Praxen im Südwesten betroffen
Wieder Stromausfall in Berlin: Kollege Sommer berichtet von seinen Erfahrungen
Der Stromausfall in Berlin trifft auch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte. Martin Sommer ist einer von ihnen, seine Praxis ist geschlossen. Patienten werden vorerst telefonisch von Zuhause aus betreut. Und wie steht es um pflegebedürftige Menschen?
Veröffentlicht: | aktualisiert:
Nur noch Kerzen erleuchten die Fenster eines Wohnhauses in Berlin. Nach dem Brand einer Kabelbrücke sind im Südwesten tausende Haushalte und Betriebe ohne Strom.
© Carsten Koall/dpa
Berlin. Wieder einmal ist ein großer Teil Berlins von der Stromversorgung abgeschnitten. Im Südwesten funktioniert vieles nicht mehr: kein Telefon, kein Handynetz, kein Licht und keine Heizung. Den Start ins neue Jahr hatte sich Dr. Martin Sommer anders vorgestellt, seine internistisch-kardiologische Hausarztpraxis ist die nächsten Tage zu.
Der Terminkalender für die erste Januarwoche war „richtig voll“, erzählt Sommer am Montag am Telefon. Doch anstatt in seiner Privatpraxis in Zehlendorf Sprechstunden abzuhalten, sitzt er jetzt einige Kilometer weiter nördlich zu Hause, sagt Termine ab und versucht, Anliegen von Patienten telefonisch zu klären.
Bis Donnerstag bleibt die Praxis voraussichtlich zu. Dann, so heißt es vom Netzbetreiber, sollen die Stromkabel voraussichtlich repariert sein. Sommer hofft, spätestens am Freitag wieder Patienten behandeln zu können.
Server ist unerreichbar
Am Samstag, frisch aus dem Urlaub zurück, erfuhr der Arzt von dem Anschlag auf die Stromkabel. Am Sonntag war dann klar, dass die Praxis in Zehlendorf sich in dem betroffenen Gebiet befindet.
„Ich dachte zuerst, dass wir ja auch so Sprechstunde machen könnten“, sagt Sommer. Mit Patienten sprechen, sie untersuchen und offline Rezepte ausstellen – das geht grundsätzlich ja auch ohne Strom.
Dennoch entschied sich Sommer dagegen. „Es geht nichts.“ Licht und Heizung funktionierten nicht. „Das Hauptproblem ist, dass der Server nicht erreichbar ist und wir nicht an die Patientendaten herankommen.“
Dank einer Cloud-Telefonanlage kann Sommer über sein Handy auf den Anrufbeantworter zugreifen und Patienten anrufen, die sich jetzt telefonisch mit einem Anliegen an die Praxis wenden. Werden Rezepte benötigt, telefoniert er mit Apotheken, ob sie fürs Erste auch ohne eine Verordnung helfen können. Das funktioniere ganz gut „auf kurzem Wege“, lobt Sommer. Die Patienten müssten die Rezepte später nachreichen.
Ist Generator die Lösung?
Den Inhalt des Praxiskühlschranks hat er nach Hause in Sicherheit gebracht. Sollte der Blackout doch länger als bis Donnerstag dauern, überlegt der Arzt, ob er sich einen Mini-Server anschafft, um wieder an die Patientendaten zu kommen und wenigstens von zu Hause aus dann Online-Sprechstunden abhalten zu können.
Kurz hat Sommer daran gedacht, ob der Kauf eines Diesel-Generators sinnvoll wäre. Ein Gerät koste um die 1.500 Euro. Nur ob mit dem Generator alles in der Praxis wieder funktionieren würde, da ist sich der Internist und Kardiologe nicht hundertprozentig sicher. Zudem: „So ein Gerät ist groß und wiegt über 100 Kilogramm, das packt man sich nicht eben ins Auto.“
Eine Praxisausfallversicherung hat Martin Sommer. Wie sie greift, das wird er prüfen lassen. Mit seinem IT-Berater will der Arzt zudem besprechen, wie er sich künftig auf solche langen Blackouts vorbereiten kann.
Von dem Stromausfall in Berlin waren am vergangenen Wochenende zunächst 45.000 Haushalte und mehr als 2.200 Unternehmen betroffen. Inzwischen wurden 14.500 Haushalte und 500 Gewerbekunden wieder angeschlossen, wie Stromnetz Berlin mitteilte. Betroffen sind die Stadtteile Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde.
Kliniken schnell abgesichert
Priorär lag der Fokus des Krisenstabes darauf, zunächst die Notstromversorgung der fünf Plankrankenhäuser zu sichern, die in dem betroffenen Gebiet liegen. Am Montag mittag teilte der Senat auf einer Pressekonferenz mit, dass auch 64 von 74 Pflegeeinrichtungen wieder an die Stromversorgung angeschlossen waren.
Die letzten zehn Einrichtungen sollten im Laufe des Tages an die Versorgung angeschlossen werden. Am Montag war es auch gelungen, die meisten Mobilfunkmasten in Betrieb zu nehmen. Damit ist der Notruf wieder erreichbar.
Pflegevertreter erklärten, die Evakuierung pflegebedürftiger Menschen in den vom Stromausfall betroffenen Heimen habe rasch und gut funktioniert.„Doch wie geht es den pflegebedürftigen Menschen, die zuhause noch immer im Dunkeln sitzen?“, sagte die Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbands Pflege (AGVP), Isabell Halletz, auf Anfrage der Ärzte Zeitung.
Notfallkonzept für pflegebedürftige Menschen nötig
Deutlich werde hier, dass dem Land Berlin ein Notfallkonzept für pflegebedürftige Menschen fehle. „Es gibt keinen Überblick, wer mit Hilfe- oder Pflegebedarf in den betroffenen Gebieten von der Versorgung abgeschnitten ist.“ Notrufe seien aufgrund der ausgefallenen Telefonnetze nicht möglich. „Wohl denjenigen, die von ambulanten Pflegediensten oder auch Angehörigen versorgt werden können.“
Ähnlich äußerte sich Thomas Knieling, Geschäftsführer beim Verband der Deutschen Alten- und Behindertenhilfe (VDAB): „Der großflächige Stromausfall in Berlin zeigt, wie fragil die Infrastruktur sein kann.“
Einrichtungen im Gesundheits- und Pflegebereich seien Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und brauchten Zugang zu sicherer und im Notfall auch autarker Energieversorgung. Problem sei, dass dies für Pflegeinrichtungen nicht refinanziert werde.
Durch einen Anschlag auf Strommasten hatte es schon im September 2025 einen großflächigen Stromausfall im Südosten der Bundeshauptstadt gegeben. (mit dpa/hom)












