Ärzte Zeitung online, 15.05.2019

Umfrage

Ärzte als Freiwild für Aggressionen?

Die KV Hessen hat Ärzte und Praxispersonal im Bereitschaftsdienst nach Erfahrungen mit Gewalt und Aggressionen durch Patienten gefragt. Der KV-Vorstand zeigt sich geschockt vom Ergebnis.

Von Pete Smith

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„Da hört der Spaß auf“: Mit einer Plakataktion forderte das Klinikum Nürnberg schon 2015 zu Respekt auf.

© Daniel Karmann / dpa / picture alliance

FRANKFURT / MAIN. Zwei Drittel der im Ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) tätigen Ärzte in Hessen haben während ihrer Dienstzeit bereits verbale Gewalt erlebt, jeder Vierte berichtet sogar von körperlichen Attacken, wie aus einer Umfrage der KV Hessen hervorgeht. Beim nichtärztlichen Personal sind es sogar 85 Prozent der Befragten, die im Bereitschaftsdienst beschimpft oder beleidigt wurden, und elf Prozent, die körperliche Gewalt erfuhren.

Angeregt durch eine Anfrage der „Ärzte Zeitung“, hat die KV insgesamt 30 im ÄBD tätige Ärzte und 70 Angehörige des nichtärztlichen Personals nach ihren Gewalterfahrungen in den vergangenen Jahren befragt. 57 Prozent der Ärzte gaben an, in einer ÄBD-Zentrale schon einmal verbale Gewalt erlebt zu haben, knapp elf Prozent zusätzlich am Telefon.

Ärzte und Praxispersonal betroffen

Die weitaus meisten berichten von Aggressivität der Patienten (95 Prozent) und Beleidigungen (84 Prozent). Zwei Drittel der Bereitschaftsärzte (68 Prozent) sind sogar schon bedroht worden, und ein Viertel (25 Prozent) gab an, im Rahmen ihrer Tätigkeit auch schon körperliche Gewalt erlebt zu haben.

Die Ergebnisse der Umfrage hätten ihn erschreckt, sagt Dr. Eckhard Starke, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Hessen. „Erstaunt hat mich überdies, dass Ärzte inzwischen genauso häufig Opfer von Gewalt werden wie ihre Helfer, bei denen die Patienten früher Luft abgelassen haben.“

Tatsächlich decken sich die Erfahrungen von Ärzten und nichtärztlichem Personal im ÄBD weitgehend, wobei letztere etwas häufiger von verbaler Gewalt betroffen sind als Ärzte und etwas seltener von körperlicher Gewalt. Beim Personal wurde auch nach den Bewältigungsstrategien gefragt.

Die Hälfte der Betroffenen versucht danach, allein mit den Aggressionen, Beleidigungen und Bedrohungen durch ihre Patienten klar zu kommen, 25 Prozent suchen das Gespräch mit Kollegen, Freunden und Verwandten, gut zwölf Prozent reden darüber mit ihren Vorgesetzten.

Probleme auch auf dem Land

Die weitaus meisten Teilnehmer der KV-Umfrage (93 Prozent der Ärzte, 96 Prozent des nichtärztlichen Personals) haben das Gefühl, dass die im Ärztlichen Bereitschaftsdienst zu spürende Gewalt – sowohl verbal als auch körperlich – in den letzten Jahren zugenommen hat. Und das nicht nur in den großen Städten, sondern auch in Kleinstädten und Gemeinden, in denen etwa die Hälfte der Befragten ihren Dienst versehen.

Einen Grund für die Zunahme der Gewalt im Ärztlichen Bereitschaftsdienst sieht KV-Vorstandsvize Starke in einer gesteigerten Anspruchs- und Erwartungshaltung. Jene werde von Politikern zum Teil noch geschürt. „Wenn es zum Beispiel heißt, jedem Bürger steht ein schneller Termin zu, interpretieren das viele Patienten so, als hätten sie ein Recht darauf. Dann kommen sie in die Praxis, fordern ihr Recht ein und werden aggressiv, wenn sie am Ende doch warten müssen.“

Ärger über lange Wartezeiten

Über die zunehmende Gewalt von Patienten berichten auch Ärzte, Schwestern und Pfleger in den Notaufnahmen, wie eine kürzlich veröffentlichte Befragung der Hochschule Fulda ergab. Danach sind zwei Drittel der in hessischen Notaufnahmen Beschäftigten in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal körperlich angegangen und nahezu alle verbal attackiert worden, viele von ihnen täglich. Als Ursachen wurden unter anderen lange Wartezeiten und Unzufriedenheit mit der Versorgung genannt.

Neben der gestiegenen Anspruchshaltung macht Eckhard Starke auch einen Autoritätsverlust als Ursache der Gewalt aus. „Das betrifft nicht nur Ärzte, sondern auch Polizisten und Lehrer. Oder schauen Sie auf die Sanitäter, die anderen helfen wollen und dann von denen verprügelt werden. Da fragt man sich doch, was sich in deren Köpfen abspielt.“

Ärzte vermissen Fairness

Starke, der auch Vorstandsmitglied des hessischen Hausärzteverbandes ist, mahnt die „Vorbildfunktion derer an, die im Fokus der Gesellschaft stehen und eine besondere Verantwortung haben.“ Von Politik und Medien wünscht sich er sich mehr Fairness.

Starke weiter: „Wir haben in Deutschland eine sehr gute Gesundheitsversorgung, das kommt nach außen hin aber viel zu wenig zum Ausdruck. Nirgendwo lese ich: Wir sehen ja, dass ihr euch Mühe gebt. Im Gegenteil, ein Herr Spahn sagt sogar: Arbeitet doch mal bitte fünf Stunden länger. Und ein Herr Lauterbach suggeriert, dass die Patienten keinen Termin bekommen, weil die Ärzte auf dem Golfplatz stehen. Solche mag es auch geben. Aber die meisten Ärzte arbeiten sehr lange und sitzen manchmal sogar noch um neun Uhr abends in ihrer Praxis.“

Die Landesärztekammer Hessen will eine Meldestelle für Gewalttaten an medizinischem Personal einrichten, um die tatsächliche Zahl der Delikte dauerhaft zu erfassen. Zudem fordert sie, Gewalt gegen Ärzte künftig unter den Straftatbestand „Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte“ (Paragraf 115 Strafgesetzbuch) zu stellen (wir berichteten).

Durch eine Änderung des Strafgesetzbuchs haben seit April 2018 tätliche Angriffe auf Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungsdienstmitarbeiter ein höheres Strafmaß erhalten – Ärzte sind davon nicht erfasst.

Tatsächlich wird von Ärzten derzeit nur jeder vierte Angriff angezeigt, wie der Ärztemonitor 2018 von KBV und NAV-Virchow-Bund ergab. Darin äußerte jeder vierte Arzt, im Laufe seines Berufslebens schon einmal körperliche Gewalt erfahren zu haben. Doch die Befragung hielt auch eine gute Botschaft bereit: 91 Prozent der Ärzte und Psychotherapeuten sind mit ihrer Arbeit zufrieden.

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