe
  • Kleinerer Abstand zwischen Augenlid und Lidfalte
  • Höhere Wangenknochen
  • Schmalere Nase
  • Vollere, gepflegtere Lippen
  • Schmalerer Hals

Merkmale für ein männliches "Sexy-Gesicht" im Vergleich zu Gesichtern mit dem Attribut "Unsexy":

  • Braunere Haut
  • Schmaleres Gesicht
  • Weniger Fettansatz
  • Dunklere Augenbrauen
  • Mehr und dunklere Wimpern
  • Kleinerer Abstand zwischen Augenlid und Lidfalte
  • Obere Gesichtshälfte im Verhältnis zur unteren breiter
  • Höhere Wangenknochen
  • Keine Geheimratsecken
  • Keine Falten zwischen Nase und Mundwinkeln
  • Vollere Lippen
  • Symmetrischer Mund
  • Markanter Unterkiefer
  • Markanteres Kinn
  • Schmalerer Hals

Quelle: Dr. Martin Gründl et al, Uni Regensburg

Topics
Schlagworte
Panorama (30926)
Personen
Christoph Fuhr (386)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wenn Einsamkeit krank macht

Ein Alterspsychotherapeut warnt: Ältere Männer sind besonders häufig suizidgefährdet. Einsamkeit ist ein Grund dafür. mehr »

Diabetes-Experten sind besorgt

Schon bald könnten mehr Lebensmittel "schlechten Zucker" enthalten. Für die Industrie wird der Einsatz von Isoglukose profitabler. mehr »

PKV bekennt sich zur Innovationsoffenheit

Wird es mit der neuen GOÄ erschwert, Privatpatienten neue Leistungen anzubieten? Vom PKV-Verband kommt dazu ein klares Dementi. mehr »