Ärzte Zeitung, 08.09.2011

11. September - das Leid der Überlebenden nimmt kein Ende

Der zehnte Jahrestag des Terroranschlags vom 11. September 2001 weckt Erinnerungen. Wie ist es den Menschen ergangen, die das Attentat von Manhattan überlebt haben? Viele leiden - und das wohl für immer.

Von Claudia Pieper

11. September - das Leid der Überlebenden nimmt kein Ende

Der Tag, der die Welt verändert hat: Brennende Türme des World Trade Centers in New York am 11. September 2001, kurz vor dem spektakulären Einsturz.

© Gran Angular / Imago

WASHINGTON. "Siehst Du die zwei großen Gebäude, mein Schatz? Da arbeitet dein Papa", sagte Ron Breitweiser stolz zu seiner zweieinhalb Jahre alten Tochter Caroline. Das war am 9. September 2001. Da schien die Welt noch in Ordnung.

Zwei Tage später, am 11. 9. war Ron Breitweiser tot, eines der vielen Opfer, die sich zur Zeit der al-Qaida-Attentate in den "Twin Towers" des World Trade Centers aufgehalten hatten.

Insgesamt starben fast 3000 Menschen an diesem furchtbaren Tag: 256 in vier Flugzeugen, 125 im Pentagon und über 2600 im World Trade Center.

Die Katastrophe in New York spielte sich vor aller Welt ab, unerbittlich von laufenden Kameras eingefangen. Die Nation, die Welt schaute zu, wie Passagierflugzeuge zu Feuerbällen wurden, Menschen töteten, Menschen den Fluchtweg abschnitten und schließlich die beiden höchsten Gebäude der Welt in einen riesigen Schutthaufen verwandelten.

Helfer wurden als Helden gefeiert - und vergessen

Millionen waren traumatisiert - allein vom Zuschauen. Aber für die direkt Betroffenen, Überlebende der Attacken und Hinterbliebene, Familien wie die von Ron Breitweiser, veränderte sich an diesem schrecklichen Morgen das Leben.

Die Überlebenden sind keineswegs eine homogene Gruppe. Überdurchschnittlich viele hatten eine Universitätsausbildung und verdienten gut; andere waren einfache Angestellte, Fenster- oder Geschirrwäscher. Manche blickten dem Tod direkt ins Auge - vor allem die, die in den oberen Stockwerken der Twin Towers arbeiteten - andere verstanden erst später, welch einer tödlichen Gefahr sie entronnen waren.

Dann waren da noch diejenigen, die in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten als Helden gefeiert wurden, weil sie selbstlos anderen zu Hilfe gekommen waren.

PTBS-Diagnose nur bei 15 Prozent

Was keineswegs verwundert: Unter über 3000 Überlebenden, die zwei bis drei Jahre später auf Posttraumatisches Stress-Syndrom hin untersucht wurden, zeigten 95,6 Prozent mindestens ein typisches PTBS-Symptom. Lediglich 15 Prozent der Untersuchten erhielten allerdings eine PTBS-Diagnose.

Dabei wurde festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung zunahm, je intensiver die Betroffenen mit Leid und Horror konfrontiert worden waren.

Viele der Überlebenden haben den Medien von ihrem Trauma erzählt und sich nicht gescheut, sehr Persönliches preiszugeben.

Da ist zum Beispiel Lauren Manning, die in ihrem Buch "Unmeasured Strength" beschreibt, wie sie - schwer verbrannt - zunächst vom Rettungspersonal ignoriert wurde, weil sie sie als hoffnungslosen Fall betrachteten.

Manche Überlebende schrieben Ihre Geschichte auf...

Der Überlebende Michael Benfante rollt in seinem Buch "Reluctant Hero" auf, wie er erst zum nationalen Helden wurde, weil er mit einem Kollegen eine Frau im Rollstuhl 68 Stockwerke hinuntertrug, aber später an unbehandelten psychischen Problemen fast zerbrach.

Andere Überlebende haben in kurzen Anekdoten ihre Geschichte mitgeteilt. In dem zum zehnten Jahrestag veröffentlichten LIFE-Band "One Nation-America Remembers September 11, 2001, Ten Years Later" wird klar, wie viele der Betroffenen ihr Trauma verarbeiteten: indem sie ihren menschlichen Beziehungen einen höheren Stellenwert einräumten.

Der Koch Michael Lomonaco sagt, ihm sei klar geworden, "wie schnell die Zeit, die wir mit Menschen haben, vorbei sein kann". Lomonaco verlor am 11. September 73 Kollegen und Mitarbeiter, denen ihre Arbeitsstelle in dem im 106. Stock liegenden Restaurant zum Verhängnis wurde. Lomonaco überlebte nur, weil er sich zum Zeitpunkt des Attentats gerade im Einkaufszentrum des WTC eine Brille kaufte.

...oder gründeteten Wohltätigkeitsorganisationen

Er verbringt seitdem mehr Zeit mit Familie und Freunden und hat eine Wohltätigkeitsorganisation mitgegründet, die Familienangehörigen von Restaurantangestellten geholfen hat.

Zwei Frauen, die am11. September ihre Männer verloren hatten, gründeten eine Wohltätigkeitsorganisation für Witwen in Afghanistan. Die Motivation erwuchs für die beiden US-Witwen aus der emotionalen und finanziellen Unterstützung, die sie nach dem 11. September erfahren hatten.

Denn so schwer das Schicksal der Überlebenden und Hinterbliebenen war, so profitierten doch die meisten von einer nie da gewesenen Welle an Mitgefühl. Millionen von Dollar wurden gespendet, der Kongress stellte einen Fonds von 7 Milliarden Dollar bereit, der im Durchschnitt 1,8 Millionen Dollar pro betroffene Familie auszahlte.

Alle verloren am 11. September 2001. Doch Überlebenden und Familienangehörigen der Opfer wurde zumindest in vieler Hinsicht geholfen. Anderen erhielten keine Hilfe. Schlimm traf es amerikanische Einwohner, die "muslimisch" aussahen. Sie sahen sich plötzlich Hass und Misstrauen ausgesetzt. Moscheen und andere religiöse Gebäude wurden von Vandalen beschädigt.

"First Responder" zahlten einen hohen Preis

Eine weitere Gruppe teilt ein schweres Los: die mutigen Männer und Frauen, die unmittelbar nach dem Kollaps der Hochhäuser im Schutt nach Überlebenden und dann nach menschlichen Überresten suchten.

Diese "First Responders" sowie diejenigen, die in den Folgemonaten Schutt abtransportierten, oder auch einfach im unmittelbaren Umkreis der Katastrophe lebten und arbeiteten, haben oft einen hohen Preis bezahlt: Es wird geschätzt, dass viele der ersten Helfer bis zu 20 Jahre an Lebenserwartung einbüßten, weil sie toxischen Staub einatmeten. Es dauerte Jahre, bis die Betroffenen eine entsprechende Abfindung erhielten.

Einer der Helfer, Charles Cook, der 117 Tage lang unermüdlich am "Ground Zero" mitarbeitete und seitdem schwer lungenkrank ist, sagt in dem aktuellen Buch "Project Rebirth" zu seinem Schicksal lakonisch: "Wir kommen, wir gehen". Damit fängt er in wenigen Worten ein, was viele seit dem 11. September 2001 wissen: Das Leben ist verletzlich.

Zum Special "9/11 - Zehn Jahre danach"

Topics
Schlagworte
9/11 (33)
Panorama (30938)
Personen
Claudia Pieper (155)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Gala mit Herz und Verstand

Mit einer festlichen Gala hat Springer Medizin pharmakologische Innovationen und ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Die Preisträger vermittelten Hoffnung auf Heilung und auf Hilfe, hieß es am Donnerstagabend. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der deutschen pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »