Ärzte Zeitung online, 28.04.2017
 

Lyrik-Workshops

Poesie hilft Demenzpatienten zurück ins Leben

Gedichte können Wunder wirken – davon ist Lars Ruppel überzeugt. In Workshops zeigt der Hesse Pflegeheim-Mitarbeitern, wie sie Demenzpatienten mit Lyrik aus der Isolation holen können.

Von Pete Smith

Die vierbeinigen Sozialarbeiter

Oberstabsveterinärin Dr. Angela Bartels trainiert mit Labradorhündin Yoko im Ausbildungszentrum.

© Thomas Frey/dpa

Eine seltsame Runde ist das. Im Stuhlkreis sitzen Alte neben Jungen, teilnahmslos wirkende Menschen zwischen aufmerksam und gespannt lauschenden Zuhörern. Ein Mann Anfang 30, Brille, Bart, Mütze, steht auf und beginnt zu rezitieren: "Es war, als hätt‘ der Himmel, die Erde still geküsst, dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst‘."

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Das Gedicht als Knetmasse"

Eichendorffs "Mondnacht" ist vor allem den Alten vertraut. Hier hellt sich ein Gesicht auf, dort murmeln Lippen die Verse mit. Was sich soeben im Wohnzimmer des Alten- und Pflegeheims ereignet, ist ein kleines Wunder. Die melancholischen Worte des Dichters locken manch einen vom Schatten ins Licht. An dunklen Tagen können sich dieselben Menschen noch nicht einmal ihres eigenen Namens entsinnen.

Der Mann mit der Mütze heißt Lars Ruppel und nennt sich selbst einen "Miet-Poeten". Seit mehr als zehn Jahren tritt er als Poetry-Slammer auf und hat sich auf Bühnen im In- und Ausland einen Namen gemacht. Dass er heute im Pflegeheim gastiert, ist für ihn nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Denn Ruppel hat aus seiner Leidenschaft fürs gesprochene Wort einen Beruf und aus seinem Beruf eine Tugend gemacht. Speziell für Demenzpatienten konzipiert der gebürtige Hesse seine "Weckworte".

Inspiriert von dem US-Poeten Gary Glazner hat Ruppel dessen 2004 gestartetes "Alzheimer's Poetry Project" weiter entwickelt. Hintergrund ist die vielfach beobachtete Erfahrung, dass sich Menschen, deren Gedächtnis nachlässt, nicht nur der alten Lieder, sondern auch vieler Gedichte erinnern, die sie einst als Schüler auswendig lernen mussten. Der gemeinsame Vortrag der Verse, ihr Rhythmus und die ihm eigenen Reime zaubern auch bei Demenzpatienten Erinnerungen hervor, die längst verschüttet schienen.

Gedichte im Sudan slammen

Ruppel, 1985 geboren, wuchs in Gambach auf, einem knapp 3200 Einwohner zählenden Stadtteil von Münzenberg im hessischen Wetteraukreis. Schon mit 17 trat er erstmals bei einem Poetry-Slam an und arbeitet seit 2004 als "Vollzeitslammer" mit bis zu 300 Auftritten pro Jahr. Mit seiner "Poetry-Slam-Boygroup" SMAAT gewann er in seiner Wahlheimat Berlin 2007 den Team-Wettbewerb der deutschsprachigen Slam-Meisterschaften, leitete zwei Jahre später im Auftrag des Goethe Instituts die ersten Poetry-Slam-Meisterschaften im Sudan, organisierte 2012 ein großes Slam-Projekt in Indien, gewann 2013 mit der Formation "Bottermeld Fresch" erneut den Mannschaftswettbewerb und gilt spätestens seit seinem Sieg in der Einzelausscheidung der deutschen Poetry-Slam-Meisterschaften 2014 in Dresden hierzulande zu den bekanntesten Vertretern seiner Zunft.

Darüber hinaus lädt er zu Poetry-Slams ein, tritt als Moderator auf Kongressen, Konferenzen und Firmenevents in Erscheinung, gibt Schulworkshops und hat mehrere Bücher veröffentlicht.

Poetry Slams sind Dichterschlachten, bei denen zumeist junge Poeten mit selbst geschriebenen Texten gegeneinander antreten und eine Zuschauer-Jury darüber entscheidet, wer am Ende gewinnt. Zehn Punkte erhält, wer sein Publikum restlos begeistert, einen Punkt, wessen Texte am besten niemals hätte geschrieben werden dürfen. Als Erfinder des Poetry Slam gilt der US-Poet Marc Kelly Smith aus Chicago, der 1986 erstmals zu einem Slam lud; Anfang der 1990-er Jahre etablierte sich das neue, spritzige Format auch in deutschen Metropolen. Exhibitionierten sich anfangs noch viele Exoten auf Slams, so ist die "Slamily", wie sich die Szene selbst nennt, inzwischen eine ernst zunehmende Gemeinde mit konstanten Regeln und seltenen Tabubrüchen.

"Alzpoetry" startet

Als Ruppel 2009 in Marburg die hessischen Poetry-Slam-Meisterschaften organisierte, lud er auch Gary Glazner ein. Von dessen Workshop beeindruckt, startete er ein eigenes, damals noch "Alzpoetry" genanntes Projekt. Aus der Poesie für Menschen mit Demenz entwickelte er sein Fortbildungskonzept, in dessen Mittelpunkt die Förderung kultureller Vielfalt in der Pflege steht. In speziellen Workshops leitet er Schüler, Pflegende und Angehörige von Pflegeheimbewohnern an, wie man Gedichte für Demenzpatienten vorträgt. Nebenbei spannt er eine Brücke zwischen den Generationen: Denn mit den Gedichten, die den Alten als originäres Fundament ihrer kulturellen Bildung gelten, können viele Jüngere gar nichts mehr anfangen.

Ruppel geht es nicht allein um das Wecken von Erinnerungen, sondern "um einen bewussten Umgang mit Sprache und eine kulturelle Aufwertung in der Pflege", wie er im Interview mit der "Ärzte Zeitung" erklärt (siehe rechte Seite). Als Slam-Poet will er Sprache zum Leben erwecken und bei allen Beteiligten – Vortragenden wie Zuhörern – Lebensfreude wecken. Ruppel: "Der kulturelle Anspruch in der Pflege sollte sein, Menschen im hohen Alter stets auch unbekannte Gedichte zu zeigen und so kreative Impulse im leider oft zu reizlosen Alltag zu bieten."

Am besten gelingt das mit Gedichten, die sich reimen. Morgenstern und Ringelnatz kitzeln das Zwerchfell, während Eichendorff die melancholischen Momente heraufbeschwört.

Lernen und ausprobieren

Da die Gruppen klein sind, können die Vortragenden auf jeden Zuhörer eingehen. Manche Gedichte werden auf Wunsch wiederholt, andere gekürzt, wieder andere verändert – im Mittelpunkt stehen immer die Heimbewohner mit ihren ganz speziellen Bedürfnissen. Ein "Weckworte"-Workshop dauert in der Regel zwei Stunden. In dieser Zeit lernen die bis zu 20 Teilnehmer zunächst ihr darstellerisches Potenzial kennen und Strategien, wie sie ihr Lampenfieber in den Griff bekommen.

Direkt im Anschluss an die Schulung wird's dann ernst. Oder lustig. Je nachdem. Jedenfalls probieren die Kursteilnehmer ihre gerade erworbenen Fertigkeiten bei einem Besuch im Pflegeheim unmittelbar aus.

Vor mitunter lethargischen, oft begeisterten und in jedem Fall dankbaren Patienten, die im Verlauf der 45-minütigen Sitzung oft von Zuhörern zu Protagonisten werden. Getreu dem Leitsatz, dass die Begegnung der Generationen stets auf Augenhöhe stattfindet.

So betrachtet, sind Ruppels "Weckworte" nicht nur ein anregendes Tonikum für demenziell erkrankte Patienten, sondern überdies eine Wortgewalt, die auch Schüler, Studenten, Angehörige und Pflegende wachrüttelt.

Oder um es mit Ringelnatz zu sagen: "Aufs Nilpferd setzte sich die Feder/Und streichelte sein dickes Leder./Das Nilpferd öffnete den Rachen/Und musste ungeheuer lachen."

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