Ärzte Zeitung, 24.01.2006

HINTERGRUND

Bei alten Menschen muß Mangelernährung früh erkannt werden - so läßt sich Pflegebedürftigkeit vermeiden

Eine Seniorin wird beim Essen und bei der Arznei-Einnahme unterstützt. Bis zu 70 Prozent der Senioren, die in die Klinik müssen, sind unterernährt. Foto: PhotoDisc

Von Nicola Siegmund-Schultze

Jeder Hausarzt kennt solche Patienten: Im mittleren Lebensalter hatten sie ein normales Körpergewicht, waren vielleicht eher zu dick, im sechsten oder siebten Lebensjahrzehnt nehmen sie langsam, aber stetig ab. Alle gewöhnen sich daran, daß aus einem kräftigen Menschen ein zerbrechlich wirkender wird: Arzt, Patient, Angehörige, Freunde, Pfleger.

Aber alte Menschen können die Folgen einer Mangelernährung schlechter kompensieren als junge. "Ein jüngerer Mensch bekommt wieder Appetit, wenn er sich von einer Krankheit erholt. Alte Menschen haben dagegen oft kein Bedürfnis, mehr zu essen, wenn sie von einer Krankheit genesen," so Professor Peter Stehle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), bei einer Veranstaltung in Frankfurt. Die Folge: Sie werden länger und schwerer krank.

Schätzungen zu Folge haben in Deutschland 1,6 Millionen Menschen Untergewicht, also einen Body Mass Index (BMI) unter 18,5. Bei alten Menschen gilt bereits ein BMI unter 20 als Warnsignal, sagt Professor Cornel Sieber, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG).

    Oft wird der Energiebedarf unterschätzt.
   

Über alle Altersgruppen hinweg ist etwa jeder Vierte, der ins Krankenhaus kommt, unterernährt, unter den Älteren sind es 40 bis 70 Prozent. Während des Klinikaufenthaltes verschlechtert sich Studien zu Folge bei etwa drei Viertel der Patienten der Ernährungszustand weiter.

Aber auch fünf bis zehn Prozent der zuhause lebenden älteren Menschen sind nach einer repräsentativen Untersuchung der Krankenkassen aus dem Jahr 2003 unterernährt und bis zu 60 Prozent der in Heimen lebenden Menschen.

Nachdem in den letzten Jahren Öffentlichkeit und Ärzteschaft vor allem für Überernährung und metabolisches Syndrom sensibilisiert worden sind, ist sehr viel weniger bekannt, daß vor allem ältere Menschen an Folgen von Unterernährung sterben, vor allem indirekten Folgen: Sie bekommen häufiger Infektionen, zumal sie mit der knappen Nahrung oft auch zuwenig Vitamine, Mineralien und Spurenelemente zu sich nehmen, und häufiger Dekubitus.

Ihr Risiko, an Op-Komplikationen zu sterben, ist dreifach höher als bei Normalgewichtigen gleichen Alters. Mangelernährung bei Älteren entwickelt sich oft durch ungünstige soziale Bedingungen, Gebrechlichkeit oder Trägheit zu kochen. Auch Krankheiten, die Schluck-, Kaubeschwerden, Bewegungs-, Koordinationsprobleme oder Appetitlosigkeit hervorrufen, appetithemmende Medikamente oder Depressionen oder Demenz können Gründe sein.

In Kliniken kommt dazu, daß den Patienten oft das Essen nicht schmeckt oder das Personal zuwenig Zeit hat, um beim Essen mit Füttern oder Zerkleinern der Kost zu helfen.

Zum Teil unterschätzen aber auch Ärzte, was ein Mensch an Energie pro Tag braucht. Zwar sinkt bei den meisten gesunden Senioren der Grundumsatz, so daß ältere Männer im allgemeinen mit 1900 Kilokalorien (kcal) und ältere Frauen mit 1700 kcal pro Tag auskommen. Aber gerade Menschen mit Demenz sind oft unruhig und bewegen sich viel. Auch Parkinsonkranke mit starkem Zittern haben erhöhten Kalorienbedarf.

Die jüngste Drohung der Krankenkassen, wegen der neuen Richtlinie des Bundesgesundheitsministeriums zur enteralen Ernährung mehr Wirtschaftlichkeitsprüfungen bei Ärzten vorzunehmen, schüre bewußt Ängste, sagte Sieber. Aus dieser Zwickmühle könne man sich nur befreien, indem dokumentiert werde, warum eine enterale Ernährung medizinisch notwendig war.

Dazu gehöre die Erhebung des Ernährungszustandes so früh wie möglich, also noch bevor die Frage nach Pflegebedürftigkeit anstehe, so Dr. Jürgen Bauer von der DGG: "Der Hausarzt kann auf diese Weise oft die Pflegebedürftigkeit eines alten Menschen abwenden." Wird mangelnder Appetit durch Schluck- und Kaubeschwerden, durch Krankheiten oder Medikamente hervorgerufen, sollten die Patienten, wenn möglich, behandelt oder Medikamente umgestellt werden.

Eine Ernährungsberatung sollte erfolgen und die Bedingungen für ein vollwertiges, gesundes Essen geschaffen werden, auch mit Hilfen wie Zahnprothesen oder speziellem Eßbesteck. Bleibe der Erfolg aus, sollten dann energiereiche Nahrungszusätze dem Essen beigemischt oder eine energiereiche Trinknahrung verordnet werden. Reicht auch das nicht aus, sollte auf eine Ernährung über Magen- oder Darmsonden umgestellt werden. Ultima ratio sei die parenterale Ernährung.

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