Ärzte Zeitung, 21.10.2012

Tätowierungen im Trend

Gestochene Symbole mit fragwürdiger Zukunft

Tätowier-Boom in Deutschland: Immer mehr Menschen lassen sich Farbe unter die Haut stechen - und immer häufiger an Extrembereichen wie Hände oder Hals.

Von Christoph Fuhr

Gestochene Symbole mit fragwürdiger Zukunft

Das kann peinlich werden, wenn die Beziehung zu Karo in die Brüche geht.

© Ghetty Images / thinkstock

Wo kann ich mein Arschgeweih entfernen lassen, ich will's nicht mehr haben! Die Zahl der Menschen, die ihre einst geliebte Tätowierung nicht mehr länger ertragen, wird immer größer.

Das beobachtet auch die Deutsche Dermatologische Lasergesellschaft (DDL).

Das berühmte Steißbeinornament zum Beispiel war vor zehn Jahren noch modern, heute ist es aus der Mode gekommen.

Zunehmend sehen Tätowierte aber auch Handlungsbedarf, weil gravierte Liebesbeweise von gestern - wie etwa "Mandy forever" - nur noch peinlich wirken, weil Mandy zwischenzeitlich mit einem anderen Mann durchgebrannt ist.

Wer allerdings glaubt, der Tattoo-Boom sei vorbei, der täuscht sich. "Tätowierungen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt der Diplom-Psychologe Dirk Hofmeister von der Abteilung Medizinische Psychologie und -Soziologie der Uni Leipzig.

Ein Körperschmuck, der lebenslang halten soll

Vor Jahrzehnten waren Tätowierungen noch eine Sache von Seemännern, Schaustellern, Häftlingen und Menschen aus der Halbwelt. Heute ist das anders, denn Wertewelten haben sich verändert.

Laut einer Umfrage der Uni Leipzig waren 2009 etwa 25 Prozent der 25 bis 34 Jahre alten Deutschen tätowiert.

"Wir leben in einer stark individualisierten Gesellschaft. Ein Körperschmuck, der das ganze Leben lang halten soll, ist Ausdruck dieser Individualität", sagt Hofmeister, der seit langem über dieses Thema forscht.

Cool sein, sich abgrenzen von anderen, Selbstverschönerung betreiben, das sind Kernmotive für Menschen, die sich tätowieren lassen. Jugendliche können sich abgrenzen von ihren Eltern und mit dem Tattoo Gestaltungsmacht über ihren eigenen Körper reklamieren.

Immer stärker gewinnen bei der Wahl der Motive biografische Merkmale an Bedeutung. Sport- und Showstars haben dabei offenbar eine Vorbildfunktion.

Der Argentinier Raul Bobadilla etwa, ein inzwischen von Borussia Mönchengladbach in die Schweiz abgewanderter Profifußballer, hat auf seiner Brust seine Eltern als Porträt verewigt.

Trend wohl noch nicht abgeschlossen

Es gibt nach Beobachtungen von Hofmeister darüber hinaus einen neuen Trend, bei dem immer mehr Extrembereiche des Körpers ausgelotet werden. Großflächig werden die Unterarme tätowiert, auch Hände und Bereiche des Halses sind längst kein Tabu mehr.

Der Leipziger Psychologe hat Gespräche mit Tätowierern geführt, die ihren Kunden zur Vorsicht raten. Wer mit der Aufforderung komme, den ganzen Unterarm komplett "zuzuhacken", der werde erst einmal gebeten, diese Entscheidung noch einmal zu überdenken.

Hofmeister ist überzeugt, dass der Trend zu provozierenden Tattoos in Extrembereichen noch längst nicht abgeschlossen ist. Aber wie bei jeder Modeerscheinung glaubt er, dass irgendwann das Ende der Fahnenstange erreicht sein wird.

Vielleicht nicht in den nächsten zehn Jahren, aber in 20 Jahren werde dann wieder der "reine und unbeschädigte Körper" voll im Trend liegen. Wohl dem, der heute bei Tätowierungen vorsichtig ist!

Junge Tattooträger trinken mehr Alkohol

Das Phänomen "Tätowierungen" rückt auch immer mehr in den Fokus wissenschaftlicher Forschung. So ist in einer neuen Studie aus Frankreich der Zusammenhang zwischen Tätowierungen, Piercings und Alkoholkonsum analysiert worden.

Danach konsumieren gepiercte und stark tätowierte Jugendliche vergleichsweise mehr Alkohol als Gleichaltrige, die auf Hautveränderungen verzichten.

Andere, nicht ganz unumstrittene Untersuchungen legen nahe, dass Menschen mit Tätowierung risiko- und experimentierfreudiger sind - etwa auch mit Blick auf ihre Sexualpartner.

Bemerkenswert ist, dass die gesellschaftliche Diskussion über Tätowierungen sehr ernst und nicht selten geradezu verkrampft geführt wird.

Das mag daran liegen, dass gerade bei älteren Menschen auch nach Ansicht von Experten immer noch die Tendenz beobachtet wird, Tattoo-Träger zu stigmatisieren.

Dass das Thema durchaus auch zum Schmunzeln anregen kann, bewies ein Mann aus Sachsen-Anhalt. Er kam vor einigen Monaten auf die Idee, sich eine stattliche Pflanze aus der Familie der Kürbisgewächse auf den linken Oberschenkel tätowieren zu lassen und das Foto an die Bild Zeitung zu schicken.

"Er versteckt eine riesige Gurke in seiner Hose", kommentierte das Blatt. Der Mann reagierte mit Gelassenheit: "Über meine Gurke lacht ganz Deutschland!"

Nicht selten kommt es zu dauerhaften Hautproblemen

Forscher der Uni Regensburg haben 2011 eine Erhebung in den deutschsprachigen Ländern gemacht, um festzustellen, wie häufig gesundheitliche Beschwerden in Zusammenhang mit einer Tätowierung auftreten. Rund zwei Drittel der Teilnehmer berichteten über Hautreaktionen wie Jucken, Brennen, Papeln oder Ekzeme an der tätowierten Stelle und 7 Prozent über systemische Reaktionen direkt nach dem Tattoo-Stechen. Bei 7 Prozent blieben die Hautprobleme auf Dauer bestehen.

Die meisten hatten mehrere Tätowierungen, 28 Prozent hatten vier Tattoos. Und bei vielen waren die Areale auch großflächig. Die Forscher gehen inzwischen davon aus, dass in Deutschland eine halbe Million Menschen tattoobedingte Hautprobleme haben. (eb)

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